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SchulePLUS im Interview

Robert Greve über Herausforderungen im deutschen Schulsystem und mögliche Lösungsansätze.

Vasiliki Mitropoulou Annie Spratt

Startup SchwerpunktSchuleBildungVerantwortung Berlin

Schon während seines Studiums befasste sich Robert Greve mit Wegen und Möglichkeiten die universitäre Ausbildung von Lehrern mit der schulischen Praxis zu verzahnen. Mittlerweile ist er unter anderem Gründer von SchulePLUS. Im Interview erzählt er uns, welches Verbesserungspotential er in der Lehrerausbildung sieht und was die Schule von morgen ausmacht. 

Stellen Sie sich vor, Sie wären Kultusminister und könnten eine Sache an der Lehrerausbildung ändern. Was wäre das?

Ich würde viel Wert auf die Absprache mit Universitäten legen und Themen wie Klassenmanagement und Selbstmanagement von Lehrern viel stärker im Curriculum verankern. Man lernt in der Uni viel Theorie und das ist auch spannend. Doch die Frage: „Wie gehe ich mit einem aggressiven Schüler um, der meinen Unterricht stört?“, wird häufig erst im Referendariat thematisiert — und das ist zu spät.

Mit der Lehrerfortbildungsplattform schule.org und dem Schüler-Portal schülerpraktikum.de machen Sie zwei zentrale Angebote für den Bildungssektor. Wäre es nicht Aufgabe der Kulturministerien das anzubieten?

Diese Frage haben wir uns oft gestellt. Nehmen wir mal schule.org, unsere Online-Lehrerfortbildungs-Plattform. Es gibt viele Plattformen, die Angebote für Studierende oder Schüler haben. Doch für Lehrkräfte gibt es wenig Angebot im Bereich der Fortbildung. Gerade bei Themen wie Inklusion, Digitalisierung oder aktuellen, politischen Themen gibt es aber nicht genug Fachleute, um Lehrkräfte flächendeckend in Präsenzschulungen zu schulen.

E-Learning liegt hier also auf der Hand. Die Idee, eine Online-Lehrerfortbildungsplattform zu konzipieren, hatten schon viele. Auf der kommerziellen Seite stehen zum Beispiel die Schulbuchverlage, die sich jedoch immer die Frage stellen: Werden Lehrer für solche Online-Fortbildungen etwas bezahlen? Wahrscheinlich nicht. Wird der Staat dafür bezahlen? Vielleicht. Aber vermutlich nicht genug. Das heißt, die kommerziellen Anbieter sagen: Tolle Idee, kann auch gut klappen, aber ist finanziell für uns uninteressant.

Dann gibt es die staatliche Seite, die häufig leider nicht die institutionelle Beschaffenheit hat, um ein deutschlandweites Fortbildungsportal aufzuziehen. Solche Großprojekte verhindert in der Regel der Bildungsföderalismus. Genau das ist die Nische, in die ein Sozialunternehmen rein gehört, weil weder die private Seite das Problem lösen wird, noch die staatliche.

Ich höre da etwas Systemkritik raus. Welche Schulnote würden Sie dem deutschen Schulsystem geben?

Natürlich hat unser Schulsystem viele Schwächen. Auf der anderen Seite kennen wir so viele Schulen, die gute Arbeit machen.
Jeder kann beim Thema Schule mitreden, jeder bringt seinen eigenen Erfahrungsschatz mit und jeder hatte schon mal einen schlechten Lehrer im Unterricht. Daher ist dieses Lehrer-Schule-Bashing ein Thema, das ich eigentlich Leid bin. Es gibt unheimlich viele Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, es besser zu machen. Ich kann keine generelle Note geben, aber grundsätzlich bin ich ein optimistischer Mensch. Mir macht die Arbeit mit sehr vielen Schulen Spaß, weil wir viel Verbindlichkeit, Professionalität und Herzlichkeit erfahren.

Robert Greve, Gründer von SchulePLUS



Sie haben Lehramt studiert: Wieso haben Sie sich entschlossen nicht in die Schule zu gehen?

Zu dem Zeitpunkt, an dem das in Frage kam, war das Projekt Studenten machen Schule schon so groß, dass wir vor der Entscheidung standen: Entweder wir geben das Projekt an die nächste Generation ab oder wir machen es in Vollzeit. Wir hatten so viele Schulbuchungen und Schulanfragen, dass der Verein, den wir damals gegründet hatten, zu groß geworden ist, um das nebenbei zu betreiben. Dann haben wir drei Gründer gesagt: Lasst es uns machen! Wir haben diese Entscheidung bis heute nicht bereut.

Welche Herausforderung bedeutet Digitalisierung für die Schule?

Die größte Herausforderung ist das Zusammenspiel zwischen online und offline. Sagen wir mal es gibt die Organisation X, die einen Theaterworkshop anbietet und die Lehrerin Y, die das in Anspruch nehmen will; beide finden sich auf einer Plattform. Doch was passiert danach? Der externe Partner braucht ein polizeiliches Führungszeugnis, Fotogenehmigungen, Fahrtkostenbudgets und vieles mehr. Das alles kannst Du nicht mehr online lösen. Häufig bricht an dieser Stelle der Kontakt ab, weil beide Seiten bemerken, dass damit viel Arbeit verbunden ist. Doch gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass das Kinder sind, mit denen wir arbeiten. Wer kommt ins Klassenzimmer? Ist das ein Unternehmen, das ideologisch gefärbt ist? Ist das eine Marketing-Veranstaltung? Das sind alles Fragen, die sich die Eltern unserer Kinder stellen. Und das ist die Realität, die wir online nicht abbilden können.

Welche Rolle sollte das Thema Partizipation von Eltern in der Schule spielen?

Obwohl ich mich mit dem Thema nicht sehr gut auskenne, ist mein Bauchgefühl, dass man es schaffen muss, die Eltern viel stärker einzubinden und in die Pflicht zu nehmen. Das ist natürlich extrem leicht gesagt, weil niemand die Eltern dazu zwingen kann. Es ist auch viel verlangt neben der Arbeit einen substantiellen Beitrag in der Schule seiner Kinder zu leisten.  

Die Schule von morgen sollte…?

… nicht mehr nur aus Lehrkräften bestehen, sondern auch aus Erziehern, Praktikern, Experten aus der Wirtschaft, Stiftungen, aus allen Organisationen und Menschen aus dem Kiez, die etwas qualitativ hochwertiges beizutragen haben. Wenn wir mal soweit kommen, dass ein Lehrerkollegium aus 90 Prozent studierten Lehrkräften und 10 Prozent aus Leuten mit anderem Hintergrund besteht, dann würde das die Schule sehr bereichern. 

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