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nearBees im Interview

Viktoria von nearBees über den Wandel im Handwerk der Bienenzucht. nearBees vereint nachhaltiges Produktdesign mit lokalem Vertrieb im digitalen Zeitalter.

Clemens Binder David Freudenthal

Startup RegionalErnährungUmwelt München

Wir haben Viktoria von nearBees in ihrem neuen Büro in München besucht und sprachen mit ihr über das Zusammenleben von Mensch und Biene. Dabei stehen die Imker, die Bienen und insbesondere der bewusste Konsument im Vordergrund.

Viktoria gab relaio einen Einblick in den Wandel des jahrhundertealten Handwerks der Bienenzucht. nearBees vereint nachhaltiges Produktdesign mit lokalem Vertrieb im digitalen Zeitalter. Das vierköpfige Gründerteam arbeitet aus Leidenschaft für den Erhalt der lokalen Imkerkultur.

Viktoria im Interview.

Hallo Viktoria. nearBees hat es geschafft, die Beziehung zwischen Konsumenten, Bienen und Imkern neu zu gestalten. Woher kommt dein Interesse und der Blick dafür, alle Parteien verstehen zu können?

Viktoria: Wir haben in meiner Familie schon immer Bienen gehalten. Mein Opa hatte über 30 Völker auf dem Land. Als er zu alt für die Imkerei wurde und aufhören musste Bienen zu halten, hatten wir auf einmal keine Kirschen mehr an unseren Kirschbäumen, da es im Umkreis keine Bienen mehr gab.

Nach meinem ersten Design-Studium habe ich dann in Freising beim Imker-Verein eine Ausbildung zur Imkerin gemacht. Ich fand es sehr spannend, wie sich das Zusammenleben von Mensch und Biene und deren Wertschätzung in den vergangenen 100 Jahren verändert haben.

Auf das Grundkonzept von nearBees bin ich während meiner Masterarbeit zum Thema “Die Veränderung im Zusammenleben von Menschen und Bienen” gekommen. Unser Konzept besteht darin, dass Imker sich ein individuelles Profil einrichten und Kunden über nearBees.de direkt beim Imker den Honig aus ihrer Umgebung kaufen.

Das Zusammenleben mit Bienen wird zunehmend medial thematisiert. Das Bienensterben dürfte vielen ein Begriff sein. Welche Rolle spielt der Mensch dabei?

Viktoria: Die Bienenvölker in Deutschland sind nur noch in der Lage, 70% der Gesamtfläche zu bestäuben. Der Trend, dass es immer weniger Bienen gibt, ist dabei weitestgehend unabhängig von Belastungen wie Pestiziden oder der Varroamilbe.

Was außer Acht gelassen wird ist, dass die europäische Honigbiene ohne den Imker nicht überleben kann. Und die Zahl der Imker hat sich in den letzten 100 Jahren mehr als halbiert. Dementsprechend ist auch die Zahl der Bienenvölker gesunken. 

Hinzu kommt, dass die Altersstruktur bei Imkern im Durchschnitt bei 60 Jahren liegt und damit sehr hoch ist. In den Städten sieht das anders aus, hier wird die Imkerei meist als modernes Hobby betrieben. Im Testraum München zeigt sich auf unserer Plattform ein sehr heterogenes Bild. Von der 23 jährigen Studentin bis zum 67 jährigen Rentner ist alles vertreten. Im Vergleich zu den Monokulturen auf dem Land, bietet die Stadt mit ihren Gärten, Balkonen, Parks und Auen einen vielfältigeren Raum und das ganz ohne Pestizide.

Interessant. Die Biene fühlt sich heute in der Stadt also wohler als auf dem Land. Aber von wo kommt dann der Honig aus dem Supermarkt? Und wie reagieren die Imker darauf?

Viktoria: Um einen Überblick zu geben: Deutschlandweit gibt es 100.000 Imker, von denen 98% Bienen als Hobby oder zum Nebenerwerb halten. Nur 2% sind Großimkereien mit sehr vielen Völkern. Der Honig aus dem Supermarkt wird in Deutschland zu 80% aus dem Ausland importiert. Genau das ist auch unsere Konkurrenz. Wir wollen den Honig aus dem Supermarkt angehen.

Im Großraum München (unserem Testgebiet) gibt es etwa 1000 Imker. Die Zahl der Bienenvölker pro Imker variiert allerdings stark. Der durchschnittliche Imker ist daher schwer zu definieren. Die neuen modernen Imker sind junge Leute. Für die ist die Vermarktung von Honig jedoch zu aufwändig. Die Haltung von Bienen dient nur noch dem Hobby und zum Eigenbedarf. Konkret bedeutet das, dass ich im Gegensatz zu meinem Großvater, der noch 30 Bienenvölker hatte, nur drei halte.

Der Aufwand beim Verkauf von Honig steht in keinem Verhältnis zu der Zeit die man für das Hobby Bienenhaltung investiert. Darum haben wir nearBees gegründet. Uns geht es darum, den Imkern über ihr Produkt Honig zu zeigen, wie wichtig ihre Arbeit für die ganze Gesellschaft ist. Das ist der Hintergedanke.

Darüber hinaus geht es um Wissensvermittlung und darum, Bewusstsein für die Bedeutung der Biene zu schaffen. Erst vor kurzen war Aldi in den Medien, da sie Pestizide für den Heimgebrauch verkaufen. Wir klären auf unseren Verpackungen darüber auf, wie schädlich Pestizide für Bienen sind und geben Hinweise bienenfreundlich zu pflanzen.

Viktoria nearbees
Viktoria über die Relevanz von Bienen für Gesellschaft und Natur.

Verkauf von Honig klingt erst einmal einfach. Wochenmärkte, beim Bäcker um die Ecke und gibt es nicht auch genossenschaftliche Zusammenschlüsse? Wo liegt das Problem moderner Imker?

Viktoria: Ich selbst habe eigene Bienen und verkaufe den Honig eigenständig. Ein gutes Bienenvolk gibt im Durchschnitt 50 kg pro Jahr. Diese mal 3 durch 400 Gramm macht etwa 375 Gläser Honig im Jahr, die ich mit meinen Bienen produziere. Das ist eindeutig zu viel für den Eigengebrauch, aber zu wenig Honig für den professionellen Verkauf bzw. steht dieser in keinem Verhältnis zum Aufwand, der dafür betrieben werden müsste.

Bei traditionsreichen Imkern ist das nicht so gravierend, da Kunden und Vertriebswege von Generation zu Generation weitergereicht werden. Für Händler macht es auch wenig Sinn Kleinmengen zu kaufen, da sie inzwischen gewohnt sind gleichbleibende Qualität und Quantität das ganze Jahr über anbieten zu können. Als Alternative gibt es beispielsweise Erzeugergenossenschaften wie das Freisinger Land. Dort schließen sich Imker zusammen, um unter einem Label ihre Produkte zu vermarkten. Doch selbst in einer Genossenschaft reichen solche Kleinmengen von Hobbyimkern nicht aus, um Mitglied werden zu können.

Wir hören bei dir ein großes Verständnis für Mensch, Tier und deren individuelle Bedürfnissen heraus. Gleichzeitig tragt ihr mit einem weiteren Produkt auch unwillkürlich zur Umweltverschmutzung bei. Wie stehst du dazu?

Viktoria: Wenn du das auf unsere Verpackung beziehst, diese ist ganzheitlich betrachtet extrem nachhaltig. Im Vergleich zu der Herstellung eines Honigglases und dem Versand bietet unser Produkt mit einem Verhältnis von nahezu 5 zu 1 eine wesentliche Einsparung von Ressourcen und Energie. Das führt zu einer deutlich reduzierteren Belastung der Natur.

Wir versuchen so transparent wie möglich zu sein. Uns geht es primär nicht um nachhaltige Honigverpackungen, sondern um die Imker, die Bienen und den bewussten Kunden. Daher ist der CO² Abdruck kein Kernpunkt in unserer Kommunikation. Dennoch ist uns das Thema wichtig, weswegen wir mit einer Agentur für CO² Abdrücke zusammen arbeiten, die diese für uns analysiert.

Zusätzlich findet man auf der Plattform den Flugradius der Bienen, d.h. man kann abschätzen, ob die Bienen auf dem Balkon vom Imker aus der Nachbarschaft kommen. Wir legen einen großen Fokus auf die Individualität der Völker.

Um Verbraucher über unsere Plattform hinaus zu informieren weisen wir auf Vorträge und Veranstaltungen hin, von Initiativen wie beispielweise Deutschland Summt oder den Besichtigungsterminen der Bienenstöcke auf dem Gasteig in München. (Die nächsten Veranstaltungen finden übrigens den ganzen Sommer über statt.)

Erzähl uns doch noch etwas über euer Produkt und die Marke nearBees.

Viktoria: Unser Ziel ist einfach, dem Kunden den Zugang zu lokalem Honig bequem und einfach zu machen und die kleinen Imker zu stärken. Um Teil von nearBees zu werden, müssen die Imker lediglich digitale Grundkenntnisse besitzen, um die Kommunikation und den Vertrieb abwickeln zu können.

Wir erheben keinen Mitgliedsbeitrag! Alle Versandkosten sind bereits im Preis der Imker enthalten. Das führt dazu, dass der Imker gern auch mal den Honig selbst beim Verbraucher in den Briefkasten steckt und sich damit das Porto spart. Besonders einfach macht das unsere Briefverpackung, die der Imker im Vergleich zum Päckchen nicht mehr zur Post –bringen muss, sondern einfach in den Briefkasten einwerfen kann. Den gleichen Vorteil hat der Kunde, der während der Zustellung nicht anwesend sein muss. Er findet den Honig-Brief einfach in seinem Briefkasten.

Die briefkastentaugliche Verpackung von nearBees
Die briefkastentaugliche Verpackung von nearBees (rechts)

Imker nutzen die Verpackung gern um persönliche Nachrichten zu verfassen. Als Absenderadresse geben sie hier aber oftmals die Firmenadresse von nearBees an, denn es sind Privatpersonen. Wir übernehmen daher den Kontakt für die Imker vollständig. Wenn sie den persönlichen Kontakt zum Kunden zusätzlich wünschen, fügen sie ihre Daten einfach auf Plattform und Verpackung hinzu.

Bisher sind unsere Verbraucher immer positiv überrascht, dass im Brief der Honig drin ist. Das ist ungewöhnlich, das hat eine Story, das ist eine Erfahrung! Für viele ist das sehr interessant. Und wenn man zum ersten Mal unpasteurisierten und ungemischten Honig probiert hat, wird man keinen anderen Honig mehr essen wollen.

Der Verbraucher bestellt online, der Imker liefert’s aus. Klingt fast, als sei euer Job erfolgreich abgeschlossen. Wie sieht bei euch eine Arbeitswoche aus?

Viktoria: Wir sind alle nebenher am abeiten oder studieren. Im Büro sind wir in unterschiedlichster Besetzung. Ich bin drei Tage hier, Michael zwei Tage. Außerdem haben wir Werkstudenten und Praktikanten. Es ist also immer jemand hier. Wir Gründer machen das bisher alles nebenher — ohne uns eine finanzielle Entlohnung auszuzahlen.

Kristian und Michael sind bei uns für die komplette Organisation und Team-Zusammenarbeit zuständig. Alle ein bis zwei Wochen gibt es zwischen Ihnen ein Organisationsgespräch, in dem sie die Sprints der nächsten Wochen definieren und den Status Quo festhalten. Das hat den Vorteil, dass nicht immer jeder mit jedem kommunizieren muss und keine wichtigen Informationen verloren gehen.

Arbeitsstrukturen und Kommunikationsweisen zu finden war auf jeden Fall bisher die größte Herausforderung in unserem Team. Hinzu kommt, dass wir dezentral verteilt sind und die Arbeit an verschiedenen Standorten noch mehr Organisation und Struktur benötigt. Wir sind daher weiterhin ununterbrochen dabei, sinnvolle Arbeitsstrukturen und Abläufe zu definieren.

Das klingt nach viel Organisationsaufwand und Stress. Wie gehst du privat damit um? Was ist dein Plan B? Hast du Angst vor dem Scheitern?

Viktoria: Ja, die habe ich. Von zehn Startups scheitern acht. Einen Plan B brauche ich trotzdem nicht. Ich glaube fest an nearBees und ich arbeite weiterhin am Produktdesign. Ich bin fest davon überzeugt, dass nearBees funktioniert. Sonst würde ich es auch nicht machen. An andere Dinge brauche ich da jetzt noch nicht zu denken.

Wir haben durch die GmbH-Gründung und weitere Investoren dem Ganzen eine gute Struktur und Sicherheit gegeben, da uns dies eine andere Art der Umsetzung ermöglicht. Trotzdem fragt man sich immer, ob man das gut macht. Man ist plötzlich sein eigener Chef und es gibt keinen mehr, der einem direktes Feedback gibt.

In meinem Studium Produktdesign habe ich gelernt eigenverantwortlich zu arbeiten. Das, was man entwirft, ist auch irgendwie immer Teil von einem selbst. D.h. im Design lernt man, von Beginn an die eigenen Ideen umzusetzen. Diese Erfahrung und Fähigkeit prädestiniert dazu zu gründen. Und trotzdem ist es unglaublich ungewohnt. Denn ich habe im Studium nicht gelernt, wie ich meine Arbeit effektiv abgeben kann, wie ich ein Team organisiere und führe. Das sind Sachen, die ich lernen musste.

Bevor man gründet, sagt einem jeder, dass man aus jeder Idee ein perfektes Startup machen kann, wenn man nur das richtige Team dafür hat. Man selbst oder die Idee kann noch so gut sein – man braucht ein Team, dass gut zusammenarbeiten kann und geschlossen hinter der Idee steht.

Viktoria
Viktoria über ihre Erfahrungen als nearBees Gründerin

Jeder von euch hat einen Nebenjob und ein Privatleben. Wie bekommt ihr als Team einen reibungslosen Ablauf hin?

Viktoria: Auch hier muss ich sagen, dass ich das bereits vom Studium so gewohnt bin. Sozialkontakte bestanden aus Mitstudenten, die wie ich auch 12 Stunden am Tag an der Uni waren und an ihren Modellen und Projekten gearbeitet haben.

Je länger man mit jemandem zusammen arbeitet und je näher man sich kennenlernt, desto mehr lernt man auch andere Seiten am Gegenüber kennen. Zum Beispiel in welchen Bereichen man unterschiedlich tickt. Selbst mit der gleichen Einstellung kann man ganz unterschiedliche Arbeitsweisen haben. Wie man zum Beispiel damit umgeht, wenn es eine Deadline gibt.

Stimmige Abläufe sind nach wie vor das Wichtigste, es sind oft Kleinigkeiten, die entscheidend sind. Wie zum Beispiel das Bearbeiten von Texten in Word und Google Docs, die dann nicht kompatibel sind.

Für viele Gründer scheint die pausenlose Arbeit bereits zur Normalität geworden zu sein. Magst du uns abschließend noch ein, zwei Kniffe sowie deine nächsten Schritte zu eurer Vision vorstellen?

Viktoria: Wir arbeiten mit Notism, um Entwürfe gegenseitig zu kommentieren. Das ist toll. Für die tägliche Arbeit im Team benutzen wir Trello. Das erlaubt uns eine dezentrale Aufgabenzuweisung und dient als Hauptaustauschplattform.

Unsere Vision ist einfach. Jeder kann bequem lokalen Honig konsumieren. Bisher sind wir nur im Raum München aktiv. Durch steigende Medienpräsenz kommen langsam auch Anfragen aus anderen Bundesländern (sowie aus Österreich und der Schweiz) hinzu. Daher sprechen wir nun aktiv Imkervereine und Initiativen in ganz Deutschland an. Unsere Crowdfunding Kampagne für den Rollout  haben wir Ende Juni erfolgreich beendet. Jetzt geht es an die Ausweitung auf ganz Deutschland.

Vielen Dank für das Interview!

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