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Sono Motors im Interview

Über das Teilen von Mobilität

Christoph Eipert & Sebastian Preiss Sebastian Preiss

Startup Mobilität München

München. Im Norden der bayerischen Hauptstadt, nur wenige Straßenzüge von dem Entwicklungszentrum eines großen Automobilkonzerns entfernt, treffen wir uns mit Navina Pernsteiner. Neben Laurin Hahn und Jona Christians ist sie Mitbegründerin von Sono Motors – ein Start-Up, dass mit der Entwicklung ihres Elektroautos „Sion“ Mobilität nachhaltiger gestalten will. Und dazu braucht es nicht nur Strom sondern auch echtes Moos im Innenraum.

Ihr habt schon früh begonnen, an der Idee eines Elektroautos zu tüfteln: Wie kam es dazu? Konntet ihr das im Rahmen eures Studiums machen?

Navina: Laurin hat das Studium Elektromobilität angefangen, aber im dritten Semester pausiert. Das liegt vor allem daran, dass wir Vollzeit 24-7 in unser Projekt involviert sind. Jona studiert Informationstechnologie in München und pausiert auch gerade. Ich selber habe Kommunikationsdesign in Augsburg studiert. Damit sind drei Disziplinen zusammen gekommen: Technik, IT und Design. 

Da gibt bestimmt ziemlich viel zu tun? 

Navina: Es ist natürlich schon so, dass wir zu 100 Prozent für das Unternehmen leben, vor allem weil es momentan in einer sehr wichtigen Phase ist. Gerade in den letzten zwei Monaten ist einfach wahnsinnig viel passiert. Und dann muss man privat eben mal ein bisschen zurückstecken. 

Navina Pernsteiner ist Mitbegründerin von Sono Motors und PR Managerin des Start-Ups.

Ist euer Team schon gewachsen?

Navina: Mittlerweile sind wir 20 Festangestellte. Aber insgesamt arbeiten bis zu 100 Personen am Projekt. Darunter übernehmen externe Mitarbeiter Aufgaben wie etwa die Entwicklung unseres Infotainment-Systems oder die Entwicklung der Website.

Greift ihr dabei auch auf bestehende Strukturen der Automobilindustrie zurück?

Navina: Wir arbeiten viel mit Beratern zusammen, zum Beispiel mit Thomas Meichsner, er war Chief-Technical-Officer bei Thyssenkrupp und berät uns maßgeblich in verschiedenen Entscheidungsprozessen. Die großen Automobilhersteller haben sehr lange Entscheidungsprozesse. Das ist bei uns nicht der Fall: als junges dynamische Startup treffen wir Entscheidungen wesentlich schneller. Ein weiterer Punkt sind technische Entwicklungen: Wir nutzen so viele Carry-Over-Parts wie möglich, also Komponenten, die von Zulieferern bereits entwickelt wurden und dort frei nutzbar im Regal liegen. Diese Teile müssen wir nicht neu entwickeln und sie sind bereits abgenommen.

Zudem definieren sich die deutschen Hersteller über das Design. Das machen wir nicht. Wir entwickeln nur das neu, was unsere Alleinstellungsmerkmale bildet, also die Solarpanele und unser Instandhaltungssystem natürlich, aber so etwas wie Lenkrad oder Schalthebel nicht. Die dritte Facette ist das Team — das ist der Wahnsinn. Es steht voll und ganz hinter dem Produkt. Für die Website-Entwicklung und die Video-Produktion arbeiten wir mit Externen zusammen, die uns auch aktuelle Informationen und Know-How vermitteln. Etwa für die Website beim Zurückgreifen auf bestimmte Effekte oder bei der Berücksichtigung von bestimmten Inhalten zu Videoproduktionen.

Zu den Investoren von Sono Motors gehören unter anderem: Marita Hansen, Geschäftsführerin der eProjekt TNS GmbH, Matthias Willenbacher, sowie die Böllinger Group.

Wer übernimmt dafür das Risiko – vor allem finanziell?

Navina: Wir haben zum einen Investoren und zum anderen machen wir Crowdfunding und haben gerade noch eine laufende Crowd-Investing Kampagne. Dort haben wir innerhalb von zehn Tagen bereits 88 Prozent von unserem Investierungsziel erreicht. Für die gleiche Summe haben wir mit Crowdfunding zehn Monate benötigt.

Aber für euer Vorhaben braucht man schon einen längeren Atem: Wie werdet ihr wahrgenommen?

Navina: Ich bekomme jeden Tag Rückmeldung vom Probefahrten-Team und die sagen, dass alle Leute, die in das Auto einsteigen, mit einem riesigen Lächeln wieder aussteigen und überzeugt davon sind. 

Habt ihr Kontakt zu BMW und Co? Wenn ja, wie reagieren sie auf euer Projekt?

Navina: Wir hatten da bis jetzt noch keine expliziten Anfragen. Kontakt gibt es, aber es ist nicht so, dass uns jemand ein Bein stellen will. Insgesamt wollen wir uns mit niemandem messen. Uns geht es eigentlich darum, ein nachhaltiges Mobilitätskonzept zu schaffen und je mehr Leute da mit aufspringen – unter anderem auch Tesla – ist es im Endeffekt eine schöne Sache. Zudem spielen wir mit unserem Auto auch in einer anderen Preisklasse. Wir werden eine ganz andere Basis haben: wir wollen kein High-Class-Auto produzieren, sondern ein Auto, dass sich jeder leisten kann und letztlich nachhaltig ist.

Wie funktioniert eigentlich die Sache mit den Probefahrten? 

Navina: Sehr gut! Wir sind bisher in nahezu allen Städten ausgebucht gewesen. So zum Beispiel im Münchener Olympia-Stadion, in Nürnberg und Düsseldorf. Nach Frankfurt, und der IAA geht es nach Frankreich (Paris), Belgien (Brüssel) und die Niederlande (Amsterdam), bis es nach einem weiteren Aufenthalt in Hamburg und Berlin nach Österreich (Wien) und in die Schweiz (Zürich) geht. Im Moment können wir uns eigentlich nicht beklagen. Die Fortsetzung der Tour im kommenden Jahr wird bereits geplant.

Testfahrt mit dem Sion im Münchener Olympiastadion (Fotocredit: Sono Motors) 

Die Leute dürfen dann mit dem Sion durch die Innenstädte fahren? 

Navina: Nicht ganz. Bisher haben wir noch keine Crashtests gemacht. Für ein Auto bekommst du aber nur eine Straßenzulassung, wenn du mehrere Crashtests durchlaufen hast – insgesamt acht Stück. Aber wir haben Transporter, die die Autos zu den verschiedenen Städten fahren und auf Privatgelände darf man fahren. 

Ihr habt für das Auto einen klaren Preis formuliert – 16.000 Euro. Für die Batterie, die sich auch mieten lässt, nicht. Seht ihr Probleme darin, dass Nachhaltigkeit unter der Schnelllebigkeit technischer Standards leidet?

Navina: Genau aus dem Grund geben wir den Batteriepreis noch nicht bekannt, beziehungsweise wollen wir ihn nicht kommunizieren. Es macht jetzt keinen Sinn, uns auf eine Batterie festzulegen, weil in zwei Jahren - wenn der Sion auf die Straßen kommt - die Batterieentwicklung auf einem ganz anderen Standard sein wird und somit auch viel günstiger für den Verbraucher. Das heißt, wir kommen eigentlich den Verbrauchern soweit entgegen. Die Aussichten stehen also ganz gut, dass die Batterie günstiger werden wird, aber gleichzeitig die Effizienz der Zellen steigt. Wir haben zum Beispiel mit einer Zelleneffizienz von 22 Prozent angefangen, jetzt liegt sie schon bei 24 Prozent.

Die negative Ladung von Moos soll die Luft im Wageninneren natürlich reinigen. (Fotocredit: Sono Motors)

Eine Sache ist besonders spannend: Ihr verbaut Moos im Auto – was hat es damit auf sich?

Navina: Also Algen sagen jedem etwas. Sie wachsen im Wasser, immer da wo Schmutz ist und reinigen es somit. Den gleichen Aspekt gibt es auch auf dem Land – und zwar durch Moos. Wir nehmen dieses Moos, bauen es als Filter im Auto ein, es wird Luft hochgeblasen und das Moos filtert diese Luft. Denn es hat die Eigenschaft, dass es durch seine positive Ladung negativ geladenen Feinstaub bindet. Die Luft im Innenraum ist dann gesünder – durch diesen natürlichen Luftfilter. Tests in Zusammenarbeit mit der Uni Regensburg ergaben einen Filterwert von bis zu 23 Prozent.

Ihr wollt vom Erdöl weg: Seht ihr das Elektroauto als Allerheilmittel für Mobilitätsprobleme?

Navina: Es wäre schön, wenn man was finden könnte, dass ein Allerheilmittel für alles ist. Es ist jedenfalls ein wichtiger Input und Anstoß zugleich um die Leute zum Umdenken zu bewegen. Ich war zum Beispiel bei den Probefahrten in München jeden Tag vor Ort und man merkt an den Reaktionen der Leute, dass sie total begeistert sind. Die Leute sagen dann: „Hey, stimmt! An Carsharing habe ich noch gar nicht gedacht, das macht total Sinn, das probiere ich jetzt auch mal aus“.

Viel Kritik am Auto in der Stadt basiert auch auf der Tatsache, dass der Großteil der Autos die meiste Zeit gar nicht genutzt wird.

Navina: Die Leute fahren im Durchschnitt am Tag mit dem Auto 22 Kilometer. Das heißt, sie fahren einmal mit dem Auto zur Arbeit und wieder zurück – höchstens noch zum Einkaufen. Der Sion schafft es pro Tag bis zu 30 Kilometer mit seinen Solarzellen zu generieren. Dieser Strom lässt sich zusätzlich über unsere goSono App weiterverkaufen. Der Sion wird also zur mobilen Stromtankstelle indem er andere elektronische Geräte oder sogar Elektroautos laden kann. Wenn man das weiterdenkt und die Solareffizienz sich in den nächsten fünf Jahren verdoppeln wird, macht das mehr als Sinn, diese Zellen im Auto zu integrieren.

Sagt ihr: Ein Umstieg aufs Elektromobil reicht aus oder sollte es weniger Autos in der Stadt geben?

Navina: Klar, sie sollten schon weniger werden, aber primär muss sich das Verblasen von Erdöl in unserer Luft reduzieren. Es muss uns bewusst sein, dass wir umdenken müssen, sonst sieht die Welt in zehn Jahren ganz anders aus.

Wir haben mit Andreas Schuster vom Green City e. V. gesprochen. Er vertritt die Meinung, dass Sharing-Modelle vor allem dann effizient sind, wenn sie integrativ genutzt werden können, wie etwa durch einen einheitlichen Tarif. Könnt ihr euch das vorstellen?

Navina: Auf jeden Fall. Man kann in unserer App integrieren, dass man etwa sein eigenes Fahrrad anbietet oder andere Sharing-Dienste in die App einbindet. Ich glaube aber, dass man den Leuten Zeit geben muss. Wir sind zudem eine Generation, in der nicht mehr so viele Leute ein Auto haben werden, da man es oft nicht braucht. In unserem Team hat nur eine Person ein eigenes Auto. 

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