Menü

„Wir alle sind Menschen, die ein anständiges Leben führen wollen“

Der gemeinnützige Verein „Lernwerkstatt Halle 36“ möchte Geflüchtete für eine Arbeit im Handwerk begeistern.

Sebastian Preiß, Christoph Eipert Chris Eipert

Initiative BildungIntegrationGesellschaft München

Lernwerkstatt Halle 36 e. V. Logo

Die Lernwerkstatt Halle 36 e.V. gibt Geflüchteten in München und Umgebung die Möglichkeit, in verschiedene Handwerksbereiche zu schnuppern, sie auszuprobieren und kennenzulernen.

Lernwerkstatt Halle 36 e. V.

Holger Gödderz

gemeinnütziger Verein

2015

Heidemannstraße 50 Gebäude 14
80939 München
Bayern, Deutschland

info@lernwerkstatt-halle36.de

In München steht der Begriff „Bayernkaserne“ wohl wie kein Zweiter sinnbildlich für die Unterbringung von Geflüchteten. Auf dem ehemaligen Kasernengelände im Münchner Norden gab es schon seit längerem eine Unterkunft für Flüchtlinge. Im Sommer 2015 kamen dann aber an manchen Tagen tausende Geflüchtete in die Stadt und Meldungen über die überfüllte Einrichtung schnell in die Schlagzeilen. Die Zeiten, in denen die alten Kasernengebäude und Hallen so voll waren, dass die Menschen im Herbst und im Winter im Freien schlafen mussten, sind inzwischen vorbei. Doch noch immer sind hier hinter Stacheldraht und hohen Zäunen Menschen untergebracht, die die Zeit bis zur Erteilung oder Ablehnung eines Asylbescheids mit Warten verbringen müssen.

Auf dem Gelände in städtischem Besitz, auf dem ab 2020 ein neuer Stadtteil entstehen soll, sind aber auch mehrere Unternehmen tätig. Diese haben die Zustände in der Unterkunft hautnah mitbekommen und wollten den Geflüchteten die Möglichkeit bieten, ihre Wartezeit für etwas Sinnvolles zu nutzen. Zwölf Personen haben dazu den Verein Lernwerkstatt Halle 36 e.V.  gegründet, der berufsorientierende Maßnahmen im Handwerk anbietet und dadurch vorhandene Potentiale zum Vorschein bringen soll  ̶  oder einfach nur Freude an der Arbeit im Handwerk wecken will.

Viele Geflüchtete wollen unbedingt arbeiten, aber warten oft sehr lange auf die ungewisse Erteilung einer Arbeitserlaubnis. Gleichzeitig suchen Handwerksbetriebe händeringend nach Auszubildenden und viele Ausbildungsstellen in München und Umgebung bleiben unbesetzt. Die Lernwerkstatt möchte hier ansetzen, in dem sie Geflüchteten Einblick in handwerkliche Arbeit liefert und Lust auf mehr macht. Engagierte und zuverlässige Geflüchtete werden dann an Betriebe weiterempfohlen und vermittelt.

Von der Stadt hat der Verein eine leerstehende Fahrzeughalle auf dem Gelände zur Verfügung gestellt bekommen, in der er nun die Lernwerkstatt betreibt. Wir haben mit Projektleiter Holger Gödderz über Hürden, Rückschläge und Erfolge bei der Arbeit, Geflüchteten eine Berufsorientierung zu geben, gesprochen.

Projektleiter Holger Gödderz im relaio-Interview

Was ist euer Konzept, um Geflüchteten eine Berufsorientierung zu ermöglichen?

Holger: Die Situation in der Bayernkaserne ändert sich ständig, zuerst war es eine Erstaufnahme, dann eine Gemeinschaftsunterkunft, auf einmal ist auch die wieder weg - wir müssen immer schauen, dass wir unser Konzept sinnvoll und aktuell halten. Prinzipiell wollen wir Geflüchteten die Möglichkeit geben, in verschiedene Handwerksbereiche rein zu schnuppern, ein bisschen was auszuprobieren und eine Ablenkung zum Alltag schaffen. Dazu haben wir einen Grundkurs, der für weitere Kurse verpflichtend ist. Wenn die Teilnehmer zuverlässig sind, gibt es am Ende ein Zertifikat. Das Zertifikat ist zwar keine Garantie für eine spätere Arbeitsstelle oder ähnliches, aber es ist ein kleines Zeichen der Anerkennung und vor allem für eventuelle Arbeitgeber ein Zeichen, dass sich die Person bemüht, in den Arbeitsmarkt zu finden. Wenn der Grundkurs abgeschlossen ist, können im Anschluss die Teilnehmer, die sich als zuverlässig, engagiert und interessiert herausgestellt haben, Fachkurse besuchen.

Wie laufen eure Kurse ab?

Holger: Der Grundkurs findet vier Wochen lang immer halbtags statt, weil relativ viele Teilnehmer glücklicherweise in einen Deutschkurs kommen und dann die andere Hälfte des Tages Zeit für den Sprachunterricht haben. Wir bieten Plätze für sechs Teilnehmer und den Kurs leitet Roberto, ein beim Verein Festangestellter. Im Grundkurs arbeiten wir viel mit Holz, zum einen aus Kostengründen und zum anderen verzeiht es viele Fehler. Beim Holz sollte man präzise arbeiten, aber wenn es mal nicht funktioniert, kann man kleine Fehler mit Schleifen ausgleichen. In diesem Kurs kann man sehen, auf welchem Niveau die Teilnehmer sind. Es gibt einige, die haben vorher schon im Handwerk gearbeitet, aber die meisten hatten noch nie eine Säge in der Hand. Es ist wichtig das Niveau der Teilnehmer zu kennen, weil man sich dann besser auf sie einlassen kann. So kann man vermitteln, was zum Beruf gehört, was eine Handwerkstätigkeit ausmacht, aber eben auf dem Niveau, auf dem es Spaß macht. Und genau das ist, was wir erreichen wollen, ein bisschen Berufsorientierung, aber eben auch Begeisterung fürs Handwerk wecken. Außerdem können wir im Grundkurs die Zuverlässigkeit der Teilnehmer hinsichtlich ihrer Pünktlichkeit und Kommunikation mit uns abprüfen.

Im Grundkurs wird hauptsächlich mit Holz gearbeitet. 

Die Fachkurse werden dann von Ehrenamtlichen aus verschiedenen Betrieben geleitet. Aktuell haben wir einen Elektrotechnikkurs, den macht ein Ingenieur und einen Metallverarbeitungskurs, der von einem Feinwerkmechaniker geleitet wird. Wir sind aber immer auf der Suche nach weiteren Ehrenamtlichen, denn wir hätten gerne mehr Kurse im Angebot, damit wir Orientierung in verschiedenen Bereichen geben können.

Was wir nicht leisten können, ist eine Berufs- oder Ausbildungsvorbereitung, einfach weil die meisten Teilnehmer sehr frisch in Deutschland sind und gar nicht die Arbeitserlaubnis oder die Sprachkenntnisse haben. Wir wollen aber auch gar keine Ausbildung anbieten, da es in München und Umland genügend Betriebe gibt, die Auszubildende suchen. Deswegen wollen wir das gar nicht wegnehmen, sondern wir wollen die Leute dazu motivieren, überhaupt eine Ausbildung im Handwerksbereich zu beginnen. Wir wollen also die Leute aus der Unterkunft rausholen, die Wartezeit verkürzen und gegen die Langeweile ankämpfen und so die Zeit schon sinnvoll nutzen.  

Wie sehen bei euch Erfolgsgeschichten aus?  

 Holger: Die Frage stelle ich mir natürlich auch immer wieder, weil man seine Arbeit natürlich hinterfragt und manchmal hat man das Gefühl, man ist Erfüllungsgehilfe für die nicht ganz gelungene Asylpolitik der Bayerischen Landesregierung. Aber man schafft ein Angebot, um gewisse Unzufriedenheiten aufzufangen. Andererseits sehe ich schon, dass wir erfolgreich sind, weil es den Leuten, die hier im Kurs sind, gut tut. Die meisten sagen, es macht ihnen Spaß, sie lernen etwas und nehmen etwas mit. Und in dem Sinne sind wir auf jeden Fall erfolgreich. Was wir noch besser machen können, was aber aufgrund der Umstände schwierig ist, ist die Weitervermittlung. Das wäre aber die klassische Erfolgsgeschichte. Letztes Jahr gab es jemanden, der war super gut im Bereich Elektro, war auch schon zwei Jahre in Deutschland und hat gut Deutsch gesprochen. Er wollte ursprünglich eine Ausbildung machen, ist dann aber über Umwege bei MAN gelandet und arbeitet da jetzt in Vollzeit. Und das ist das Schöne, es funktioniert und das hätte es wahrscheinlich nicht, wäre er nicht hier gewesen.

 Was fehlt, dass Geflüchtete eine realistische Chance haben, in Deutschland arbeiten zu können?  

Arbeitserlaubnis

Der Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete ist abhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. 
In den ersten drei Monaten nach der Ankunft in Deutschland, während der Verpflichtung in einer Erstaufnahmeeinrichtung zu wohnen und für Menschen aus sicheren Herkunftsstaaten gilt ein generelles Arbeitsverbot.

Die anschließende Erteilung einer Arbeitserlaubnis für Asylsuchende und Geduldete liegt im Ermessen der Ausländerbehörde.


Holger: Die Arbeitserlaubnis. Das ist im Moment eine Katastrophe in Bayern. Wir haben viele Teilnehmer die super engagiert sind, aber das Pech haben, dass sie einfach keine Arbeitserlaubnis bekommen. Es gibt die eingeschränkte Arbeitserlaubnis, die nur in Zustimmung mit der zuständigen Ausländerbehörde und der Arbeitsagentur erteilt wird. Soweit ich das mitbekomme, ist das von Seiten der Arbeitsagentur selten ein Problem. Wenn du in München untergebracht bist, ist die Ausländerbehörde relativ großzügig, was die Vergabe von Arbeitsgenehmigungen angeht. Aber wenn du im Umland untergebracht bist, dann kannst du dich oftmals noch so sehr auf den Kopf stellen. Ich kenne einen Fall, der hat schon drei verschiedene Arbeitsverträge vorgelegt, die alle von der Arbeitsagentur geprüft und akzeptiert wurden, aber er bekommt einfach keine Arbeitserlaubnis. Und das scheint politisch motiviert, eine andere Erklärung finden wir dafür nicht.

Was sind darüber hinaus Hindernisse und Hürden, Geflüchtete ins Arbeitsleben zu helfen?  

 Holger: Das Hauptproblem ist, dass die Asylpolitik ein sehr unstetes System ist. Wir hatten jemanden, der bei einem längerfristigen Projekt mitgebaut hat, der kam plötzlich nicht mehr. Da dachten wir uns: Warum ist der jetzt plötzlich so unzuverlässig geworden? Dann ruft man an, und erfährt, dass er sozusagen über Nacht einen Transfer in das Abschiebelager Bamberg bekommen hat, obwohl er schon zwölf Monate in Deutschland ist und langsam an dem Punkt wäre, wo man gerne den nächsten Schritt gehen würde. Er hat ein gewisses Deutschniveau erreicht, hat im Kurs super mitgemacht – der Traumkandidat fürs Handwerk, der immer da war, immer engagiert. Und auf einmal gibt es keine Perspektive mehr. Das macht es sehr schwer.

Aber natürlich ist auch von den Kursteilnehmern nicht jeder der Zuverlässigste. Manchmal haben wir zum Beispiel sechs Anmeldungen für den Kurs, aber am ersten Tag erscheinen nur vier. Dann rufen wir noch Leute von der Warteliste an, von denen zwei zusagen, aber dann nur einer erscheint. Das ist auch für den Kursleiter frustrierend, ein Kursstart ist oft holprig. Wenn jemand zu spät kommt, gibt es beim ersten Mal die Ansage, pünktlich zu sein. Beim zweiten Mal fällt sie deutlicher aus, beim dritten Mal darf man an dem Tag nicht mehr mitmachen und wenn es dann noch öfter passiert, gibt es kein Zertifikat. Wenn jemand hier das Zertifikat nicht bekommt, lernt er vielleicht, dass Pünktlichkeit im Handwerk wichtig ist. Wenn man später mal arbeitet und auf die Baustelle fahren will, aber zu spät zur Abfahrt des Busses kommt, dann ist der Chef sauer. Bei uns aber kann man die Fehler und die Erfahrung machen, das Zertifikat nicht zu bekommen ist dann kein Weltuntergang, wenn man daraus lernt, zuverlässiger zu sein.

Ein weiteres Problem ist, Finanzierungsmöglichkeiten zu finden. 2015 war es viel leichter Geld zu bekommen. Da haben uns die Leute quasi geschrieben und gefragt: Wie viel braucht ihr? Das ist jetzt nicht mehr so. Die gesellschaftliche Stimmung gegenüber Geflüchteten hat sich gewandelt und das merken wir ganz klar –auch auf dem Konto. Wir arbeiten ausschließlich spendenfinanziert. Und so ist das Fortbestehen unseres Projektes immer von der Spendenbereitschaft abhängig.

 Der Verein hat von der Stadt München eine leerstehende Fahrzeughalle auf dem Gelände der Bayernkaserne zur Verfügung gestellt bekommen, in der er nun die Lernwerkstatt betreibt.

Merkt ihr diesen Stimmungswechsel auch noch auf andere Weise, zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit den Betrieben, an die Ihr weitervermitteln wollt?

Holger: Natürlich gibt es ab und zu auf Veranstaltungen Gespräche mit Außenstehenden und Bemerkungen wie: „Wie könnt ihr Afrikaner mit einer Maschine arbeiten lassen, die können doch noch nicht mal mit Feuer umgehen?“.

Aber bei den Betrieben sind es eher Einzelfälle. Ein Gartenbauer hier auf dem Gelände hat versucht, mehrere Geflüchtete in die Ausbildung zu nehmen. Aber da hat es einfach nicht gepasst, die Leute, die er angestellt hatte, waren zu unzuverlässig. In den Einzelfällen kann man klar nachvollziehen, warum einzelne Betriebe mit jemandem unzufrieden sind, das liegt dann aber nicht an der Herkunft sondern der Zuverlässigkeit der Einzelnen. Langfristig werden Unternehmer, die sich aus Prinzip gegen die Anstellung Geflüchteter sträuben, aber Probleme bekommen, weil dringend Auszubildende gebraucht werden.

Einer unserer Vereinsvorstände nahm ebenfalls Geflüchtete in seinem Betrieb auf, der erste war eine Katastrophe, mit allen anderen danach war er super zufrieden.  Es gibt welche, die es gut machen und andere eben nicht. Wir können im Kurs rausfinden, wer engagiert ist und Lust auf Handwerk hat. Aber die Unternehmen müssen lernen, dass sie offen und aufgeschlossen sein müssen, wenn sie Nachwuchs wollen. Man muss einfach lernen, dass wir alle Menschen sind, die ein anständiges Leben führen wollen.

Es ist für ein Unternehmen sowieso schon schwierig, jemanden passenden einzustellen, aber dann kann noch die Landesregierung beziehungsweise das Landratsamt dazukommen und die Arbeitserlaubnis entziehen. Das ist frustrierend, weil es nichts mit dem Unternehmen oder dem Teilnehmer zu tun hat, sondern einfach mit der Politik. Manche Unternehmer sind dann einfach gefrustet, über die Bürokratie und das System, und sagen: „Bei dem politischen Umfeld brauche ich niemanden einzustellen.“

Verzweifelt man da nicht oft?

Holger: Gestern war so ein Tag, an dem ich sehr frustriert war. Da hatte ich ein Telefonat, mit einem Geflüchteten, der abgeschoben werden soll. Der war sehr engagiert, auch ohne monetäre Motivation. Er hat hier einem Fotografen geholfen, er hat Theater gespielt, er war in den Kursen, er hat alles mitgenommen, was er irgendwie mitnehmen konnte. Dazu einfach ein cooler Typ, mit dem man sich auch so gut verstanden hat. Er war auch auf unserer Weihnachtsfeier, hat da auch aufgelegt. Und letzte Woche dann der Transfer nach Bamberg – das heißt dann Endstation. Da geht einfach nichts mehr.

Wie geht man damit um?

 Holger: Weitermachen. Sich auf die Nächsten konzentrieren. Man weiß, auch wenn nicht zwingend was daraus wird, aber der Monat, oder die drei Monate, die man hier im Kurs ist, die bedeuten vielen einfach etwas: Am Ende mit dem Zertifikat dazustehen, was gebaut zu haben, was mitzunehmen. Wir haben auch Teilnehmer, die zwei bis drei Monate nachdem sie fertig sind, bei uns im Büro stehen und mal Hallo sagen. Und das zeigt uns, was wir machen, hat für Menschen schon eine gewisse Bedeutung. Man muss es ja auch selbst für sich rechtfertigen, es kostet Geld, wir bitten um Spenden, sind die sinnvoll eingesetzt? Das muss man ständig reflektieren. Aber es gibt noch genug Menschen, die Hilfe brauchen und gerade ankommen. Und wir versuchen immer ehrlich zu den Teilnehmern zu sein. Und das ist, glaube ich, auch wichtig. Man sagt das nicht gerne: „Du kommst frisch aus Nigeria, hast viel durchgemacht, aber 90 Prozent der Nigerianer bekommen keinen positiven Asylbescheid.“ Zudem haben nicht alle Geflüchtete Zugang zu allen Integrationsmaßnahmen. Nur wer aus den Ländern mit über 50 Prozent Bleibeperspektive kommt, also Irak, Iran, Somalia Eritrea und Syrien, bekommt sofort einen Deutschkurs. Die Nigerianer, die bei uns im Kurs sind, müssen wir erst weitervermitteln, bevor sie einen Kurs bekommen. Aber zum Beispiel bei den Senegalesen sieht es schon wieder anders aus, weil der Senegal ein sicheres Herkunftsland ist und deswegen die Geflüchteten deswegen manchmal gar keine Sprachkurse bekommen. Wir hatten einen Senegalesen im Kurs, der seit drei Jahren in Deutschland ist und nichts macht, weil er nichts machen darf. Das ist dann eine selbsterfüllende Prophezeiung des Rassismus: „Schau mal die Schwarzen machen alle nichts!“ Aber sie dürfen gar nichts machen.

Profil als PDF speichern

Profil teilen