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ProGlove - Ein Handschuh für die Industrie 4.0

Human Enhancement in der Fabrikhalle

SchwerpunktMenschMaschineProduktion München

München Ostbahnhof. Das ehemalige Partyviertel, der Kunstpark Ost. Nicht gerade ein Ort, wo man ein Technologieunternehmen erwarten würde. Doch hat sich hier ein Start-Up niedergelassen, das mit seiner Idee großen Anklang findet: ProGlove. Ihr Produkt: ein Datenhandschuh für die Industrie 4.0.

relaio: Was ist die Geschichte hinter ProGlove?

ProGlove: Wir sind insgesamt vier Gründer, die als Team schon früher an verschiedenen Projekten gearbeitet haben. Mit Paul Günther habe ich schon vor zehn Jahren mal ein Unternehmen gegründet, die anderen Mitgründer habe ich die letzten Jahre kennen gelernt. Wir waren vor zwei Jahren in einer Phase, in der wir Innovationsberatung gemacht haben. Wir kommen eigentlich aus dieser IDEO-Welt, in der man großen Unternehmen erklärt, wie man Ideen generiert. Das Problem an dieser Welt ist, dass sie recht frustrierend ist. Man hat echt coole Projekte und die gibt man am Ende wieder ab, denn meistens werden sie nicht umgesetzt. Wir haben dann angefangen, in unserem eigenen Modus zu arbeiten: sechs Monate Beratung und sechs Monate unsere eigenen Ideen. Wir haben also das ganze Geld, das wir in der Beratung verdient haben, für die Umsetzung der eigenen Ideen ausgegeben. Wir hatten vor ProGlove eigentlich erst ein anderes kleines Projekt gestartet, aber dann gab es einen Wettbewerb von Intel aus den USA, der unter dem Motto „Make it Wearable“ lief. Da ging es ganz allgemein um Wearable-Technologie, der Hauptpreis betrug eine halbe Millionen Dollar.

Paul Günther war zu dieser Zeit Doktorand bei BMW und hatte die Idee, Wearable-Technologie für die Industrie zu bauen. Wir sind dann zu einer BMW Industriehalle hin, klassischer Innovationsansatz, und was uns dort auffiel war, dass alle Handschuhe tragen. „Also machen wir doch einen Handschuh intelligent!“. Wir haben dann an einem Wochenende ein schnelles Video für den Intel-Wettbewerb gedreht, in einer alten Automobilwerkstatt in der Nähe von München, und sind damit tatsächlich für den Wettbewerb angenommen worden. Das war im September 2014. Irgendwie sind wir immer eine Runde weitergekommen. Wir waren die Einzigen dort, die irgendetwas für die Industrie gemacht haben. Das fand die Jury damals sehr spannend. Natürlich kam es auch gut in den USA an, dass da ein paar Deutsche eine Erfindung vorstellen, mit der man noch schneller Autos bauen kann. Letztendlich haben wir insgesamt 150000 Dollar gewonnen. Jetzt geht es darum so viele ProGloves wie möglich zu verkaufen.

Gründer Thomas Kirchner und sein ProGlove

relaio: Was ist das Besondere an der Technologie des ProGlove?

ProGlove: Grundsätzlich ist es ein Barcode-Handschuh. Etwas sehr einfaches. Man stellt sich am Anfang 30 Features vor – am Ende baut man dann drei davon. Es geht tatsächlich um den Anwendungsfall: wenn ich bei BMW am Band stehe, muss ich so gut wie jedes Teil, was ich ins Auto einbaue, erst scannen. So wird jeder Arbeitsschritt dokumentiert. Ich nehme zum Beispiel dieses Teil, dann muss ich eine kleine Pistole nehmen, dann scanne ich das Teil mit dieser Pistole, dann schaue ich auf den Monitor, ob dieses Teil auch das richtige Teil ist, und dann stelle ich die Pistole wieder weg. Dann baue ich das Teil ein. Wir haben den letzten Schritt obsolet gemacht. Ich nehme das Teil, scanne, bekomme ein Feedback, dann kann ich es einbauen. Damit spart zum Beispiel BMW pro Scan vier Sekunden. Für ein einziges Auto sind in etwa 1000 Scans notwendig. BMW baut etwa 1000 Autos am Tag, also spart BWM pro Tag 1000 mal 1000 mal vier Sekunden mit unserem ProGlove. Das ist extrem viel Geld für BMW. Allgemein gehören Barcodes zu den einfachsten Dokumentationsmethoden in Industrieprozessen. Kritisch ist diese Art der Dokumentation für Autobauer vor allem dann, wenn Autos zum Beispiel einen Airbag-Fehler haben. Dann muss ich natürlich wissen, in welchen Autos diese mangelhaften Airbags verbaut worden sind, um diese dann so schnell wie möglich zurückrufen zu können.

relaio: Auf eurer Webseite kündigt ihr auch eine Ortungstechnologie an, mit der der Handschuh inklusive TrägerIn geortet werden können. Was wollt ihr damit erreichen?

ProGlove: Wir haben Prototypen, die orten können. Ich will damit wissen, wo in einer Werkhalle das ganze Zeug liegt, zum Beispiel. Dann gibt es Werkzeuge an bestimmten Stationen, die kann man tracken und dann weiß ich, das Werkzeug wird gerade an den richtigen Station eingesetzt und ist nicht wieder irgendwo. Was wir auch gerne wissen würden ist, wo die Arbeiter gerade sind. Das ist technisch alles relativ gut machbar, die Frage ist nur, wie sinnvoll das ist. Nur weil man es kann, heißt es nicht, dass es sinnvoll ist. Wir müssen uns letztendlich fragen: „Wofür bezahlt ein Kunde Geld?“. Im Moment ist unseren Kunden die Ortung relativ egal. Das entscheidende ist, dass der ProGlove vier Sekunden spart, die vier Sekunden sind unseren Kunden etwas wert. Wie genau er die spart, das ist heute noch nicht so spannend. Ich glaube, die Daten aus einer Ortungsanalyse könnten erst in drei bis acht Jahren spannend werden. Zudem hat man in Deutschland überall Datenschutzregeln, an die man sich halten muss. Wir tauschen uns sehr viel mit den Betriebsräten aus, um zu verstehen, welche Daten sinnvoll sind. Wo wir sehen, dass Daten anfangen Sinn zu machen, ist in Logistikzentren. Beispiel: In einem Logistikzentrum werden Hosen und T-Shirts versendet. Um eine Hose zu versenden muss ich im Lager einen bestimmten Weg zurücklegen – das braucht Zeit. Für ein T-Shirt brauche ich dann so und so viel Zeit. Am Ende des Tages merke ich jedoch, dass ich viel mehr T-Shirts als Hosen verkaufe, gleichzeitig brauche ich aber mehr Zeit, um ein T-Shirt zu versenden als eine Hose. Erst aus diesen Daten kann ich wirklich verstehen, dass ich das Lager rearrangieren und damit optimieren kann.

 Prototyp „Katharina“

relaio: Welche ProGlove-Daten könnte man noch nutzen?

ProGlove: Es geht teilweise schon in die Richtung, dass die Daten nicht dem Vorarbeiter zu Verfügung gestellt werden, sondern dem Arbeiter selbst. Dadurch lassen sich echt coole Gamification-Ansätze realisieren: Der Arbeiter bekommt zum Bespiel eine extra Belohnung, wenn er 100 Mal gescannt hat. Das ist aus motivationsstrategischer Sicht  viel spannender als die Laufwege aufzunehmen. Wir haben aber Anfragen aus den USA wie: „Könnt ihr die Herzfrequenz auslesen, weil wir gerne wissen möchten, wann wir den Arbeiter austauschen können?“. Für so etwas sind wir aber einfach zu Deutsch.

relaio: Welches Feedback habt ihr von Nutzern des ProGloves bisher bekommen?

ProGlove: Wenn die Arbeiter den Handschuh nicht tragen wollen, dann bringt es uns überhaupt nichts. Das ist das Interessante bei unserem Geschäftsmodell. Wir haben Nutzer und wir haben Käufer. Und das ist nicht dieselbe Person. Für die Nutzer bedeutet der ProGlove in erster Linie einen Schritt weniger zu arbeiten und dadurch weniger Stress zu haben. Es gibt immer auf Arbeiterebene die zehn Prozent, die sagen: „Neues Zeug, das mag ich nicht. Ich mache das seit 30 Jahren so, ich fange jetzt nicht an, das anders zu machen“. Aber insgesamt finden die das alle gut. Das liegt aber vor allem daran, dass sie Zeit sparen und weniger gestresst sind.

relaio: Welche Arbeitsschritte automatisiert ProGlove?

ProGlove: In dem Sinne automatisiert der Handschuh gar nichts. Im Gegenteil: Er beschleunigt einen Prozess, den man sonst automatisieren würde! Dadurch, dass ich dem Arbeiter ein Werkzeug gebe, mit dem er effizienter und ergonomischer arbeiten kann, löse ich mich von der Idee eines Roboters als Ersatz. Wenn ich dem Menschen ein kluges Werkzeug gebe, dann kann er die genau gleiche Effizienz rausholen. Ich muss nicht alles automatisieren. Automatisierung ist nicht immer der richtige Weg.

relaio: Können die Arbeiter dann auch früher nach Hause gehen, wenn sie diese Zeit einsparen?

ProGlove: Es geht einfach um mehr Effizienz. BMW ist es sehr wichtig, dass ihre Mitarbeiter sich wohl fühlen. Wenn der ProGlove da vier Sekunden freischaufelt, in denen der Arbeiter durchatmen kann, dann findet BMW das gut, dafür fließt da sehr viel Geld. Gleichzeitig gibt es andere Stellen, an denen der Arbeiter dann einfach zwei Mal scannen kann als bisher nur ein Mal. In den gewonnenen acht Sekunden könnte der Arbeiter vielleicht etwas anderes machen. Bei Logistikanwendungen ist es tatsächlich so, dass die Arbeiter durch den Handschuh einfach mehr schaffen.

relaio: Ihr habt den beiden bisherigen Prototypen menschliche Namen gegeben. Warum? 

ProGlove: Genau. Der da heißt Katharina und der heißt Mark (zeigt auf beide Prototypen). Es sind tatsächlich Ex-Freunde und Ex-Freundinnen von uns. Wir denken, dass man sich in Produkte schon verlieben darf, aber irgendwann auch wieder loslassen muss. Daher die Namen unserer Ex-Freunde und Ex-Freundinnen.

relaio: Ihr werdet oft mit dem Begriff Industrie 4.0 assoziiert. Das große Ziel der Industrie 4.0 ist die komplette Automatisierung von Industrieprozessen. Steht der ProGlove dazu nicht etwas im Widerspruch? Glaubt ihr, dass vollautomatisierte Technologien den Arbeiter und somit auch euch verdrängen werden?

ProGlove: Wir glauben, dass der Mensch immer ein Teil  von Produktzyklen sein wird. Diese Utopien, dass wir nur noch eine leere Fabrikhalle haben, das geht bei Produkten wie A4-Papier. Das kann ich in einer sogenannten Dark Factory machen. Der Vorteil des Menschen ist und bleibt seine unglaubliche Flexibilität und seine sehr gute Lernfähigkeit. Man muss ihn nicht aufwendig programmieren. Betrachtet man alle diese Fähigkeiten, dann ist der Mensch auch noch sehr günstig. Ein Roboter ist teuer und man muss ihn programmieren. Große Roboterfirmen gehen natürlich dahin, dass sie Roboter leichter programmierbar machen, trotzdem dauert es noch ewig, bis die mal soweit sind. Selbst dann wird es immer noch Arbeitsschritte geben, die man so selten macht, da lohnt es sich nicht einen Roboter hinzustellen und extra zu programmieren. Das macht dann immer noch ein Mensch, das ist günstiger.

Die Werkstatt von Proglove

relaio: Warum gibt es eigentlich diesen allgegenwärtigen Automatisierungshype in der Technologieentwicklung gerade jetzt?

ProGlove: Die Dinge werden digital. Ich kann durch Digitalisierung extrem an Effizienz gewinnen und bei Industrieprozessen geht es immer nur um die Effizienz. Die Industrie will für möglichst wenige Ressourcen gleich bleibende oder sogar bessere Qualität erreichen. Die Digitalisierung schafft das. Aber das ist ein so komplexer Prozess, dass die Digitalisierung einfach eine ganze Weile dauert. Gerade in der Industrienation Deutschland reden dann natürlich alle schon vorab von Industrie 4.0. Was mir aber auch dauernd auffällt ist, dass kaum jemand wirklich Ahnung hat. Geredet wird viel und gerne, aber Wissen mit konkreten Beispielen – das ist sehr begrenzt. Das machen wir uns übrigens auch zu Nutze, weil unsere Lösung sehr einfach zu erklären ist: Dummer Handschuh - Intelligenter Handschuh.

relaio: Was kostet ein ProGlove?

ProGlove: Um die 1000 Euro. In der Industrie sind solche Preise völlig ok. Im Vergleich dazu, was sie damit sparen. Streckenweise haben wir einen Return on Investment innerhalb von zwei Wochen.

relaio: Warum macht ihr ProGlove gerade in München?

ProGlove: Weil alle unseren Kunden hier sind. Wir hatten am Anfang die Möglichkeit ins Silicon Valley zu gehen. Aber unsere Kunden sind fast alle hier in Süddeutschland und der Kundenkontakt ist uns sehr wichtig. Wir sind auch alle aus München. Die Universitäten hier sind sehr gut. Das schöne ist, wir machen ein Hardware-Ding für die Automobilindustrie, da haben die Leute hier eine Beziehung zu. Wenn bei Audi jemand keine Lust mehr hat, landet er tendenziell bei uns, weil er sagt, er will zu einem Start-Up. Deswegen ist München für uns ein super Standort.

relaio: Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

 

 

 

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