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Robo Wunderkind im Interview

Das Wiener Start-Up ermöglicht auf spielerische Weise bereits Kindern programmieren zu lernen — mit einem eigenen Roboter

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Ein eigener kleiner Roboter, der macht, was man ihm sagt — eine Idee, die viele Herzen höher schlagen lässt, vor allem die von Kindern. Bisher war das nur in der eigenen Fantasie möglich. Jetzt hat ein Wiener Start-Up diesen Kindheitstraum wahr werden lassen. Wir waren in Wien und haben mit den Jungs von Robo Wunderkind über den ersten Prototypen, die schwierige Umsetzung einer Hardware und die Zukunft der Robos in Schulen gesprochen.

 

Wie seid ihr auf die Idee zu Robo Wunderkind gekommen?

Rustem: Es hat alles 2013 angefangen, als ich noch Informatik an der Technischen Universität in Wien studiert habe. Zu der Zeit habe ich Roboter auf einer Open Source Plattform mit dem Namen Arduino gebaut.  Da habe ich gemerkt, dass viele Leute an dieser Art der Elektronik interessiert sind. Eigentlich wollte ich nur Technologie für jeden zugänglich machen. Bis dato konnten eigentlich nur Ingenieure so etwas bauen. 

Yuri: Die Idee dahinter war, das Thema Robotik und Programmieren für jedermann zugänglich zu machen. Diese Themen sind wahninnig kompliziert und komplex. Unser Ziel war es, diese Prozesse so einfach wie möglich zu machen. So einfach,  dass das selbst Kinder ab fünf Jahren lernen können, wie Robotik funktioniert.

Wann habt ihr gemerkt, dass das ein Thema ist, das die Leute begeistert?

Yuri: Wir haben unseren ersten Prototyp zusammengebaut, der noch sehr rustikal aussah, da der Großteil aus Holz bestand. Dann haben wir uns mit diesem Prototypen für einen Wettbewerb in Kasachstan angemeldet und so unseren ersten Wettbewerb gewonnen: 10 000 Dollar. Dieser Erfolg hatte uns die Augen für das Potenzial unsere Idee geöffnet.

Rustem: Nach dem Wettbewerb bekamen wir viele E-Mails von Leuten, die den Prototypen für ihre Kinder kaufen wollten. Wir merkten, dass man mit dieser Idee ein Geschäft aufziehen könnte. Also haben wir beschlossen uns drauf zu konzentrieren, auf das Produkt und unser Start-Up, und haben aufgehört zu studieren.

Mit welchen Herausforderungen wart ihr anfangs konfrontiert? Eine Hardware zu produzieren ist ja etwas anderes, als nur eine Webseite zu bauen.

Rustem: Die größte Herausforderung einer Hardware-Firma ist die Produktion. Du kannst natürlich erst einmal einen Prototyp in deinem Büro bauen, aber wenn du ein Geschäft daraus machen willst, musst du tausende davon produzieren. Du musst lernen, wie man so etwas in großem Stil aufzieht. Wir hatten ja bereits die 10 000 Euro Preisgeld und wussten, dass es eine gewisse Nachfrage gibt. Um unser Team zu vergrößern und mit der Produktion anzufangen, mussten wir aber mehr Geld auftreiben. Wir haben uns bei Start-Up-Accelerators überall auf der Welt beworben.  Am Ende hat der Accelerator HAX in Shenzhen, China, 50 000 Dollar in uns investiert.  Wir sind dann auch im Juli 2014 für vier Monate nach China gezogen.

Yuri (li) und Rustem (re) im Interview.

Was ist in diesen vier Monaten alles passiert?

Yuri: HAX ist der weltweit größte Hardware Accelerator und Shenzhen ist die Stadt wenn es um  Hardware geht. Mit Hilfe von Mentoren und Coaches hat HAX uns geholfen, unser Produkt in einer sehr kurzen Zeit zu entwickeln und einen optimierten Prototypen herzustellen. In dieser Zeit kam uns auch die Idee, dass wir eine Art LEGO für Roboter-Spielzeug entwerfen könnten.  Wir entschieden uns dann auch, die Elektronik in bunte Würfel zu verpacken.

Was ist der Vorteil an der Produktion in China?

Yuri: In Shenzhen hat man direkten Zugang zu allen elektronischen Komponenten, die man benötigt und dort kann man Prototypen innerhalb von zwei oder drei Tagen bauen. Auch wenn du nur eine Idee hast und diese einfach mal ausprobieren möchtest, geht das ohne Probleme. Außerdem hat man in Shenzhen die Möglichkeit auch in kleinen Mengen in Fabriken produzieren zu lassen. Das wäre in Europa nicht möglich und war ein riesen Vorteil in der Entwicklung unseres Produkts.

Nach der Zeit in China hattet ihr ein Produkt. Wie sollte es dann weiter gehen?

Rustem: Wir wollten 2015 an den Markt gehen. In der Zeit bis dahin gewannen wir weiter Preise und bereiteten unsere Kickstarter-Kampagne vor. Einen Monat bevor es losgehen sollte, meldete sich TechCrunch – eines der größten Online-Nachrichten-Portale für digitale Technologie – und bot uns an auf der bekanntesten Bühne für Technologie in San Francisco, der Battlefield competition at Disrupt, zu pitchen. Wir hatten dann die Idee, unsere Kickstarter-Kampagne von der Bühne aus zu launchen – fünf Wochen später hatten wir 1200 Vorbestellungen aus 58 Ländern im Wert von insgesamt 15 000 Euro. Mit TechCrunch hatten wir auch das Glück, von verschieden Medien begleitet zu werden. Wir konnten dadurch außerdem drei weitere Investoren aus Österreich, der Schweiz und Polen für uns gewinnen und planen in den nächsten Monaten 2000 Robos zu verschicken.

Welche Summe hattet ihr für eure Kickstarter-Kampagne angesetzt?

Yuri: Wir hatten ausgerechnet, dass wir in etwa 70 000 Dollar benötigen würden, um mit der Produktion anzufangen. Wir haben letztendlich 258 000 Dollar zusammen bekommen – drei Mal so viel, wie wir uns als Ziel gesetzt haben.

Wie viel soll ein Robo Wunderkind kosten?

Yuri: Wir haben drei verschiedene Robo Wunderkind Sets. Das Starter Kit kostet 199 Euro. Es beinhaltet acht verschiedene Module, alle Module haben verschiedene Funktionen. Das mittlere Set, das Advanced Kit, mit sechs zusätzlichen Modulen, kostet 349 Euro. Und das dritte Kit, das Professionel Kit, soll 699 Euro kosten.

Der Roboter soll ja auch als Lehrmittel eingesetzt werden. Wie funktioniert bisher die Zusammenarbeit mit den Schulen?

Yuri: Wir haben anfangs unter anderem mit einer Schule in Berkeley, Kalifornien, zusammengearbeitet. Sie haben uns sehr unterstützt und uns anfangs sehr wertvolles Feedback gegeben. Wir haben unsere Roboter mit den Kindern dort testen können. Die Kinder liebten unsere Roboter und waren ganz fasziniert von ihnen. Besonders als sie gesehen haben, dass sie selbstständig etwas bauen können, das sich dann bewegt und lebendig erscheint. Auch in Österreich haben wir mit verschiedenen Bildungsinstitutionen zusammengearbeitet. Die Kinder waren zwischen fünf und acht Jahren alt.

Die Gründer von Robo Wunderkind.

Soll es eher ein Spielzeug für zu Hause werden oder plant ihr den Roboter als Bildungswerkzeug zu etablieren?

Yuri: Wir hätten gerne beides. Für Schulen planen wir spezielle Workshops mit einem Trainer und mit einem Handbuch für LehrerInnen, das die didaktischen Möglichkeiten des Robo Wunderkind vermittelt.  Für das Spielzeug zu Hause liefern wir eine schrittweise Anleitung mit, die Kindern dabei hilft, den Roboter selbst zu bauen. Wir haben zwei unterschiedliche Herangehensweisen für beide Nutzergruppen.

Rustem: Wir werden im Sommer 2017 ganz offiziell in öffentlichen Schulen in Wien mit unseren Robos vertreten sein. Die Wirtschaftsagentur in Wien hat 100 Sets für einen Pilottest in öffentlichen Schulen bestellt.

Welche Fähigkeiten erlernen Kinder, wenn sie mit dem Robo Wunderkind spielen?

Yuri: Sie lernen, wie sie systematisch Lösungen für Probleme finden, wie sie die Ziele erreichen können, die sie selbst erreichen wollen.  Beispielsweise hat ein Kind die Idee, ein Blitzlicht zu erzeugen. Was braucht es dafür? Ein Licht und einen Schalter. Der Robo Wunderkind hat verschiedene Licht- und Soundsensoren. Wenn ich das miteinander verbinde, habe ich ein Blitzlicht. So geben wir Kindern die Möglichkeit, ihr eigenes Spielzeug zu bauen, indem sie die Teile ganz einfach kombinieren. Für das Programmieren benutzen wir einen vereinfachten Ansatz, den State Machine Approach,  der verschiedene Arbeitsprozesse von elektronischen Geräten wie Mikrowellen und Aufzügen erklärt. In der App gibt es Zustände, die als Icons dargestellt werden, wie Bewegung und Leuchtaktivitäten. Diese Zustände kann man dann miteinander verbinden. Das ist eher eine Art abstraktes Programmieren, aber es hilft den Kindern, die Komplexität hinter elektronischen Geräten zu verstehen.  Das ist sozusagen die äußerste Schicht des Programmierens. Wenn Kinder älter werden, sie lesen und schreiben lernen, könnten sie tiefer in die Materie eindringen. Wir haben aber die einfachste Oberfläche gewählt, sodass auch Kinder, die nicht lesen können, die Bilder und Icons verstehen. Das Programm sieht einfach aus, kann aber auch richtig komplex werden. Das ist ein einzigartiger Weg zu Programmieren wir glauben, dass es der beste ist für Kinder, um damit anzufangen.

Welche bildungsspezifischen Werte soll der Robo Wunderkind den Kindern Vermitteln?

Yuri: Der größte Wert, den sie daraus ziehen können, ist, dass sie alles bauen können, was sie sich vorstellen können. Kinder lernen eine Idee, die sie begeistert, zu planen und schließlich umzusetzen. Wir wollen den Kindern beibringen, wie sie ihre Ideen zum Leben erwecken können.

Rustem: Es gibt einen Grund, warum wir unser Produkt Robo Wunderkind genannt haben. Wir denken, dass alle Kinder Wunderkinder sind. Denken wir mal an all die berühmten Komponisten, die aus Österreich kommen, wie Mozart. Wieso ist er ein Genie? Ich denke, weil sein Vater ihm schon sehr früh beigebracht hat, Klavier zu spielen, als er drei oder vier Jahre alt war. Ich denke, dass wir alle wollen, dass unsere Kinder erfolgreich sind und daher sollten wir ihnen die Möglichkeit geben, schon in der frühen Kindheit komplexe Dinge zu lernen. Wie eben Robotik, Programmierung und andere Wissenschaften – und das in früher Kindheit.

Welche Eigenschaften sind eurer Meinung nach wichtig, wenn ein Kind aufwächst?

Rustem: Wir sagen nicht, dass Kinder nur Robotik lernen sollen oder Programmierung, aber es ist ein wichtiger Teil ihrer Bildung. Genauso sollen sie auch Kunst, Mathematik, und Sport machen.

Eure Robo Wunderkinder haben Mikrofone und Kameras. Ist das etwas, was Kinder in dem Alter brauchen?

Yuri: Klar ist eine Kamera nicht unbedingt nötig, aber wir bieten eben verschieden Optionen an. Das Starter Kit hat zum Beispiel keine Kamera dabei, die ist nur im dem Professionel Kit. Wir bieten diese Funktion nur an. Denn mit einer Kamera kann man viel machen, zum Beispiel ein eigenes Sicherheitssystem entwickeln. Denn wenn man verschiedene Sensoren miteinander verbindet, kann der Robo Wunderkind ein Foto machen, wenn jemand ein Zimmer betritt.

Wie wichtig sind euch Themen wie Nachhaltigkeit? Spielt das eine Rolle?

Rustem: Wir würden gerne irgendwann in Österreich produzieren. Das hin und her fliegen für die Produktion und Planung ist nicht besonders toll.

Wollt ihr in Wien bleiben?

Rustem: Ja auf jeden Fall. Wir bleiben Wien und Österreich treu – wir haben hier sehr viel Unterstützung bekommen.

Was ist euer Ziel für die nächsten Jahre?

Rustem: Wir wollen Weltmarkführer im Bereich Elektronischen Produkte als Lehrmaterial werden und planen auch eventuell eine weitere Kickstarter-Kampagne für ein anderes Produkt. Aber wir verraten da noch nichts, das werdet ihr dann schon sehen.

Vielen Dank für das Interview!

 

 

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