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kuchentratsch im Interview

Nicht zu lange überlegen und planen – einfach mal machen!

Andrea Freier, Vasiliki Mitropoulou David Freudenthal

Startup ErnährungIntegrationRegional München

In süßer Arbeitsatmosphäre, zwischen duftenden Kuchen und einer Schar von Rührgeräten trafen wir Katrin von kuchentratsch in ihrer neuen Backstube. Sie erzählte uns welche Zutaten wichtig sind, um den Senioren die Möglichkeit zu geben, etwas Sinnvolles zu tun. Katrin und Katharina möchten zeigen wie man ein gesellschaftliches Problem mit einer wirtschaftlichen Lösung angehen kann.

Ich würde gerne mit der Entstehungsgeschichte von kuchentratsch anfangen. Seit wann kennt ihr euch und wie ist die Idee entstanden?

Katrin: Wir haben uns beim Studieren in Innsbruck kennengelernt. Wir waren beide im Vorsitzendenrat der Studierendenvertretung. Die Gründungsidee ist erst später entstanden. Für mich war immer klar, dass ich mich nicht selbstständig machen möchte und nach dem Studium in einem Unternehmen arbeite. In der Uni habe ich mich auch oft über Vorlesungen zum Thema Entrepreneurship und Start-ups geärgert. 

Katrin von kuchentratsch in der Backstube

Bereust du es, selber etwas gegründet zu haben?

Katrin: Nein überhaupt nicht. Jetzt finde ich es gut so wie es ist.

Was habt ihr studiert und würdest du trotzdem sagen, dass dir die Inhalte deines Studiums jetzt weiterhelfen? 

Katrin: Wir haben beide einen BWL Bachelor. Katharina hat ihre Schwerpunkte in den Bereichen Non-Profit und Gesundheit und ich in Kommunikation und IT. Die Grundlagen der BWL haben mir auf jeden Fall geholfen. Ich habe im Studium gelernt, wie Zahlen auszusehen haben, auf was man bei Management- oder Logistikprozessen achten muss.

Wir sind hier in eurer neuen Backstube, die ihr mit einer Crowdfunding-Kampagne finanzieren konntet. Wie lange seid ihr schon hier?

Katrin: Wir sind im März eingezogen und seitdem backen wir hier. Anfangs war alles sehr provisorisch und seither mussten wir immer wieder mal hier mal da etwas verändern. Aber die Hauptsache ist, dass unsere Seniorinnen und Senioren backen können.

Und wo habt ihr zuvor gebacken?

Katrin: Im Juni 2014 haben wir angefangen in der Küche des alten Hauptzollamtes zu backen. Wir hatten eine Gewerbeküche zur Verfügung und haben diese bis Februar 2015 mit einem Backtag pro Woche als Untermieter genutzt. Dann sind wir hierher umgezogen, praktisch ein nahtloser Übergang. 

Wieso habt ihr während des Umzugs keine Pause gemacht?

Katrin: Wir haben einige Stammkunden, die jede Woche bei uns bestellen. Es ist schwierig ihnen zu vermitteln, dass sie einige Wochen keinen Kuchen bekommen werden, denn dann werden sie ihren Kuchen woanders bestellen.

Wie kamt ihr zu der Idee, eine Crowdfunding-Kampagne zu machen? Hattet ihr das lange geplant?

Katrin: Wir haben unterschiedliche Finanzierungsmöglichkeiten durchgesprochen und überlegt, was das Beste für uns ist. Wir waren zunächst bei der Bank, aber wenn man direkt aus dem Studium kommt und kein Eigenkapital mitbringt, ist es schwierig einen Kredit zu bekommen. Daraufhin haben wir uns entschlossen, es mit Crowdfunding zu versuchen. Wir haben schließlich eine schöne Geschichte zu erzählen und das Thema ist sehr anschaulich. Wir würden uns jetzt allerdings zwei Mal überlegen, eine Crowdfunding Kampagne zu machen. Das Verhältnis von Aufwand und Zeit zum Ergebnisstimmt nicht. Wir haben sehr viel Arbeit in die Sache investiert; mussten sogar sechs Wochen jemanden einstellen, der das Management der Kampagne übernommen hat. Insgesamt haben wir 24.000€ bekommen, worüber wir sehr dankbar sind und was uns immens weitergeholfen hat. Auch das Marketing der Kampagne hat uns weitergebracht, allerdings glaube ich, dass wir das Marketing auch ohne die Kampagne gut geschafft hätten, da wir die Leute von der Presse so oder so einzeln anschreiben mussten. Man muss sich das Ganze gut überlegen, weil es wirklich viel Arbeit ist, die man zu Beginn unterschätzt.



Wie läuft eure Arbeit seit der Eröffnung der Backstube? Ist der Stress für euch gestiegen, weil ihr immer größer werdet oder seid ihr in eine Routine gekommen? Ist eure Work-Life-Balance im Gleichgewicht?

Katrin: Es gibt deutlich mehr zu tun, aber es läuft routinierter ab. Die Work-Life-Balance stimmt manchmal mehr manchmal weniger. Wir haben versucht den Sommer zu genießen, haben im August drei Wochen Betriebsurlaub gemacht. Außerdem haben wir beschlossen, dass wir am Wochenende nicht arbeiten. Wir achten darauf, dass wir freitags um 17 Uhr und unter der Woche um 18 Uhr Feierabend machen. Das kriegen wir mittlerweile ganz gut hin. Von März bis Mai sah das anders aus. Ich möchte nicht wissen, wie viele Überstunden wir mit dem Umzug und der Crowdfunding-Kampagne gemacht haben. Wir mussten viel zu oft Termine mit Freunden absagen, um etwas fertig zu machen. Das verstehen die Leute einmal, vielleicht auch zweimal. Wenn das aber zu oft vorkommt, haben sie kein Verständnis mehr. Das wollen wir, so gut es geht, vermeiden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es jede Menge Zeit und Energie kostet, bis man genaue Liefermengen einschätzen kann und Lieferanten gefunden hat um eine optimale Lieferkette zu haben.

Katrin: Es ist nach und nach etwas Neues dazu gekommen –ein Lieferant oder benötigte Produkte. Wenn wir von vornherein alles perfekt hätten machen wollen, dann gäbe es uns wahrscheinlich immer noch nicht, weil wir an duzende Regularien hätten denken müssen. Wir machen deswegen einfach einen Schritt nach dem anderen und sehen dann weiter.

Das heißt, nachdem ihr die Idee hattet, habt ihr einfach angefangen das zu machen?

Katrin: Genau. Wir haben einfach angefangen, ausprobiert und uns nicht so viele Gedanken gemacht, was es alles an Auflagen gibt, sondern einfach gemacht. Nach und nach haben wir festgestellt, was uns fehlt - ein Bäckermeister, eine Genehmigung, eine gewerbliche Küche und so weiter. Auch jetzt kommt immer wieder etwas Neues hinzu an das wir bisher noch nicht gedacht haben. Wir hatten Glück mit den Behörden und sie waren sehr entgegenkommend, sie haben sich mit Verwarnungen zurückgehalten, sodass wir nicht den Betrieb einstellen mussten, wenn etwas nicht 100% korrekt war. Sie haben uns das zu Verbessernde aufgelistet und wir haben uns darum gekümmert.

Man hat immer dieses Bild im Kopf, dass wenn jemand von der Lebensmittelkontrolle kommt und etwas nicht stimmt, der Laden sofort geschlossen wird.                                           

Katrin: Das war bei uns nicht der Fall. Die Behörden wussten, dass wir am Anfang stehen und kamen uns entgegen. Wir haben uns sofort gemeldet, um nachzufragen, wenn etwas unklar war – zum Beispiel mit welcher Lebensmittelfarbe die Wand gestrichen werden muss. Dadurch haben sie gemerkt, dass wir wirklich bemüht sind und es ernst nehmen.

Das heißt es geht wirklich bis hin zur Wandfarbe? Das klingt relativ streng.

Katrin: Ja, hier ist nur lebensmittelechte Farbe an der Wand. In der Gastronomie gibt es strikte Regeln, an die man sich halten muss.

Ihr seid, was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, in den letzten Wochen ziemlich aktiv gewesen. Kürzlich konnte man euch zum Beispiel bei Ego FM hören. Gab es schon Rückmeldungen auf euer Interview?

Katrin: Nachdem Katharina letzte Woche dort war, haben sich zwei Leute gemeldet, die Kuchen bestellen wollten. Das hat uns auch sehr gefreut. Die größte Wirkung haben allerdings immer noch Printmedien, wie Zeitungen und Magazine.

Ihr seid gerade dabei, zu wachsen. Was hilft euch momentan am Meisten?

Katrin: Wir brauchen Kunden um unseren Kuchen zu verkaufen. Das ist das Wichtigste. Wir haben im Augenblick drei Backtage und wollen das Angebot ausweiten, sodass unsere Seniorinnen und Senioren auch an den Nachmittagen backen können. Bis Anfang des nächsten Jahres, wollen wir 5 Backtage haben.

Wen adressiert ihr als Kunden für eure Kuchen?

Kathrin: Das sind Privatpersonen und Cafés, Unternehmen oder auch Stiftungen. Meist Leute, die Wert darauf legen, zu wissen, wo ihre Produkte her kommen und wie sie produziert werden. Sie bestellen dann den Kuchen für ihre Meetings bei uns. 

Ich habe gesehen, dass ihr zu Beginn euer Büro im Impact HUB Munich hattet. Wie kam es dazu und hat euch dieser besondere Arbeitsplatz in eurer Arbeit weitergeholfen?
 

Katrin: Wir waren Stipendiaten des social impact start Stipendiums  und hatten somit unseren Arbeitsplatz dort, was für uns sehr hilfreich war. Wir haben im Oktober die Idee gesponnen, im November mit der Umsetzung angefangen und hatten soforteinen Arbeitsplatz, an dem wir zwei Mal die Woche wirklich gearbeitet haben, was sehr viel produktiver als wenn man von zu Hause oder im Café arbeitet. Außerdem hatten wir, als Teil des Stipendiums, vor Ort Joshua  als unseren persönlichen Coach, der uns unterstützt hat und uns als Außenstehender Feedback gegeben hat.

Förderung ist in der Start-up Szene ein wichtiges Thema. Ihr wart Teil der Wirkungsschmiede von Ashoka. Wie waren eure Erfahrungen damit?

Katrin: Die Wirkungsschmiede hat uns weitergeholfen, da wir wichtigen Input bekommen haben. Andererseits war es schwierig, mit den anderen Teilnehmern auf einen Nenner zu kommen. Sie waren Vereine, die sich durch Spenden finanzieren und somit war Spenden sammeln oft ein Thema, was für uns nicht von Interesse war. Wir wollen bewusst kein gemeinnütziges Unternehmen sein, sondern zeigen, dass man ein gesellschaftliches Problem mit einer wirtschaftlichen Lösung angehen kann.

Ihr seid eine UG und habt zusätzlich einen Verein?

Katrin: Wir haben eine UG und sind seit einem halben Jahr dabei, einen Verein zu gründen, um auch Spenden sammeln zu können. Das ist allerdings nicht so einfach wie gedacht. Das Finanzamt hat nun sein O.K. gegeben, jetzt hat uns allerdings das Landesgericht mitgeteilt, dass wir Namen, Satzung und Zweck ändern müssen. Das bedeutet für uns, dass wir nochmal von vorne anfangen müssen. Die Idee war, nach dem Prinzip von Lemonade oder Viva con Aqua zu arbeiten, sodass wir Gewinne, die wir erwirtschaftet haben, spenden können. Aber dadurch ist das Ziel in weite Ferne gerückt.

Wie kommt ihr zu euren Senioren?

Katrin:Wir sind in der glücklichen Position, dass sie auf uns zukommen. Sie lesen das in der Zeitung und kommen vorbei. Gerade eben war eine Dame hier, die in der Apothekenrundschau von uns gelesen hat und zum Probebacken kam. Momentan sind 20 Seniorinnen und Senioren bei uns auf 450€ Basis angestellt.

Gibt es Leute, die sagen sie wollen einfach nur mitbacken?

Katrin: Der finanzielle Aspekt ist für die Senioren ein integraler Bestandteil. Das Geld, das sie hier verdienen, ist für sie eine echte Wertschätzung.

Drei Mal die Woche ist Backtag.

Seid ihr selber viel in das Backen eingebunden?

Katrin: Ich selber habe die Betriebsleitung übernommen und arbeite hier häufig am PC. Ich schaue ab und an, ob ein Kuchen fertig ist und aus dem Ofen geholt werden muss. Dass wir selbst Teig anrühren wie am Anfang, kommt nicht mehr vor. Wir kümmern uns um das Administrative. Außerdem haben wir noch eine Werkstudentin und eine Praktikantin, die uns unterstützen.

Wie genau unterstützen sie euch?

Katrin: Vera zum Beispiel hilft uns dabei, unsere Verpackungen zu optimieren. Wir haben im Augenblick ganz normale Papierkartons für Torten und werden diese wahrscheinlich beibehalten, weil es die Kunden erwarten. Aber wir hätten gerne eine Alternative im Angebot. Dabei geht es uns einerseits um die Wertigkeit des Produktes, andererseits um den produzierten Müll. Wir benutzen zwar biologische Verpackungen, die recycelt werden können, trotzdem entsteht dadurch Müll.

Habt ihr schon mal daran gedacht den CO2-Fußabdruck eures Kuchens auszurechnen?

Katrin: Das ist ein Punkt, der uns sehr wichtig ist, wozu wir aber noch nicht gekommen sind. Momentan müssen wir dafür Sorge tragen, dass wir unseren Kuchen verkaufen – es geht sozusagen um das Überleben. Wenn das läuft, wie es laufen soll, ist der ökologische Fußabdruck an der Reihe.

Woher bezieht ihr die Zutaten, die ihr zum Backen benötigt?

Katrin: Das Meiste lassen wir uns liefern, wie zum Beispiel Mehl, Nüsse und gekühlte Produkte. Das Obst kaufen wir in nahegelegenen Supermärkten ein. Dabei achten wir darauf, dass wir möglichst regional und saisonal einkaufen.

Welcher Kuchen kommt denn am besten an?

Katrin: Das wollen alle wissen, doch man kann es nicht pauschal sagen. Momentan sind Kuchen mit Aprikosen und Blaubeeren gefragt. Eine Zeit lang war Rotweinkuchen der Renner. Das ändert sich aber ständig.

Wie viele verschiedene Kuchen habt ihr im Sortiment?

Katrin: Unzählige, weil jede und jeder Anderes backen kann. Wenn wir eine Bestellung von Privatkunden bekommen, die sagen sie wollen einen bestimmten Kuchen, dann setzen wir uns in der Früh zusammen und überlegen, wer diesen Kuchen backen möchte. Die Cafés bestellen nur die Anzahl der Kuchen und die Senioren können selbstständig entscheiden, was sie backen. 

Kannst du noch Kuchen essen?

Katrin: Das Gute ist, dass wir die Kuchen im Ganzen verkaufen deswegen, kommt man gar nicht erst in die Verlegenheit, zu naschen. Früher bin ich am Sonntag ins Café gegangen, habe mich dort mit Freunden zum Kaffee und Kuchen getroffen. Das mache ich nicht mehr.

War deine eigene Oma schon mal hier und hat gebacken?

Katrin: Sie war bei der Eröffnungsfeier da und hat sich die Backstube angesehen; gebacken hat sie nicht. Zu Beginn war sie sehr skeptisch, ob ihr Enkelkind damit genügend Geld verdienen kann, um sich ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Aber jetzt ist sie sehr stolz auf mich. 

In einem Interview habe ich gelesen, dass ihr nicht richtig erklären könnt, wie ihr zu eurer Idee gekommen seid. Gibt es etwas, dass ihr mit Kuchen im Allgemeinen verbindet?

Katrin: Es liegt unter anderem sicherlich an dem sehr guten Verhältnis zu meiner eigenen Oma, die gerne Kuchen backt. Meine Oma ist noch sehr fit, hatte tagsüber aber nichts zu tun. Kinder und Enkelkinder waren aus dem Haus, Haushalt und Garten waren erledigt und sie hat das Gefühl gehabt, etwas Sinnvolles tun zu müssen. Deswegen finde ich den Grundgedanken an unserem Geschäftsmodell toll. Wir produzieren erstens so ein wahnsinnig leckeres Produkt und geben gleichzeitig den Senioren, eine Möglichkeit sich zu betätigen und damit das Gefühl, gebraucht zu werden. Manche wollen es zwar nicht zugeben, aber das ist schon so. Sie haben hier wieder etwas zu tun was ihnen Spaß macht und sie und ihre Kuchen werden geschätzt. Gleichzeitig ermöglicht ihnen das Gehalt, das sie sich dazu verdienen, mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen – sei es durch Theaterbesuche, die sie sich wieder leisten können oder den Kaffee mit einer Freundin.

Altersaltmut ist ein Thema, über das nicht gerne gesprochen wird.

Katrin: Ja, es wird kaum darüber geredet, aber es ist erschreckend, welche Ausmaße Altersarmut in einer Stadt wie München annimmt. Ich würde sagen, dass bei uns keine Oma am Existenzminimum lebt, aber manche haben das Geld wirklich nötig. Die eine spart auf eine Kreuzfahrt, die andere möchte sich einen neuen Wohnzimmerschrank leisten. Altersarmut ist ein Thema, dass uns am Anfang noch gar nicht wirklich bewusst war, aber jetzt merken wir schon, wie präsent es wirklich ist. 

Würdet ihr euch als Social Entrepreneurs verstehen und/oder habt ihr Kontakt zu Social Entrepreneurs?

Katrin: Auf gewisse Art und Weise schon. In meiner Definition ist ein Social Entrepreneur jemand, der ein gesellschaftliches Problem löst. Wir machen das auf eine wirtschaftliche Art. Über unsere Stipendien haben wir viel Kontakt mit anderen Social Entrepreneurs. Man muss aber sagen, dass auch die Vernetzung mit „normalen“ Start-ups hilft.

Habt ihr geplant, in andere Städte zu expandieren?

Katrin: Wir können gerade nicht sagen, wo wir uns in zwei Jahren sehen. Unser Plan beschränkt sich momentan darauf, hier in München eine ausgelastete Backstube zu haben. Wenn das funktioniert, überlegen wir, wie es weitergeht. Entweder expandieren wir in weitere Städte oder wir erweitern unsere Produktpalette um Herzhaftes oder Marmelade, oder machen eine zweite Backstube auf - es ist alles noch offen.

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