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Serlo im Interview

Simon spricht über freie und gemeinsam gestaltete Bildung, partizipative Unternehmensentwicklung und den Aufbau einer Lernplattform.

Benjamin Zilker David Freudenthal

Startup BildungNetzwerk München

Simon Köhl entwickelt seit sechs Jahren die Lernplattform Serlo. Keine einfache Aufgabe für Simon und sein Projekt, war er zum Zeitpunkt der Gründung noch selber Schüler. Mittlerweile wird Serlo bereits in der dritten Runde von Ashoka gefördert, genau wie Simon, der als Stipendiat die selbstbestimmte Freiheit als seinen größten Luxus definiert. Im Interview mit relaio sprach Simon über freie Bildung, soziokratische Organisationsführung und den nicht immer einfachen Weg zwischen Wirtschaftlichkeit und vielfältiger Bildung.

Hallo Simon, worum geht es dir mit Serlo und was hat dich dazu gebracht?

Simon: Wir wissen so viel darüber, wie nachhaltiges Leben funktionieren könnte. Es ist aber kein großer Bestandteil der Lehrpläne. Stattdessen spiegeln diese viele unternehmerische Interessen wieder, die jedoch in vielen Fällen nicht mit den Problemstellungen der heutigen Zeit einhergehen. Gerade die sozialen und ökonomischen Herausforderungen, die es in den nächsten 50-100 Jahren zu lösen gilt, werden in den Lehrplänen wenig thematisiert. Womöglich auch nur wenig die Frage danach, was Menschen glücklich macht und was sie benötigen – das ist zumindest meine subjektive Beobachtung.

Ich habe sehr früh damit begonnen, mich für politische Dinge zu interessieren. Auch wenn meine Eltern keine aktiven Parteimitglieder sind, bin ich mit dem Weltspiegel, dem Auslandsjournal und der Tagesschau aufgewachsen, und habe mich bereits in der dritten Klasse für Greenpeace engagiert. Dadurch ist mir dann auch klar geworden, dass Bildung der Hebel für ganz viele Dinge ist, die mich bereits damals gestört haben.

Aus diesem Grund hast du dann vor sechs Jahren eine Lernplattform gegründet, die mittlerweile schon in der dritten Runde von Ashoka gefördert wird. Was ist das besondere an Serlo?

Simon: Das Lernportal Serlo hebt sich deutlich von den bisherigen Bildungsplattformen ab. Das zeigt sich bereits am pädagogischen Konzept und den Grundprinzipien von Serlo. Alle unsere Materialien sind aufeinander abgestimmt und eng miteinander verknüpft. Wir benutzen freie Lizenzen, sind komplett kostenlos und es gibt keine Werbung auf der Seite. Selbst die Arbeit an der Plattform wird weitestgehend ehrenamtlich gemacht. Bei Serlo gibt es keine kommerziellen Interessen, die Organisation ist demokratisch. Jeder kann Mitglied werden, seine eigene Meinung einbringen und so seinen Teil dazu beitragen, dass diese Grundprinzipien geschützt werden.

Das wichtigste, was Serlo von anderen Lernportalen unterscheidet, ist der Wiki-Ansatz. Jeder kann mitmachen: Inhalte kritisieren, neue Bearbeitungen von vorhandenen Inhalten erstellen, Diskussionen beginnen oder ganz neue Fächer anlegen. Wie bei Wikipedia wird der Inhalt von vielen Ehrenamtlichen erstellt und ist dadurch von Einzelinteressen und Organisationen unabhängig. Bei Serlo sind allesamt Menschen, die sich begeistert für eine vielfältige Bildung einsetzen, die aus einer Kombination von verschiedenen Meinungen entstanden ist.

Was Serlo besonders macht, ist die Verbindung von all diesen Dingen. Serlo ist weltweit die einzige Plattform, die das wirklich so konsequent durchzieht. Darüber hinaus gibt es viele kleine Besonderheiten, wie zum Beispiel unsere Ideen bezüglich dem E-Learning oder auch unsere Qualitätsrichtlinien, bei denen wir ebenfalls versuchen, uns von anderen Plattformen zu unterscheiden. All diese Informationen findet man im Detail auch auf unserer Serlo-Webseite.

Schulbildung kann also ganz neu gedacht werden. Wo genau setzt Serlo da an und welchen Mehrwert liefert ihr?

Simon: Wir fangen mit den einzelnen Schülern an, die Serlo im Unterricht einfordern, sowie Lehrern, die Fans von uns sind, weil sie plötzlich wieder mehr mitgestalten können. In der Praxis sieht das dann oft so aus, dass nicht mehr der Lehrer vorgibt, was alle zu tun haben, sondern die Schüler das selber entscheiden. Genau das macht selbstständiges Lernen aus. Zum einen die Freiheit in der Wahl der Themen, als auch die Vielfalt von Inhalten in der Schule.

Beispielsweise kennen wir alle aus unserer Schulzeit die Problematik mit Fehlern in den Schulbüchern. Über den Fehler im Schulbuch ärgern sich hunderte Schüler. Bei Serlo hingegen kann ein Fehler nicht lange überleben. Hier würde spätestens der Zweite oder Dritte eine Diskussion beginnen – sobald ein Fehler bei Serlo gefunden wird, wird dieser behoben.

Noch deutlicher werden die Vorteile von Serlo bei der Herstellung von Lehrmaterialien, da es hier die große Chance gibt, unterschiedliche Formen von Intelligenzen einzubinden. Wenn wir es wirklich schaffen, all diese Impulse auf Serlo zu sammeln, dann können wir nicht nur freie, sondern auch richtig gute Materialien zur Verfügung stellen. 

Eine Privatperson kann sich beispielsweise als Redakteur engagieren und im Fach Ökologie mitmachen. Der Mathelehrer mit seinen 15 Jahren Unterrichtserfahrung bekommt eine  neue Vorstellung davon, wie man ein Thema gut vermitteln kann. Ein Berufstätiger kennt wiederum ein passendes Beispiel aus der aktuellen Forschung, dass er mit einbringen kann. Und ein Didaktik Professor hat wiederum seine fundierte Herangehensweise. Wenn ein Schüler dann immer noch sagt: “Ja sorry aber ich weiß nicht wie ich von Schritt 3 auf Schritt 4 komme. Das würde ich gern noch ein bisschen ausführlicher haben.“, dann wird das gemacht.

Wie erreicht ihr mit Serlo eine gerechtere Bildung?

Simon: Mir ist wichtig, dass Bildung unabhängig ist und jeder freien Zugang dazu hat. So viele Menschen konsumieren, haben aber keine Ahnung davon, welche Auswirkung das eigentlich auf andere Orte auf der Welt hat. Dass das so ist, hängt unter anderem mit fehlender Bildung zusammen. Zum Beispiel ist der Klimawandel ein typisches Bildungsproblem. Natürlich nicht nur – aber eben auch!

Bildungsgerechtigkeit und mehr Beteiligung bei der Gestaltung von Bildung sind die zwei großen Wirkungsziele von Serlo. Es geht mir darum, die Wirtschaft zu demokratisieren. Sprich darum die Menschen zu ermächtigen, zu emanzipieren und zu bilden und ihnen das Vertrauen zu schenken, dass sie selbst auf gute Ideen und Werte kommen.

Als Organisation setzen wir auf die große Wette, dass wir ganz viele Menschen dazu ermächtigen, frei an Serlo mitzugestalten. Es hängt dadurch nicht mehr von der finanziellen Ermächtigung ab, welchen Einfluss man hat. Vielmehr kommen genau die Themen durch, die wirklich wichtig sind. Ich glaube, dass demokratische Bildung automatisch auch soziale und ökologische Themen stärker in den Vordergrund bringen wird. Das ist meine Wette, ohne dass ich das forcieren möchte.

Das scheint eine große Aufgabe für Serlo zu sein oder?

Simon: Mit unserer Vision von Serlo formulieren wir einen Ist-Zustand, den wir nicht alleine erreichen können. Wir glauben nicht, dass Serlo das Allheilmittel ist, aber unsere Vision muss eine Utopie sein. In der Gesellschaft muss Bildung jedem – unabhängig von sozioökonomischen Bedingungen oder anderen Faktoren – frei zur Verfügung stehen. Nur so kann letztendlich das individuelle Potential jedes einzelnen Schülers gefördert werden.

Ich wünsche mir Bildung, die vielfältig ist und unter großer Beteiligung entsteht. Es muss möglich sein, eigene Themen einzubringen, selbst Unterricht zu gestalten und Dinge kritisch hinterfragen zu können. Dafür brauchen wir wirtschaftliche, effiziente, erfolgreiche und gleichzeitig demokratisch partizipative Unternehmensformen.

Du sprichst über die Abgabe von Kontrolle und dem Besitz von Entscheidungsmacht. Im klassischen Unternehmertum liegen diese Rollen meist in einer Hand. Wie funktioniert das bei Serlo?

Simon: Wir haben im letzten Jahr das Format des Plenums installiert, um unsere Entscheidungen demokratisch fällen zu können. Dabei hatten wir Unterstützung von einer externen Begleitung durch Jacob Rohm, der uns als systemischer Berater unterstützt hat. Das Plenum stellt zum einen für Serlo eine wichtige Instanz dar und ist zum anderen gleichwertiger Vertreter der Zielgruppen, der Schüler und der Community sowie  des Vereins, des Vorstands und ehrenamtlicher sowie angestellter Teammitglieder.

Im Plenum entscheiden wir über alle Dinge, die für alle vertretenen Gruppen relevant sind. Zum Beispiel, was wir mit unserem Geld machen, welche Features wir auf die Seite bringen möchten, welche Partnerschaften für uns entscheidend sind und ob wir uns von einzelnen Unternehmen fördern lassen oder nicht? Das wird alles im Plenum entschieden und ich bin wirklich stolz darauf, dass es uns dadurch geglückt ist, einen demokratischen Prozess und eine agile Arbeitsweise zu verbinden.

Kannst du uns ein Beispiel für diese Entscheidungsprozesse geben? Wo ziehst du die Grenze und wie geht ihr mit Geldspenden um?

Simon: Ganz klar gibt es Grenzen. Wir nehmen beispielsweise kein Geld aus der Waffenindustrie an, auch wenn die unbedingt Ingenieure brauchen und aus diesem Grund gerne den Bereich Mathematik unterstützen würden. Doch da ist die Grenze bereits weit überschritten und sicherlich gibt es auch vorher schon Grenzen.

Ob ein Vertrag unterschrieben wird, und ab wann vielleicht auch eine Schwelle überschritten ist und aus Sponsoring Werbung wird und deswegen nicht unterschrieben werden kann, entscheidet am Ende unser Plenum. Abgesehen davon ist es mir aber persönlich ein Anliegen, dass für Geldgeber das Interesse in unsere Wirkung im Vordergrund steht.

Ich glaube man muss Geldgebern gegenüber offen sein und nicht etwas gleich von vornherein ausschlagen, sondern genau abwägen, welche Interessen bedient werden. Green/Social Washing der Unternehmen auf der einen Seite und das große Potential von Serlo auf der anderen. Wir müssen die Unabhängigkeit des Projekts garantieren, das geht bei Serlo mit Hilfe des Plenums und der Mitgliederversammlung. So lässt sich ein guter Weg finden.

Das klingt nach einem großen Verwaltungsaufwand. Ist das nicht hinderlich? Schließlich hat Basisdemokratie oftmals einen sehr pedantischen Ruf. Wie geht ihr damit um?

Simon: Ewige Diskussionen und Blockade sind das klassische Klischee von Basisdemokratie. aber auch das „Sich-zurückhalten“, das “Machen-lassen” und das Vertrauen geben kann zu einer basisdemokratischen Kultur gehören, die uns sehr wichtig ist.

Das Plenum lässt sich innerhalb einer Woche einberufen, die Tagesordnung wird verschickt, es  kommt wer kommen möchte und dann wird soziokratisch entschieden. Das hat im letzten Jahr echt super funktioniert.

Der Luxus, den ich aus meinem Projekt ziehe, ist nicht dass ich Initiator dieses Projekts bin und die Kontrolle darüber habe, sondern vielmehr diese tolle Form von Arbeit und Wirkung, die ich damit erziele. Ich bin bereit, das an eine demokratische Kontrolle zu übergeben. Der Besitzanspruch an einer Unternehmung  ist für mich eine der großen Kontroversen im sozialen Unternehmertum und ich hoffe, dass das Thema noch wichtiger wird in der Szene. In diesem Punkt muss sich die Szene wirklich weiterentwickeln.

Wie wollt ihr langfristig die unabhängige Wirtschaftlichkeit von Serlo garantieren? An welchen Modellen orientiert ihr euch?

Simon: Das Vorbild ist das hybride Geschäftsmodell – so wie es Ashoka hochhält. Da gibt es zum Beispiel Attilla von Unruh, der ehrenamtliche Selbsthilfegruppen von Schuldnern mit einer professionellen kostenpflichtigen Beratung verbindet. Die Beratung finanziert die Organisation der Selbsthilfegruppen. Die Selbsthilfegruppen erreichen die Menschen. Das macht total Sinn. Unruh arbeitet an dem gesellschaftlichen Problem und unterstützt gleichzeitig mit der nötigen Finanzierung.

In Workshops mit Ashoka haben wir das hybride Geschäftsmodell – die Kombination von non-profit und for-profit kennengelernt, und es hat mich überzeugt, das auch für Serlo anzuwenden. Wir haben ein von Serlo unabhängigs Unternehmen gegründet, das Bildungstechnologie für Kunden entwickelt und Serlo diese Technologie kostenlos zur Verfügung stellt. Gleichzeitig profitiert das Unternehmen von dieser Referenz. Ashoka hat bereits vor uns erkannt, dass Serlo für diese Art von Geschäftsmodell entsprechendes Potential mit sich bringt. Denis Hoenig-Ohnsorg von Ashoka hat schließlich darauf hingearbeitet, dass wir mit Serlo an diesen Punkt kommen und uns dabei immer unterstützt.

Als Vorsitzender entwickle ich den Verein Serlo, während Aeneas als Geschäftsführer sich mehr auf die Softwareausgründung der Ory GmbH konzentriert. Für Ory ist Serlo ein Open-Source Referenzprodukt, für Serlo ist Ory eine kostenlose Softwareschmiede. Jetzt, da wir an diesem Punkt sind, klingt das total einfach. Der Prozess dorthin war allerdings richtig, richtig schwer.

Aeneas Rekkas und Simon Köhl
Aeneas Rekkas und Simon Köhl

Magst du uns abschließend noch etwas über eure Unterstützer erzählen?

Simon: Vor zwei Jahren habe ich mich gefragt, warum es keine Leute gibt, die ankommen und sagen "Hey, ich habe ne Millionen übrig". Da schaue ich neidisch auf jemanden wie Salman Khan, der mit seiner tollen Vision und seinen Videos in einem sehr frühen Stadium 2 Millionen Dollar Spenden bekommen hat.

Noch als Schüler habe ich Serlo ins Leben gerufen und das einfach mal drei Jahre lang ohne beratende Begleitung, noch ohne irgendeine Erfahrung im Unternehmertum zu besitzen, gemacht. Inzwischen würde ich mir vor Ablauf der ersten zwei Jahre auch keine Millionen mehr geben, sonst hätte ich die Lernprozesse bis heute nicht durchgemacht. Mittlerweile haben wir aber wesentliche Dinge verstanden und können iterativ in Zusammenarbeit mit der Zielgruppe, das Projekt weiterentwickeln.

Die Hans Sauer Stiftung war die erste Adresse, die uns auch finanziell unterstützt hat. Ich weiß gar nicht mehr, wie viel Geld das damals in der ersten Förderrunde war - es hat sich jedenfalls nach wahnsinnig viel angefühlt. Finanziell gibt es dann noch zahlreiche andere Institutionen, die uns unterstützt haben, darunter die Zeidler-Forschungs-Stiftung, Vodafone und SAP.

2014 hatten wir ein Budget von 52.000 Euro und haben 13.000 Stunden ehrenamtliche Arbeit in das Projekt gesteckt. Durch die ehrenamtliche Arbeit und die Online-Community erreichen wir eine große Wirksamkeit unserer finanziellen Mittel.

Das wichtigste war es zu merken, dass es ein großer Luxus ist, sich seinen Arbeitsort, seine Arbeitszeiten und die Menschen mit denen man arbeitet, aussuchen zu können. Mit seiner Arbeit etwas zu machen, was andere Menschen glücklich macht. Dabei kreativ sein zu können und sich mit Gleichgesinnten zu vernetzten.

Vielen Dank für das Interview.

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