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Polarstern im Interview

Jakob über die Überzeugungsarbeit als kleiner Ökostrom- und Ökogasversorger und die Chancen der Königsdisziplin Sozialunternehmertum.

Clemens Binder, Andrea Freier David Freudenthal

Startup UmweltEnergie München

relaio besuchte das Team von Polarstern in seinem Büro im Lindwurmhof. Die drei Gründer haben sich ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und bieten mit ihrem kleinen Unternehmen für Ökostrom und Ökogas eine verantwortungsvolle und nachhaltige Art der Energieerzeugung. Jakob spricht über den Umgang mit Durststrecken in der Anfangsphase der Gründung, abstrakte Vorstellungen von Stromerzeugung und über die Erfüllung, die ihm Nachhaltiges Unternehmertum beschert. 

Kannst du kurz das Hauptgeschäft von Polarstern zusammenfassen?

Jakob: Polarstern ist ein Öko-Energieversorger mit der Vision, Menschen weltweit Zugang zu sauberer und erneuerbarer Energie zu verschaffen. Dazu bieten wir erneuerbare Energie in Deutschland und Kambodscha - als zwei Gegenpole von Entwicklungs- und Industrienation an. In Deutschland versorgen wir unsere Kunden mit Strom aus oberbayrischer Wasserkraft (Laufwasserkraftwerk am Inn bei Rosenheim, Staustufe Feldkirchen) und Gas aus 100 Prozent industriellen Abfällen, die bei der Zucker-Produktion anfallen. Was die Energieversorgung in Kambodscha anbelangt, finanzieren wir Mikrobiogasanlagen, die es Kleinbauern ermöglichen mit dem Dung von beispielsweise zwei Kühen oder vier Schweinen täglich genügend Energie für Licht und zum Kochen zu produzieren. Dadurch können die Familien auf teure und umweltschädliche Energieträger wie Feuerholz, Holzkohle und Petroleum verzichten. Wir versorgen deutschlandweit Haushalte, wobei München, Berlin, Hamburg und Stuttgart unsere stärksten Märkte sind. Mit dem Privatkundengeschäft haben wir angefangen, mittlerweile versorgen wir aber auch viele Geschäftskunden, von kleinen Büros über größere Industriekunden, zum Beispiel den  Outdoor-Ausrüster Vaude oder den Mineralwasserabfüller Ensinger.

Der Laie fragt sich jetzt natürlich, wie der Strom vom Inn nach Berlin kommt.

Jakob: Der Strom, der mit unseren Turbinen erzeugt wird, kommt nicht in Berlin an. Es wäre sehr ineffizient, da erst eigene Ökostrom- und Gasleitungen gebaut werden müssten. Man kann sich das gesamte Strom- bzw. Gasnetz wie einen großen See vorstellen. Jeder Kunde kann diesen See sauberer machen, indem er bestimmt, welche Art von Energie in den See eingespeist werden soll – erneuerbar oder fossil. Durch die Entscheidung für Polarstern etwa wird mehr Ökostrom aus Wasserkraft in diesen See eingespeist, und dadurch wird das Stromnetz als Gesamtsystem sauberer.

Was heißt 100 Prozent Ökostrom? Bedeutet es, dass der Strom, den ihr für den Endkunden erzeugt, in den See eingespeist wird?

Jakob: Das, was wir "bessere Energie" nennen, hat 3 Dimensionen: Erstens, 100 Prozent Ökostrom aus einem Kraftwerk der Staustufe Feldkirchen. Es wurden große Anstrengungen unternommen, diese Kraftwerkkapazität in die Natur zu reinintegrieren: Fischtreppenbau, die Öffnung von Auen als Laichgründe z. B. für Frösche und Schmetterlinge. Energieerzeugung durch erneuerbare Energien hat immer auch Auswirkungen auf die Natur. Die Frage ist, wie man Umweltauswirkungen minimieren kann. Die zweite Dimension ist ein absolut fairer Kundenumgang, auch beim Preis. Es gibt keine versteckten Kosten, keine Paketangebote. Der Preis ist fair, sodass es sich jeder leisten kann. Außerdem sind Verträge bei uns jederzeit kündbar. Erst dann wird Ökoenergie es zu einem fairen Produkt. Die dritte Dimension ist die Veränderungskomponente. Sie ist zum einen lokal gegeben: für jede verbrauchte Kilowattstunde unserer Kunden investieren wir einen Cent zusätzlich in neue Energiewende-Projekte. Diese lokale Komponente verbinden wir mit einer globalen Komponente, konkret in Kambodscha: Jeder, der zu Ökostrom oder Ökogas wechselt, unterstützt dort eine Familie beim Bau einer kleinen Biogasanlage. Was Ökostrom zum wirklichen Ökostrom macht, ist erstens die Wahl des besten und nachhaltigsten Produkts, zweitens die fairste Kundenbeziehung und drittens, wirkliche Veränderung. Erst wenn alle drei Dimensionen erfüllt sind, ist es für uns wirklich Ökostrom. 

Ist das die Vision, die ihr dahinter seht?

Jakob: Man muss sich damit wirklich auseinandersetzen und es verstehen. Mit Wirklich Ökostrom und Wirklich Ökogas gibt man sich ein starkes Label. Uns geht es nicht darum, reines Marketing zu betreiben. Wir haben den Anspruch, hinter dem Produkt stehen zu können.

Was hältst du von der Bahncard-Werbung der Bahn, in der gesagt wird, unsere Kunden fahren mit 100 Prozent Ökostrom. 

Jakob: Ich bin niemand, der das direkt radikal als Greenwashing auslegt. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung – und das muss man anerkennen. Ich glaube, diese Werbung gab es nur für kurze Zeit und bezog sich auch nur auf den Fernverkehr. Es sind an sich gute Initiativen. Viel interessanter ist jedoch die Frage, wie man den Schritt weiter geht, wie man es schafft, das Stromnetz erneuerbar zu machen. Da geht es um einen kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien in privaten Haushalten. Man vergisst, dass der Hauptanteil der Energie, die jeder privat verbraucht, Wärme ist (20 % Strom, 80% Wärme). Deshalb ist unser Gasprodukt so entscheidend. Der Umstieg auf Ökostrom ist gut, aber der große Schritt vollzieht sich im Bereich Wärme – es sei denn, man wohnt in einem Passivhaus und hat keinen Wärmebedarf. Das gibt es in München selten, eher im Umland. Wie schafft man es, da 100 Prozent erneuerbar zu werden? Man braucht ein wirklich erneuerbares Produkt und das ist Wirklich Ökogas.

Wie viele Kunden habt ihr im Bereich Gas und Strom in Relation? 

Jakob: Es ist immer ein Verhältnis aus zwei Drittel Stromkunden und einem Drittel Gaskunden. 

Ist der Wechsel bei Gas aufwändiger als bei Strom, gerade wenn man in einer Mietwohnung lebt?

Jakob: Der Wechsel ist überhaupt nicht aufwändig. Den Gasanbieter kann jeder wechseln, der einen Gaszähler hat, ungefähr die Hälfte der deutschen Haushalte hat einen Gasanschluss. Der Wechsel dauert etwa fünf Minuten, also eigentlich kein Aufwand. Aber für viele fühlt es sich so an, weil man sich plötzlich mit dem Thema „fossiles Erdgas“ auseinandersetzen muss. Und da wird es unangenehm, weil die fossile Erdgasförderung eng mit Konflikten verbinden ist,  etwa dem Ukraine-Konflikt. Jeder muss sich die Frage stellen: will man solche Konflikte nähren, nur damit wir heizen können? Oder ist es nicht besser, dezentrale Erzeugungskapazitäten in Europa aufzubauen wie etwa Biogasanlagen auf Reststoffbasis. Eigentlich eine rhetorische Frage, auch wenn man natürlich nur schrittweise umstellen kann, das ist klar. Aber immerhin kann unsere Biogasanlage an die 40.000 Haushalte versorgen. (Klingeln im Hintergrund) Habt ihr das gehört? Das war gerade unsere Erfolgskunden-Glocke. Die klingelt, wenn sich ein Kunde für Ökostrom oder Ökogas entschieden hat.

Die Erfolgs-Kunden-Glocke
 

Wie oft am Tag passiert das?

Jakob: Immer öfter. Immer wenn ein Mitarbeiter einen Verkauf gemacht hat, wenn ein neuer Kunde beginnt, etwas zu verändern und einer Familie in Kambodscha zu helfen.

Demnach dauert es sehr lange, die Leute zu überzeugen?

Jakob: Ja. Dabei macht unsere Energie keinen großen Preisunterschied – wenn überhaupt, höchstens fünf Euro im Monat - das ist nicht mal ein Gin Tonic. Das Geld ist aber auch nicht der entscheidende Punkt. Eher sehen viele nicht, was sie bewirken, wenn sie Energie nicht bei einem Atomkonzern kaufen, sondern bei einem unabhängigen Anbieter, der erneuerbare Energie produziert. Bei uns unterstützt man noch dazu eine Familie in Kambodscha – ein wunderbares Gesamtpaket. Nichtsdestotrotz ist es schwer, die Leute zu überzeugen.

Jakob Assman, Mitgründer Polarstern
Jakob Assmann, Mitgründer von Polarstern.
 

Wann hast du selbst angefangen, dich damit auseinanderzusetzen, wie Energieversorgung stattfindet?

Jakob: Schon früh. Ich komme aus einem naturwissenschaftlichen Haushalt. Mein Vater ist Physiker, meine Mutter Physiklehrerin, ich hatte Physik-Leistungskurs. Daher hatte ich automatisch einen Bezug zu dem Gegenstand. Energiethemen wie Strom und Gas erscheinen vielen Menschen abstrakt und rufen bei ihnen Berührungsängste hervor. Sich damit auseinanderzusetzen, ist beinahe schlimmer als die Steuererklärung. Mein Großvater war bereits in der Energiebranche tätig (Generaldirektor im Bayernwerk). Jede Generation hat ihre Energieversorgung. Wichtig ist, dass man jetzt etwas anders macht. Florian (Mitgründer Polarstern) hat ebenso einen Bezug zu dem Thema. Er kommt aus dem Bereich Rohölhandel, Schmierstoffe und Erdöl. Während des Studiums habe ich bei E.ON als Werkstudent gearbeitet. Die Denkweise und die Richtung des Unternehmens haben mich schockiert. Der Konzern hätte die Macht, vieles zu verändern, will aber nicht.

Wie viele Haushalte versorgt ihr?

Jakob: Noch nicht genug. Viele denken, bei einem kleinen Anbieter ist die Stromversorgung nicht sicher, was absoluter Schwachsinn ist. In Deutschland gibt es eine gesetzliche Versorgungssicherheit. Selbst wenn Polarstern von heute auf morgen Probleme bekommt – was nicht passieren wird – ist man als Kunde automatisch wieder im Grundversorgungstarif der Stadtversorger. Die Stromversorgung geht ohne Unterbrechung weiter.  Die Angst, dass man  im Dunkeln sitzen könnte, sitzt aber bei vielen tief. Das entspricht leider häufig dem Wissensstand über Energie. Als Grund zum Nichtwechseln wird dann zum Beispiel die Abschlussarbeit angeführt. Der Energieanbieterwechsel ist aber nicht vergleichbar mit der Entscheidung für einen neuen Internet- oder Mobilfunkanbieter. Da kann es ja wirklich passieren,  dass man ein paar Wochen nicht telefonieren oder surfen kann. Solche Fälle gibt es beim Stromwechsel nicht, für die Menschen ändert sich ja nur, wie Strom für sie hergestellt werden soll.

Das heißt, die Meisten verstehen nicht, dass sie an einer besseren Art der Produktion mitwirken. Wie versucht ihr, das plausibel zu machen?

Jakob: Plausibilität ist nie das Problem, die Leute haben das schon verstanden. Es gibt aber eine große Trägheit bei der Umsetzung. Wenn man Innovation oder Wandel will, braucht man immer eine Art von Customer Pain - wie man es in der Businesssprache nennt – das, heißt, man muss irgendein wichtiges Problem lösen. Im Fall der Stromversorgung gibt es aber kein augenscheinliches Problem, denn wir haben alle Licht, Strom und Wärme. Man muss sozusagen ein eigentlich funktionierendes System ändern.

Peta beispielsweise appelliert direkt an das Gewissen.

Jakob: Ja, etwa sterbende Kühe, die mit aufgeschnittener Kehle herumlaufen, weil im Schlachthof etwas schief gelaufen ist. Es wird sehr stark mit Negativassoziationen gearbeitet. Bei der Stromversorgung muss man weiterdenken und die Lieferketten nachverfolgen. In München gibt es das Müllkraftwerk München Nord der Stadtwerke München. Das Kraftwerk läuft zu 50 Prozent mit Steinkohle. Aber wo kommt die Steinkohle her? Zum Beispiel aus Kolumbien, einem der größten Steinkohleproduzenten der Welt. Kohle wird dort meistens nicht einfach aus der Erde geholt. Die Förderung ist mit Menschenrechtsverletzungen verbunden, mit Enteignungen, Korruption und Gewalt. In anderen Ländern sieht der Kampf um fossile Energien noch düsterer aus. Jeder dritte bewaffnete Konflikt auf der Welt ist ein Konflikt um fossile Ressourcen.

Ihr wollt eure Kunden und potenziellen Kunden also nicht mit Schreckensbildern überfordern?

Jakob: Wir wollen weg von Negativassoziationen und den Fokus auf das Machbare richten, zeigen, dass es einfach ist, zu sauberer Energie zu wechseln. Die Herausforderung besteht nicht nur darin, die Technologien zu entwickeln, sondern die Technologien zu den Menschen zu bringen. Beispiel China: dort ist der Anteil der  Landbevölkerung sehr hoch. Das Land hat das Potenzial für Biogasanlagen erkannt, Geld in die Hand genommen und innerhalb kürzester Zeit 40 Millionen Anlagen gebaut. In Kambodscha oder anderen Entwicklungsländern wäre das Potenzial im Biogasbereich ebenfalls gegeben, auch für den Einsatz von Solarmodulen und der Nutzung von LED-Lampen. Die Herausforderung besteht darin, Menschen den Zugang zu diesen Technologien zu verschaffen und sie gleichzeitig in der Nutzung und Wartung auszubilden.

Du hast vorhin angesprochen, dass in Deutschland immer mehr Energieanbieter auf den Markt kommen.

Jakob: Es gibt in Deutschland ungefähr 1.400 Stromanbieter und über 800 Gasanbieter, die Stadtwerke mit eingerechnet. Diese Energieriesen hatten vormals die Marktmacht in der Produktion. Dann wurde der Energiemarkt in Europa aufgebrochen, um das Ganze wettbewerbsfähig zu machen und eine Trennung der vier unterschiedlichen Parteien vorzunehmen: Es gibt die Produzenten, die Netzbetreiber, die Versorger und die Messstellenbetreiber. Diese Parteien müssen rechtlich getrennt sein. Zwischen Produktion und Versorgung ist zu unterscheiden. Die großen Energiekonzerne sind oft in der Produktion vorherrschend, in der Energieversorgung gibt es hingegen viele kleine Player. Und bei den Netzbetreibern gibt es verschiedene Netzebenen.

Zusammengefasst: es gibt Produzenten, Netzbetreiber, Verteiler und Messstellenbetreiber. Ihr zählt zu den Verteilern?

Jakob: Genau, wir kaufen bei den Produzenten ein und mieten das Netz, welches wiederum über Netzentgelte und Produktionsabgaben gezahlt wird. Wir haben mit den Kunden Verträge und müssen sicherstellen, dass im Verteilnetz des Kunden, der uns zugeordnet wird, genug Strom vorhanden ist. Wir haben keine Vermögenswerte, besitzen also kein eigenes Netz oder Kraftwerke.

Ihr seid zu dritt? Wie habt ihr euch kennengelernt und wie kam die Gründungsidee zustande? Vor dem Hintergrund, dass sich unsere Plattform an Gründungsinteressierte richten soll.

Jakob: Richtig, wir sind zu dritt – Simon, Florian und ich. Ursprünglich kommen wir aus dem Gasmarkt. Damals haben wir uns gefragt, warum es äquivalent zum Ökostromprodukt kein gutes, erneuerbares Ökogasprodukt gibt. Kennengelernt haben wir uns über die Firma meines Bruders (Landwärme im Biogasbereich). Ich war damals noch an der Uni und wollte unbedingt auch etwas in diese Richtung machen. Der Kollege meines Bruders hatte einen Sandkastenfreund, Flo, der auch Lust hatte, im Bereich Biogas zu gründen. Wir lernten uns kennen und waren uns sofort sympathisch. Eine Woche später haben wir uns zusammengesetzt und angefangen, ein Konzept zu erstellen. Unser Ziel war ein gutes Biogasprodukt, für das kein Mais in Monokulturen angebaut werden muss. Die Idee war, Stoffkreisläufe zu schließen und industrielle Abfälle zu nutzen, um Gas zu erzeugen. Die nächste Frage war, wie man das Ganze handelbar machen kann, wofür wir gemeinsam mit dem TÜV ein Konzept entwickelt haben. Simon, der Dritte im Bunde, hat bei Landwärme gearbeitet und ist zu uns ins Team gewechselt. Es war ein hohes Risiko, schließlich haben wir uns nicht gut gekannt.

Die drei Polarstern-Gründer: Jakob Assmann, Simon Stadler und Florian Henle.

Das bedeutet, der erste Schritt bestand darin, inhaltlich zu arbeiten?

Jakob: Ja, wir haben einige Ideen der Firma meines Bruders ausgebaut. Den Kontakt zur Biogasanlage hatten wir bereits. Unser Ökostromprodukt und unser Projekt in Kambodscha kamen später dazu. Wenn man sich die Frage nach der Herausforderung der Energiewende stellt, muss man global denken. Es ist ein Anfang, hier in Deutschland die Verantwortung zu übernehmen, aber auf Dauer müssen alle mitziehen, und dafür muss man ihnen die Hand reichen. Ich glaube fest daran, dass Menschen zusammenarbeiten können. Die Kooperation mit Kambodscha ist keine Charity nach dem Motto „wir helfen ihnen“, sondern die Menschen vor Ort sind Kunden auf Augenhöhe: sie zahlen zwei Drittel der Anlage selbst.

Wann habt ihr im Gründungsprozess die erste Förderung bekommen?

Jakob: Im Januar 2010 war Gründungsstart, und im Juni hatten wir bereits bei dem Förderprogramm Exist unterschrieben. Die Förderung bei Exist setzt voraus, dass man noch nicht lange aus der Uni raus ist. Es geht darum, wissenschaftliche Erkenntnisse an den Markt zu bringen, Forschungsergebnisse in die Praxis umzusetzen. Zum damaligen Zeitpunkt war ich noch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl. Exist ist ein gutes Förderprogramm. Man hat ein Jahr Zeit, das Produkt zu entwickeln und an den Markt zu bringen. Diese Zeit haben wir auch gebraucht. Man muss sich darauf einstellen, dass der Aufwand zu Beginn enorm ist, man muss einen Businessplan schreiben, Marktrecherche betreiben und vor allem das Produkt entwickeln. Aber all das gehört eben zu einer Unternehmensgründung dazu.

Es ist in der Diskussion, wie detailliert man einen Business-Plan ausformulieren sollte. Wenn du euren Business-Plan heute liest, habt ihr euch daran gehalten?

Jakob: Im Kern auf jeden Fall, das Financial Modelling hat sich allerdings verändert. Das Anfertigen eines Business-Plans beziehungsweise. eines Canvas ist unabdingbar, um ein gutes financial modelling zu integrieren. Aber man lernt dazu, und es ist wichtig, Dynamiken und Stellschrauben zu erkennen. Den Business-Plan braucht man in erster Linie, um Geldgeber zu finden. Es gibt dann auch 5-Jahresplanungen oder Quartalspläne. Wir sind auch von unserem ursprünglichen 5-Jahresplan abgewichen.

À propos 5-Jahresplanung, ihr habt gerade euer 5-jähriges Jubiläum gefeiert. Gab es Durststrecken?

Jakob: Ja, die gab es mehrmals. Aus diesem Grund finde ich es wichtig, im Team zu gründen. Es ist – vor allem am Anfang – eine enorme mentale Belastung. Es war gut, mit dieser Unsicherheit nicht allein umgehen zu müssen. Wir haben eine gute Teamdynamik und einen extrem guten Zusammenhalt. Wenn in der Vergangenheit einer im Team zusammengebrochen ist, wurde er von den anderen immer aufgefangen. Es gab immer jemanden im Team, der daran geglaubt hat, und das war eine wichtige Ressource. Die Amplitude beim Gründen ist sehr hoch - anders als wenn man angestellt ist. Man hat extrem euphorisierende Momente, in denen man denkt, man ist der König der Welt, z. B. wenn man etwas geschafft hat oder einen guten Kunden gewonnen hat.

Diese Momente sind wahrscheinlich wichtig, um Krisen zu überstehen?

Jakob: Genau. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der in Krisen hilft, ist die Tatsache, dass es ein Social Entrepreneurship ist. Das heißt, man kann sich immer wieder darauf besinnen, warum man das Ganze macht.

Beziehst du dich auf die Vision, die du hast oder meinst du allgemein die Szene. Wie begründest du dein Anliegen, in diesem Bereich tätig zu sein?

Jakob: Ja, es geht um die Vision, darum, dass ich weiß, dass wir tausende von Menschen in Kambodscha unterstützt haben (mittlerweile über 5000 Menschen). Menschen dazu zu bringen, sich damit auseinander zu setzen und den Schritt zu machen, auf Ökostrom umzusteigen. Das ist mir etwas wert. Bei klassischen Firmen geht es um die Finanzkennzahlen, darum, wie viel Geld man verdient. Bei Social Entrepreneurship hingegen kann man sich immer wieder darauf besinnen, was man eigentlich erreicht hat und wofür.

Wo genau steht ihr gerade? Du hast die Amplituden angesprochen. Hast du das Gefühl, dass sie mit der Zeit abnehmen?

Jakob: Ja. Ein Unternehmer hat mal gesagt, dass es in einem klassischen Unternehmen immer so läuft: man hat zuerst fünf schlechte Jahre, anschließend fünf Jahre in stabiler Seitenlage und schließlich fünf gute Jahre.

Kannst du das nach fünf Jahren Polarstern bestätigen? Seid ihr jetzt in der Phase der stabilen Seitenlage? 

Jakob: Ja. Es waren keine fünf schlechten Jahre. Wir hatten eine wahnsinnig spannende Zeit, aber wir haben viel Stress und existentielle Bedrohungen erlebt. Diese Phase ist jetzt vorbei, und das fühlt sich sehr gut an. Das heißt aber nicht, dass man sich ausruhen kann, nur weil man nicht mehr mit zwei Füßen über dem Abgrund schwebt. Es ist aber zumindest eine stabile Basis, mit der man arbeiten kann. Beim klassischen Unternehmen würde dann die letzte Phase des finanziellen Erfolgs beginnen. Im Sozialunternehmertum ist es allerdings so, dass der soziale und ökologische Erfolg vom ersten Tag an da ist. Und das ist das Tolle daran.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass finanzieller und ökologischer Erfolg Hand in Hand gehen. Je mehr Strom ihr vermittelt, desto größer ist auch euer ökonomischer Erfolg.

Jakob: Stimmt, allerdings ist es noch nicht entkoppelt, da finanzieller Gewinn die Differenz aus Einnahmen und Ausgaben ist. Bis man einen finanziellen Gewinn erwirtschaftet, dauert es Jahre, wohingegen man den sozialen und ökologischen Gewinn, den – Impact – sofort macht.

Seid ihr an dem Punkt, an dem ihr euren Mitarbeitern sichere Arbeitsplätze bieten könnt?

Jakob: Ja, selbstverständlich, wir bezahlen unsere Mitarbeiter auch gut. 

Wie viele Mitarbeiter habt ihr denn?

Jakob: Es sind ungefähr 15 Vollzeitkräfte.

Wann hattet ihr euren ersten Mitarbeiter?

Jakob: Wir haben sehr schnell Praktikanten gehabt, feste Mitarbeiter allerdings erst sehr spät, das ist ja auch sehr teuer.

Habt ihr eine hohe Fluktuation, also stellt ihr oft neue Mitarbeiter an?

Jakob: Nein, im Kernteam nicht. Bis auf eine Mitarbeiterin, die jetzt in den Mutterschutz gegangen ist, aber wieder kommt. Ansonsten ist noch nie jemand gegangen. 

Bei Praktikanten und Werkstudenten aber schon. 

Jakob: Die Mitarbeiter, die fest angefangen haben, gehen in der Regel nicht mehr so schnell. Zum Beispiel die IT- und Design-Leute, mit denen wir begonnen haben, sind bis heute dieselben. Auch die PR-Leute sind von Anfang dabei. Wir sind sehr konstant.

Wie rekrutiert ihr Mitarbeiter?

Jakob: Sie sind eigentlich alle zu uns gekommen. Stellenausschreibungen haben wir so nie gemacht. Wir machen ab und an Praktikantenaushänge, ansonsten läuft vor allem über Empfehlungen oder Initiativbewerbungen. Wir haben vor, in Zukunft, Mitarbeiter verstärkt über Stellenausschreibungen auf der Homepage zu suchen: Das bietet sich vor allem bei speziellen Profilen, wie z. B. Online-Marketing-Experten usw. an.

Stellenausschreibungen werden auf unserer neuen Plattform einen prominenten Platz bekommen. Wenn ihr etwas habt, könnt ihr es gerne an uns weiterleiten. Ihr seid von der Social Entrepreneurship Akademie schon sehr früh als Aushängeschild benutzt worden. Wie stehst du zur Social Entrepreneurship-Szene und dem Label allgemein?

Jakob: Ich finde die Idee des Social Entrepreneurs genial. Bei der SEA geht es um den Gedanken des Social Entrepreneurships und darum, Menschen zu unterstützen, nachhaltige Ideen umzusetzen. Das ist nicht selbstverständlich. Zum Beispiel mein Professor am Lehrstuhl, der immer mein großes Vorbild war, war der Ansicht, dass das zwar eine tolle Idee ist, wir das aber nicht umsetzen können, weil ein Unternehmen etwas anderes ist als ein Verein. Er hat auch an der Zusammenarbeit mit Kambodscha gezweifelt, weil der Kunde sich nicht optional dafür entscheiden kann. Der Gedanke, dass Firmen dazu da sind, Geld zu verdienen ist tief im Menschen verankert. Der finanzielle Vorteil steht bei Vielen an erster Stelle, erst wenn er gegeben ist, kann man etwas anderes machen. Ich bin da anderer Meinung. Social Entrepreneurship ist darüber hinaus weitaus schwieriger als klassisches Unternehmertum, weil man von Anfang an eine Optimierung von drei Kennzahlen im Blick haben muss: den sozialen Impact, den ökologischen und den finanziellen Impact. Sich nur auf die Gewinnmaximierung zu konzentrieren, ist vergleichsweise einfach. Social Entrepreneurship ist sozusagen die Königsdisziplin des Unternehmertums. 

Königsdisziplin hört sich ermutigender an als total schwierig.

Jakob: Es ist vergleichbar mit der Champions League. Für einen guten Fußballer ist es natürlich herausfordernder bei Bayern zu spielen als bei Unterhaching.

Also würdest du sagen, ihr spielt als Social Entrepreneurs in der Champions League? 

Jakob: Ja, wir haben die größte Herausforderung. Es gut zu machen, ist wirklich schwierig. Deshalb müssen es die besten Leute machen, sprich auch Uniabsolventen. Ihnen fehlt es aber oft an Erfahrung. Hier spielt die SEA eine enorm wichtige Rolle, weil sie Leute sensibilisiert, Aufklärung betreibt und zum Ausprobieren ermutigt. Manche Leute wissen ja gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Die Szene ist teilweise eine andere Welt. 

Würdest du die Szene auch als Blase beschreiben? Kannst du erkennen, dass sich manche Leute etwas vormachen?

Jakob: Man muss definitiv aufpassen, dass man keine rein selbst-referenzielle Community bleibt, eine Community, die wenig kompromissbereit ist und sich immer nur gegenseitig bewundert, dabei aber die große Masse der Bevölkerung ausschließt. Das ist in der Öko-Szene leider oft der Fall, es ist teilweise eine sehr geschlossene Szene. Man sollte sich mehr öffnen. Und das geschieht nun mal in Form von Kompromissen. Man kann nicht immer 100 Prozent idealistisch das Richtige machen, sondern muss flexibel bleiben. Natürlich nimmt man seinen Standpunkt ein, man sollte aber auch die Bereitschaft haben, Kompromisse einzugehen.

Was bedeutet das für euch konkret? Inwiefern geht ihr Kompromisse ein?

Jakob: Indem wir sagen, dass wir grundsätzlich jeden Kunden nehmen. Man könnte auch sagen, Kunden wie Krauss-Maffei beliefern wir nicht – tun wir auch nicht. Es gibt natürlich Grenzen, aber man sollte irgendwo auch pragmatisch und unternehmerisch bleiben können und sich nicht einengen lassen, wie es in der Bio-Szene häufig der Fall ist.

Kompromissbereitschaft macht Unternehmertum ja irgendwo auch aus. Wie geht ihr drei Gründer damit um, wenn es untereinander Konflikte gibt? 

Jakob: Jeder hat seinen eigenen Bereich, wodurch der Einzelne viel Freiheit hat. Außerdem besteht untereinander ein großes Vertrauen, dass derjenige die richtige Entscheidung trifft. Wichtige Entscheidungen werden zusammen getroffen. Bei Unternehmertum geht es sehr stark um Selbstverwirklichung und darum, dass man eben nicht gesagt bekommen möchte, was man machen muss, denn sonst hätte man auch ein Angestelltenverhältnis eingehen können. Man muss sich Freiheiten lassen. Um jetzt nochmal den Bogen zum Social Entrepreneurship zu spannen: es ist schade, dass es ein Modewort geworden ist. Viele beschäftigen sich damit, machen Kurse. Aber letztendlich wird häufig viel geredet, aber wenig umgesetzt. Selten gründen Leute dann wirklich. 

Woran liegt das deiner Ansicht nach?

Jakob: Weil es schwierig ist. Viele sind zu idealistisch. Man muss immer gleichzeitig auch Unternehmer sein. Die finanzielle Komponente spielt eine wichtige Rolle, man muss ja auch Geld verdienen und Geld ist nichts Schlechtes. Es ist Mittel zum Zweck. Man muss einfach dafür sorgen, dass man es fair verdient.

Gemeinnützigkeit kam für euch gar nicht in Frage, weil ihr Strom verkauft?

Jakob: Wir haben durch die Kooperation mit Kambodscha einen Verein und sind gemeinwohlorientiert. Wir sind gerade dabei eine Gemeinwohlbilanz im peer-review-Verfahren mit Impact Hub, Kartoffelkombinat und Talents for good zu erarbeiten.

Worin besteht da jetzt der Zusammenhang zum Verein?

Jakob: Das war der Sprung von der Gemeinnützigkeit zur Gemeinwohlorientiertheit. Eigentlich sollte es Teil eines jeden Unternehmens sein. Wenn man sich überlegt, was Social Entrepreneurship eigentlich bedeutet, sollte man sich doch eigentlich rechtfertigen müssen, wenn man kein Social Entrepreneur ist. Die Frage sollte doch vielmehr lauten, warum machst du es nicht, anstatt warum machst du es? 

Mal ganz plakativ gefragt: Sind Social Entrepreneurs die besseren Menschen oder die besseren Unternehmer?

Jakob: Ich glaube nicht, dass es bessere Menschen gibt. Ich bin aber davon überzeugt, dass es die glücklicheren Unternehmer sind. Zufriedenheit ist langfristig enorm wichtig. Ich denke Social Entrepreneurship ist das beste Tool, um zu Zufriedenheit im Job und Leben zu gelangen, weil man Sinnhaftigkeit erlebt. Man hört in sich hinein und fragt sich, wie man mit seiner Leidenschaft einen Beitrag leisten kann und verbindet das mit einem Business-Modell. Man hat also den Luxus, sich mit seiner Leidenschaft, seinem eigenen Sinn zu beschäftigen und eine Organisation darum zu bauen. Man macht im Endeffekt nichts anderes als dieser Leidenschaft zu frönen und diesen Sinn zu erfüllen und verdient auch noch Geld dabei.

Wobei man die richtigen Leute finden muss, mit denen man das umsetzt. 

Jakob: Absolut. Es braucht nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer. Es werden sich immer genug Leute finden, die Lust haben, an einem solchen Unternehmen mitzuwirken. Man redet ja immer von Rendite und Materialisierung der sozialen und ökologischen Rendite. Das ist schwer zu messen. Gemeint ist, dass es dir etwas bedeuten muss, dass z. B. in Kambodscha eine Familie Energie hat, es muss dir etwas wert sein. Sonst erfüllt es einen nicht und ist es kein Gewinn. Mir ist dieser globale Gerechtigkeitsgedanke etwas wert und daran glaube ich. Es ist aber auch etwas sehr Persönliches. Der Flüchtlingsbereich, „refugees welcome“ z. B. das sind alles wahnsinnig gute Projekte, es wäre allerdings nicht meins. Man muss in sich hinein hören. Wenn man sich mit Zufriedenheit im Leben und im Job auseinandersetzt, ist Geld natürlich wichtig, alles über 2.500 netto hat allerdings keinen emotionalen Grenznutzen mehr. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Abnehmender Grenznutzen heißt, wenn du z. B. 100 Euro im Monat hast und ich gebe dir weitere 100, dann findest du das richtig gut, wenn du 2.500 Euro im Monat hast und ich gebe dir 100 zusätzlich, lässt dich das emotional relativ kalt. Es gibt keinen Kick mehr. Eine Gehaltserhöhung kann ein kurzzeitiges Hochgefühl verschaffen, weil es um Anerkennung und Erfolg geht. Diese Anerkennung kann man sich auch durch Leidenschaft und Sinnhaftigkeit holen.

Kannst du nochmal kurz etwas zu eurem Produkt sagen?

Jakob: Der Strom wird aus Wasserkraft, das Gas aus industriellen Abfällen erzeugt. Und Wechseln ist ganz einfach. 

Habt ihr mehr Kunden im urbanen oder im ländlichen Bereich?

Jakob: Ganz eindeutig in der Stadt. 

Warum? Haben die Leute in der Stadt ein größeres Bewusstsein dafür?

Jakob: Unsere Kunden und unsere Zielgruppe sind meistens Menschen um die 30 Jahre, die gut ausgebildet und finanziell unabhängig sind. Diese Leute wohnen vor allem im urbanen Bereich. Es gibt auch noch andere Ökostrom-Versorger, wie zum Beispiel EWS, Naturstrom oder Lichtblick. Sie sprechen aber andere Zielgruppen an. Die Vertragsanmeldung und -abwicklung passiert online. Menschen über 50 bevorzugen Papierformulare, Vertragsformulare schicken wir aber gar nicht erst zu. Das Problem ist, dass die Leute häufig sehr lange mit ihrer Entscheidung für den Wechsel des Stromanbieters brauchen. Es ist hochinteressant: man spricht von einer sogenannten green gap. Erneuerbare Energien finden die meisten Menschen per se erst mal gut, genauso wie sie Atomkraft und Kohlekraft eher schlecht finden. Man zahlt viel Geld für Energie (es sind meist über 1.000 Euro im Jahr) und das für etwas, was man nicht gut findet. Die interessante Frage ist, wie kann man Strom so produzieren und verkaufen und Lösungen finden, dass klar ist, um was es geht. Eigentlich müsste sofort jeder sagen, klar, ich wechsle. Bei uns kann man den Vertrag innerhalb von zwei Wochen kündigen. Es ist ja auch legitim, wenn Leute sagen, sie glauben nicht daran, oder wenn sie zu einem anderen Anbieter wollen.

Vielleicht muss man die Leute direkt ansprechen, dann seid ihr greifbar, und es bleibt nicht nur ein Abstraktum, sondern den Leuten wird klar, dass ihr ein Gesicht habt und es nicht nur um Marketing geht. In diesem Sinne, sind wir auch schon am Ende des Interviews. Vielen Dank!

 

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