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Die Social Entrepreneurship Akademie im Interview

Oliver und Dominik über die Ausbildung von Sozialunternehmern und das Arbeiten als Netzwerkorganisation.

Förderer BildungNetzwerk München

In den Räumlichkeiten des Strascheg Center for Entrepreneurship an der Hochschule München trafen wir Oliver Beckmann und Dominik Domnik von der Social Entrepreneurship Akademie, um zu erfahren, wie die Ausbildung von Sozialunternehmern aussieht. Dabei erzählten sie uns, wie sie durch interdisziplinäre Ausbildungsformate weltweit gesellschaftlichen Wandel hervorrufen wollen. Das Team der Social Entrepreneurship Akademie vermittelt Studierenden das Handwerkzeug, um Social Entrepreneurship zu praktizieren. Es ermutigt junge Persönlichkeiten zum Handeln. Mit viel Engagement und Leidenschaft werden hier Persönlichkeiten aus- und weitergebildet, die mit unternehmerischen Mitteln gesellschaftliche Verantwortung übernehmen wollen.

 

Zu Beginn möchte ich zunächst das Augenmerk auf eure tägliche Arbeit in der Social Entrepreneurship Akademie richten. Wie arbeitet ihr und womit beschäftigt ihr euch den ganzen Tag?

Die vier Entrepreneurship Center der Münchner Hochschulen
LMU Entrepreneurship Center (LMU München), Strascheg Center for Entrepreneurship (Hochschule München), UnternehmerTUM (TU München), CeTIM (Universität BW)

Oliver: Wir bilden Social Entrepreneure aus und fördern soziale Gründungsideen. Das ist seit 5 Jahren der Kern unserer Arbeit. Die vier Hochschulen in München, insbesondere die vier Entrepreneurship Center, haben die Akademie 2010 zusammen mit Frau Achleitner, Professorin für Unternehmensfinanzierung an der TUM, gegründet, um das Thema „Social Entrepreneurship“ stärker in die Universitäten hineinzutragen. Das erreichen wir durch unterschiedliche Ausbildungs- und Workshop Formate. Angefangen bei der ganz frühphasigen Einführung in das Thema bis hin zum Herzstück unserer Arbeit - das Zertifikatsprogramm Gesellschaftliche Innovationen. In dem Kurs entstehen außercurricular und interdisziplinär soziale Gründungsideen und die Teilnehmer werden auch auf eine mögliche Umsetzung dieser vorbereitet. Aber auch die klassische Gründungsberatung und -förderung gehören zu unserer Arbeit, indem wir all diejenigen Social Entrepreneurship Projekte, mit unterschiedlichem Reifegrad jedoch meist spätphasig, sehr individuell beraten und unterstützen.

Dominik: Wir sehen uns und unsere Arbeit als eine Organisation, die selbst auch nach den Prinzipien des Social Entrepreneurship funktioniert. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir uns selber um unsere Finanzierung kümmern, da wir nur so unseren Studierenden diese Erfahrung weitergeben und Vorbild sein können. Wir sind eine Netzwerkorganisation und agieren als Linse zum Thema gesellschaftliche Innovationen, mit dem Ziel, Social Entrepreneurship in unserer Gesellschaft zu verankern.

Dominik Domnik in den Räumlichkeiten des Strascheg Centers for Entrepreneurship

Existiert deutschlandweit ein ähnliches Konstrukt wie die Social Entrepreneurship Akademie? Falls ja, was macht euch so besonders bzw. unterscheidet euch von den anderen?

Dominik: Die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten wird oftmals als Alleinstellungsmerkmal gesehen. Es existieren zwar Kooperationsmodelle von anderen Hochschulen, die ähnlich arbeiten, allerdings nicht dermaßen tief umgesetzt und gelebt werden, wie wir es praktizieren. Um so zu arbeiten und dieses Netzwerk führen zu können, braucht es ein sehr eigenverantwortlich arbeitendes Team, das selber unternehmerisch tätig ist. Wichtig ist aber auch die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und anderen Universitäten, wie die Leuphana Universität in Lüneburg oder die Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Wir sehen uns als Teil des Ökosystems gesellschaftliche Innovationen und generieren mit unserem Dasein großen Output hinsichtlich der Lehre und der Personen, die wir mit unserem Tun erreichen. Somit sind wir, so wie wir hier im Augenblick aufgestellt sind, eine Besonderheit.

Oliver: Sicherlich gibt es in Deutschland Universitätskooperationen, die sich auf einen bestimmten Bereich fokussieren, wie zum Beispiel Technik oder Medizin. Das Thema Social Entrepreneurship beinhaltet jedoch viel mehr Interdisziplinarität, da beispielweise Fragen der Stadtplanung mit Soziologen, Architekten, Designern und Medizinern besprochen werden müssen, um auf eine innovative Lösung zu kommen. Somit benötigt man eine neuartige Form der Kooperation.

Gab es bei der Gründung der Social Entrepreneurship Akademie eine Mission die konkret zur Unternehmensgründung auffordert?

Dominik: Unsere Mission lautet „education for societal change”. Wir wollen Studierenden das Handwerkzeug mit auf dem Weg geben, um Social Entrepreneurship selber zu praktizieren. Wir wollen Studierenden Fähigkeiten und Haltung mitgeben, damit sie ihr Engagement, Wissen und ihre Denkweise in andere Kontexte überführen können – unabhängig davon, ob jemand in einem bestehenden System arbeitet oder selber ein Unternehmen gründet. Durch unsere Kurse bekommen die Teilnehmer einen Einblick, was es bedeutet in der Gesellschaft Probleme richtig zu identifizieren, Verantwortung zu übernehmen und ihnen vor Ort auf den Grund zu gehen, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Ziel ist es, jeden Studierenden dazu zu befähigen, in seiner Disziplin soziale und ökologische Missstände mit eigenem Know-how angehen zu können.

Versteht ihr denn euren Auftrag trotz eures Sitzes in München global? Über die Grenzen Deutschlands hinaus?

Oliver: Unser Fokus liegt im Münchner Raum. Gleichzeitig merken wir, dass, aufgrund der Globalisierung viele Ideen entwickelt werden, die ihren sozialen Mehrwert in Schwellenländer haben. Deswegen fühlen wir uns als kleiner Teil einer globalen Entwicklung. Zusätzlich haben wir Programme wie die Global Entrepreneurship Summer School, die jährlich Studierende aus aller Welt zusammenbringt, die im Anschluss wieder in ihre Länder zurückkehren und ihr Wissen vor Ort umsetzen und somit verbreiten. Außerdem haben wir letztes Jahr ein Einsteigerprogramm zum Thema Social Entrepreneurship entwickelt, das „ZGI:kompakt“. Damit gehen wir an Partneruniversitäten in ganz Europa, insbesondere in die europäischen Krisenländer, in denen das Thema Social Entrepreneurship bisher keine Rolle spielte. Wir bieten innerhalb von zwei Tagen ein sehr intensives Kennenlernen mit dem Thema an, in der Hoffnung, einen Samen zu sähen für die Entstehung von Bildungsprogrammen an den Universitäten. Hinsichtlich der Internationalität ist das momentan unser größtes Projekt.

Oliver Beckmann über den Dächern Münchens

Ihr seht euch selbst als eine Art Start-up. Was bedeutet das für eure internen Strukturen? Wie seid ihr innerhalb eurer Organisation strukturiert?

Das Rollenmodell DACI
Mit DACI wird eine Technik zur Analyse und Darstellung von Verantwortlichkeiten bezeichnet.

Driver
Approver
Contributor
Informee

Dominik: Wir organisieren uns über das Rollenmodell DACI. Das Ganze kann man sich am Beispiel einer Autofahrt bildlich vorstellen. Am Steuer sitzt der „driver“, welcher richtungsweisend entscheidet, was das Ziel der Fahrt ist. In unserem Fall existiert für jedes Thema ein „driver“, der die Verantwortung für die Umsetzung des Projektes trägt. Oliver ist zum Beispiel der Treiber für das Thema Qualifizierung, ich kümmere mich um den Bereich Finanzierung. Der Beifahrer ist der Berater („contributor“). Das ist derjenige, der eng mit dem „driver“ zusammenarbeitet, ihn bei der Umsetzung unterstützt und ihn mit Informationen versorgt. Das kann ein Kollege aus dem Team sein oder ein Gastvortragender, der dazu beiträgt eine Veranstaltung durchzuführen. Der „approver“ sitzt hinten und bringt die nötige Erfahrung mit, um zu entscheiden, ob ein Projekt stattfindet oder nicht. Er trägt die formale Verantwortung. Das ist bei uns meistens einer der Vorstände. Als letztes haben wir noch die Rolle des „informee“, die dazu dient, dass das Team auf dem aktuellen Stand ist. Er ist über das Projekt informiert ohne jedes Detail kennen zu müssen. Er sollte die grundsätzliche Richtung verstanden haben, für den Fall, dass es zu der Situation kommt, in der er für den „driver“ einspringen muss.

Oliver: Außerdem haben wir unser wöchentliches Teammeeting, wo wir uns zusammensetzten, um intensiv zusammen zu arbeiten, Projekte zu planen und gemeinsam zu entscheiden, was wir in der Zukunft angehen und was nicht. Sicherlich kann in der Art und Weise wie wir organisiert sind ein großer Konzern nicht arbeiten. Für uns hat sich diese Struktur allerdings als sehr produktiv erwiesen.

Bei euren zahlreichen Projekten spielen Studierende eine tragende Rolle. Wie gestaltet ihr die Kommunikation mit eurer Zielgruppe und anderen Partnern?

Oliver: Das gestaltet sich ganz unterschiedlich, da sich unsere Zielgruppe aus diversen Stakeholdern zusammenstellt, die sich auf unterschiedlichen Ebenen bewegen. Unsere Studierenden sprechen wir größten Teils über social media an, aber auch klassisch über Newsletter, Flyer und Poster. Wir gehen in Vorlesungen und stellen uns vor, sind aber auch auf Veranstaltungen, wo wir als Gastredner eingeladen sind. Gleichzeitig fungieren die von uns ausgebildeten Teams als Multiplikator. Zum Beispiel kuratieren wir Crowdfunding Kampagnen von Teams, die durch unsere Förderung gegangen sind, wie unseren Alumni nearBees. Wenn wir als Netzwerk-Organisation auftreten und bezeugen, dass diese Start-Ups durch unsere Ausbildung gegangen sind, zeugt das von deren Professionalität, die ein Start-Up, das nicht aus unserer Förderung kommt, sich erstmal erarbeiten muss.

Ihr arbeitet also mit unterschiedlichen Stakeholdern zusammen, wie Partnern, Investoren aber auch Unternehmen. Wie gestaltet ihr diese Zusammenarbeit?

Dominik: Wir sind Teil eines Ökosystems und arbeiten mit unseren Partnern, Investoren oder Unternehmen auf unterschiedlichen Ebenen sehr eng zusammen, um Synergieeffekte zu erzielen. Wenn wir mit Stiftungen wie der Hans Sauer Stiftung zusammenarbeiten, sind das nicht nur Beziehungen, die rein finanzieller Natur sind, sondern es existiert auch eine gemeinsame Leistungserstellung. Wenn wir beispielsweise ein neues Format einführen, wie das der IMPACT:werkstatt, dann nutzen beide Parteien ihre Kanäle, Kompetenzen und Reichweite, um die Veranstaltung sowohl zu bewerben als auch gezielt Referenten einzuladen. Durch diese Co-Creation ergeben sich ganz andere Möglichkeiten das Netzwerk anzusprechen.

Ein anderes Beispiel ist „Act for Impact“ in der Zusammenarbeit mit der Vodafone Stiftung. Hier werden wir zum Generalunternehmer für die Stiftung, die den Preis letztendlich ausschreibt. Wir kümmern uns um die komplette Abwicklung. Von der Ausschreibung, der Kommunikation mit den Wettbewerbsteilnehmern bis hin zu den Räumlichkeiten der Veranstaltung, so dass die Stiftung schließlich hinzu kommt und uns durch ihre eigene Kommunikationsleistung unterstützt. Die Stiftung könnte selber so etwas nicht organisieren, weil sie nicht den Zugang zur Kernzielgruppe hat. Wir dienen als klassischer Intermediär zu den gesellschaftlichen Innovatoren und den Studierenden, da wir ihnen sehr viel näher stehen. Das ist natürlich ein sehr interessantes Modell für die Stiftung, weil sie ihr Projektmanagement abgibt und gleichzeitig die Möglichkeit hat, das Siegerprojekt zu fördern, indem sie uns als Gründungsförderer beauftragt. Darüber hinaus stellt die Stiftung diesem Gründungsprojekt ihr gesamtes Netzwerk zur Verfügung, was extrem effektiv ist und von einer wirkungsorientierten Sichtweise zeugt.

Sicherlich holt ihr euch auch Feedback ein um eure Programme weiterzuentwickeln. Wie genau macht ihr das? Wie geht ihr mit Feedback um?

Oliver: Wir befragen die Abnehmer unserer Bildungsprogramme, sei es durch direktes, persönliches Feedback aber auch über klassische Evaluationsbögen. So können wir die Ergebnisse in zukünftige Programme einarbeiten.

 

Glaubt ihr, dass im Zuge eurer Arbeit auch negative Effekte auftreten, an die ihr bisher noch nicht gedacht habt? Oder genauer gefragt: Woher wisst ihr, dass eure Arbeit auch langfristig Früchte trägt? Könnt ihr euren „impact“ langfristig messen und evaluieren?

Oliver: Was wir noch nicht genau messen können, durch Langzeitstudien oder ähnliches, ist wie viel „impact“ wir auf gesellschaftlicher Ebene durch unsere Aktivitäten erreichen. Das Einzige, was wir machen können und was wir auch tun, ist die Evaluation unserer Programme und der enge Kontakt zu unserem Alumninetzwerk, damit wir ein Gefühl dafür bekommen, was aus diesen Personen wird. Unsere Kennzahl ist nicht die Anzahl der Gründung, die am Ende des Jahres herauskommen. Uns ist wichtig zu sehen, wie viele tatkräftige, verantwortungsbewusste, gesellschaftskritische und veränderungswillige Personen aus unserer Förderung hervorgehen. Die Frage ist, wie veränderungswillig sind sie und trauen sie sich eher etwas umzusetzen, im Vergleich zu davor. Diesen Effekt sehen wir jetzt schon am entstehen. Um langfristig validieren zu können, welche Positionen unsere „Young Professionals“ haben, was sie tatsächlich anders machen als eine Vergleichsgruppe, müssen wir aber das was wir momentan praktizieren, noch fünf bis zehn Jahre tun. Es ist noch ein wenig zu früh, um sagen zu können, ob das, was wir machen auch funktioniert. Im Augenblick können wir uns durch das direkte Feedback ein Stück weit legitimieren und uns bestätigt fühlen in dem was wir tun. Das ist es, was uns motiviert und uns Freude bereitet – zu sehen was aus den Projekten wird und das Feedback zu bekommen, dass das was wir leisten gut ist.

Wie anderen aus der Social Entrepreneurship Szene werden auch euch kritische Stimmen erreichen, die nach eurer Legitimation fragen und behaupten, dass ihr mit eurem Tun keine große Veränderung hervorruft. Bekommt ihr solche Rückmeldungen?

Oliver: Die Bedeutung von Social Entrepreneuship bzw. gesellschaftlicher Innovation wird in solchen Fällen unterschiedlich stark bemessen. Wir nehmen dabei kritische Rückmeldungen nicht negativ auf, sondern sehen es als eine realistische Sichtweise, die wir alle durch unsere Lebensläufe mitbekommen haben. Für mich persönlich ist das ein umso größerer Ansporn weiterzumachen. Wenn man in so einem Umfeld ansetzt, kann man tatsächlich mit einem kleinen Hebel etwas bewirken. Überzogene Kritik macht es zwar schwieriger in solchen Institutionen zu arbeiten und uns ist bewusst, dass wir uns nicht den einfachsten Weg ausgesucht haben. Aber das macht es für uns auch aus - an solchen Stellen einen Impact zu leisten, wo es noch etwas zu tun gibt.

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