Menü

Useley im Interview

Das Münchner Startup Useley ist das Airnbnb für Kameras, Beer-Pong-Tische und Bohrmaschinen

Startup SharingPersonMarketingGesellschaft München

Ein Bohrer wird durchschnittlich zwei Mal im Jahr benutzt – muss er dann wirklich gleich gekauft werden? Nein, sagen sich da die Gründer von useley und haben eine Verleihplattform gegründet. Mark Kugel ist Mitgründer und hat mit uns über lange Arbeitstage, lehrreiche Straßenumfragen und eine lebendige Sharing-Kultur gesprochen.

Verliehen wird ja bereits viel im Privaten. Wieso also eine Verleihplattform?

Ursprünglich wollten wir einen einfacheren Weg finden, Dinge zu übergeben. Sich aber für die Übergabe eines Bohrers zu treffen, fanden wir sehr ineffizient und unpraktisch. Wir dachten an eine Art Packstation für alles. Um diese Idee auf die Straße zu bringen, mussten wir uns auf einen Ansatz fokussieren, der uns begeistert, aber auch Mehrwert stiftet. So sind wir auf die Idee gekommen, dass die Share-Economy schon gut für Wohnungen, Fahrräder und Autos funktioniert. Wieso also nicht auch für Bohrmaschinen?

Es gibt bereits ähnliche Webseiten wie eure. Was ist euer Alleinstellungsmerkmal?

Die anderen Plattformen haben eine schöne Webseite gemacht und sind davon ausgegangen, dass die Leute sich schon organisieren werden. Das funktioniert nicht. Das ist nur die Spitze des Eisberges, aber alles darunter muss erst mal bedacht und optimiert werden. Eine Studie des Magazins DER SPIEGEL besagt, dass 62 Prozent der jungen Deutschen so eine Plattform nutzen würden, aber nur zwei Prozent tun es. Die Nachfrage ist da, aber es macht keiner. Also sind wir auf die Straße und haben konkret nachgehackt. Dabei kristallisierten sich drei große Barrieren heraus. Erstens: Die Leute wissen nicht, was sie leihen sollen. Zweitens: Sie haben Angst, dass etwas kaputt geht. Und drittens: Die Übergabe ist zu umständlich. Mit dem Wissen sind wir wieder raus und haben gefragt, was wäre, wenn die Produkte versichert wären und wenn wir ihnen die Lieferung abnähmen. Außerdem haben wir gleich konkret gefragt, was die Leute zuhause haben, ob sie es verleihen und dann auch gleich die Kontaktdaten aufgenommen.

Wer leiht und verleiht bei euch?

Wir haben viele Studierende, die ein Produkt haben und sich freuen, dass es genutzt wird, aber auch kleine Firmen. Außerdem gibt sehr viele, die grundsätzlich an das Konzept der Share-Economy glauben und das unterstützen wollen. Die User sind eine ähnliche Gruppe. Ich würde sagen urban, zwischen 18 und 35, technikaffin, die Erlebnisse mehr schätzen als Besitz. Andere wollen nicht so viel besitzen und rumliegen haben, obwohl sie sich die Dinge schon leisten könnten. Ein weiterer Punkt ist, dass sich die User so immer die neuesten Versionen eines Produkts ausleihen können.

Wie macht ihr den Preis fest?

Am Anfang haben wir Preisentscheidungen überwiegend aus dem Bauch heraus getroffen, basierend auf dem Einkaufspreis, für wie lange ausgeliehen wird und was die durchschnittliche Lebensdauer sein wird. Außerdem müssen wir beachten, wie anfällig das Produkt für Schäden ist. Wir haben aber keinen ausgefeilten Logarithmus. Zu Beginn waren wir günstiger und haben dann immer, wenn etwas bestellt wurde, den Preis erhöht, um zu sehen, was die Leute bereit sind zu zahlen. Die Herausforderung ist, dass der Verleiher mitmacht und auch etwas dabei verdient.

Wie viel bekommt der Verleiher?

Im Moment bekommt er 70 Prozent. Irgendwann müssen wir noch die Versicherung anpassen. Bisher ist die Selbstbeteiligung von Usern bei 30 Prozent, den Rest übernehmen wir. Je länger etwas ausgeliehen wird, desto höher ist das Risiko, dass etwas kaputt geht. Wahrscheinlich wird die Selbstbeteiligung in Zukunft etwas höher werden. Das rechnen wir gerade noch durch und vielleicht kann man auch je nach Produkt unterschiedliche Modelle fahren.

Mitgründer Mark Kugel

Ist es schwierig für euch, eine Versicherung zu finden?

Ja, sehr sogar. Wir haben mit fünf bis zehn Versicherungen gesprochen. Am Anfang sind die Versicherungen immer euphorisch und wenn es dann darum geht einen Vertrag abzuschließen, dann machen sie einen Rückzieher und wollen abwarten, wie es sich entwickelt. Momentan versichern wir selber und das funktioniert sehr gut. Wir sind zwar noch mit Versicherungen im Gespräch, aber sollte das nicht funktionieren oder zu teuer werden, lassen wir es so. Bis jetzt hatten wir nur zwei größere Schäden, die teurer waren.

Wie gehen denn die Leute mit den Sachen um?

Eigentlich passen sie sehr gut drauf auf. Größtenteils. Die Situation könnte auch noch besser sein, weil die Leute jetzt noch denken, dass wir uns als Firma schon drum kümmern werden. Wenn sie aber wissen, das gehört einer anderen Person, die mir auch ein Feedback hinterlässt, wie ich damit umgegangen bin, dann sind sie noch vorsichtiger. Das werden wir noch verbessern. Jetzt passiert eben mal so etwas, dass ein Beer-Pong-Tisch zurückkommt, der einfach so zugemacht wurde, komplett mit Bierflecken und Chipsresten. So etwas würde peer to peer nie passieren.

CDTM
Das Center for Digital Technology and Management ist eine gemeinsame Institution der  Technischen Universität (TU) und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und richtet sich an Studenten aller Fachrichtungen. Das Zusatzstudium „Technology Management“ läuft parallel zu dem jeweiligen Bachelor-, Master oder Diplomstudiengang und dauert etwa drei Semester.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir haben alle das CDTM in München gemacht, ein spezieller Zusatzstudiengang für Gründung und Innovation von der Technischen Universität und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort werden jedes Jahr 20 Leute aus allen Fachrichtungen aufgenommen. Gerade dieser interdisziplinäre Ansatz ist, denke ich, sehr wertvoll. Ich bin schon mit der Motivation reingegangen, etwas zu gründen und die andere beiden habe ich dann dort kennen gelernt. Bei der Suche sind wir relativ analytisch vorgegangen und waren nicht eines der Startups, die die Idee unter der Dusche hatten. Unser Ziel war es, mit unserem Sozialunternehmen einen nachhaltigen Mehrwert zu erzielen und haben daher in alle Richtungen überlegt – von großen Weltproblemen, über persönliche Probleme, bis hin zu aktuellen Trends.

Wie arbeitet ihr im Team?

Pascal ist ein unfassbar guter Entwickler und hat die Seite komplett alleine gemacht. Lucy ist die Analytikerin und kann unglaublich gut Excel-Monster bauen und Finanzpläne aufstellen. Mir macht es mehr Spaß zu pitchen, auf Events zu gehen und die Kommunikation zu machen. Fachlich streiten wir uns jeden Tag. So eine Streitkultur führt am Ende zu einem positiven Ergebnis, ist aber nicht immer die einfachste Art der Kommunikation. Tatsächlich war es jedoch nie so, dass wir uns auf persönlicher Ebene gestritten hätten. Da bin ich wirklich stolz auf unser Team, dass wir immer sachlich bleiben und nicht respektlos werden. Sonst wäre es schwer. Ein Startup ist wie eine Heirat, weil man einfach auch so viel Zeit miteinander verbringt, diskutiert, lacht und sich durch die harten Zeiten boxt. Ich würde unterschreiben, dass das Team in einem Startup das Wichtigste ist. Vielleicht sogar wichtiger als die Idee an sich. Ein gutes Team kann auch aus etwas Schlechtem etwas Gutes machen.

Wie finanziert ihr euch?

Unsere Plattform haben wir selber gebaut, also hat sie nichts gekostet und wir hatten sehr viel Glück was den Raum angeht, den wir durch das CDTM von der TU München für ein Jahr zur Verfügung gestellt bekommen haben. Leider mussten wir dann raus, weil die Räume immer nur zeitweise an Startups vergeben werden. Außerdem haben wir vom Impact-HUB Geld gewonnen, da wir in das Eight Billion Lives Fellowship reingekommen sind. Im März gab es dann die erste Finanzierungsrunde durch Investoren, womit wir auch Praktikanten einstellen konnten. Nachdem das Konzept sehr kapitalintensiv ist, brauchen wir Ende dieses Jahres aber nochmal Investoren.

Wofür geht das meiste Geld drauf?

Besonders viel Kapital brauchen wir fürs Marketing. Weil wir eben etwas Neues machen. Es gibt viele Startups, die ein bestehendes Konzept digitalisieren. Das ist keine wirkliche Innovation. Wenn man aber etwas Neues macht, dann muss man die Leute ein bisschen erziehen. Wir verändern Gewohnheiten. Die Leute sind es gewohnt zu kaufen und wir sind eine andere Option. Das kennen sie für die meisten Produkte noch nicht. Das ist das Schwere, aber auch das Schöne daran. Wenn man erfolgreich damit ist, dann hat man etwas Neues geschaffen.

Was war eure größte Hürde am Anfang?

Das Schwierigste war Verleiher zu finden und vor allem die richtigen Produkte. Zuerst hatten wir viele Leute aus unserem persönlichen Netzwerk, die Sachen zur Verfügung gestellt haben. Wir waren aber der Meinung, dass wir jeden Verleih hinbekommen würden.  So hatten wir beispielsweise mal sonntags eine Anfrage für einen Nintendo 64. Wir hatten aber bis dahin viele Produkte online, obwohl wir noch keinen Verleiher hatten. An dem Tag habe ich ungefähr 50 Leute angerufen, ob sie jemanden mit einer Nintendo 64 kennen. Am Ende haben wir es geschafft. Aber wir lernen noch jeden Tag dazu. Beispielsweise, dass Leute gerne mal ihre SD-Karte in der Kamera lassen oder, dass kleine Sachen kaputt gehen und es liegt nur daran, dass sie nicht wussten, wie man es aufmacht. Also gibt es nächstes Mal einen Guide dazu. Diese Erfahrungen sind wichtig für die nächste Stufe, wenn wir alles digitalisieren und peer to peer machen.

Zwei der drei Gründer: Pascal Fritzen und Mark Kugel

Ein Startup aufzubauen, ist anfangs sehr zeitintensiv. Wie geht ihr damit um?

Es gibt dieses Startup-Credo: „Do things and don’t scale“. Also dass man zu Beginn beispielsweise nicht den Stundenlohn ausrechen sollte. Wir hatten die Seite eine Zeitlang rund um die Uhr offen, sind nachts um zwei Uhr wohin gefahren und dann ging es um acht Uhr morgens gleich wieder weiter. Wenn etwas nicht funktioniert, müssen wir selber anpacken. Wir liefern auch persönlich und können dann auch gleich fragen, ob alles geklappt hat oder ob es Probleme gab. Das ist unheimlich wertvoll. Natürlich haben wir dann mit der Zeit einiges eingeschränkt. Den Lieferumkreis beispielsweise und auch die Lieferzeiten. Außerdem haben wir mittlerweile Praktikanten und Werkstudenten, die uns unterstützen. Das ist sonst auf Dauer nicht gesund.

Was ist das beliebteste Produkt?

Die GoPros gehen sehr gut, aber auch Polaroidkameras für Hochzeiten. Da waren wir anfangs unsicher, ob Leute ihre Kameras verleihen, doch das ist super aufgegangen. Während der EM waren Beamer Mangelware. Aber auch Playstations werden oft nachgefragt.

Eigentlich ist useley eine nachhaltige Idee. Steht das nicht im Widerspruch zu all den Konsum- und Luxusartikeln, die es bei euch gibt?

Also ich denke da immer gerne an die Elektroautos von Tesla. Für Elektroautos wurde lange Marketing auf der grünen Schiene gemacht, die aber nur bei einer Nische ankommt. Tesla macht das anders. Sie machen nicht noch einen langweiligen Golfwagen, sondern wollen das beste Auto, das es gibt, herstellen, genauso schnell, mit gleichem Fahrspaß und dazu retten sie noch die Welt. Nur so kann man solche Ideen in der Masse umsetzen. Auch bei uns ist die Motivation die Nachhaltigkeit und, dass man durchs Leihen Produkte einspart. Aber wir glauben nicht, dass das funktioniert, wenn wir nur eine kleine Gruppe ansprechen. Deshalb haben wir drei Pfeiler in der Kommunikation. Das erste ist das Erlebnis, dass wir durch unsere Produkte ermöglichen. Das zweite ist die Unabhängigkeit, dass man nicht an Besitz gebunden ist und es leihen kann, wenn man es braucht. Und das dritte ist der Nachhaltigkeitsaspekt. Denn für jedes Leihen habe ich das Produkt nicht gekauft, wodurch es auch nicht produziert werden musste.

Kannst du sagen, wie viel und was durch die bisher verliehenen Produkte eingespart wurde?

Es gibt Messtabellen, wie viel Kilo Wasser, CO2 und Müll produziert wird, wenn ein Produkt hergestellt wird. Wir haben bisher 80 Kilogramm Müll, 24 Tonnen Wasser, 4 Tonnen fossile Brennstoffe, 320 Kilogramm Chemikalien und 4 Tonnen CO2 eingespart. Diese Zahlen zu sehen, ist toll und außerdem zeigen sie, was man erreicht hat und was man aber auch noch verbessern kann.

In Berlin gibt es Nachbarschaftshäuser, die selber einen Raum mit Verleihsachen organisieren. Wieso also Geld fürs Leihen zahlen?

Was wir schnell gemerkt haben ist, dass kleine Communities sich zu gut kennen und es dann unangenehm ist, nach Geld zu fragen. Ein weiterer Unterschied ist, um welche Produkte es sich handelt. Eine Bohrmaschine würde ich mir wahrscheinlich auch lieber vom Nachbarn ausleihen, da kann weniger kaputt gehen. Aber eine Kamera oder Playstation, da will ich nicht zum vierten Mal nachfragen. Ich glaube für diese teuren Produkte, die kaputt gehen könnten oder die man öfter braucht, ist es wertvoll, eine geregelte Plattform zu haben. Vielleicht könnte es auch ein Mix sein. Wir haben schon überlegt, dass man langfristig, wenn man flächendeckend überall sein will, Nachbarschaftssachen auch optional umsonst und ohne Versicherung reinnehmen könnte. Wir wären dann nur die Plattform, die das regelt. Da sehen wir keinen Widerspruch, dass wir damit konkurrieren und wir wollen die Nachbarschaft ja nicht zerstören.

Seht ihr euch also als Aufklärer?

Genau, aber ohne moralischen Zeigefinger. Wir versuchen die positiven Seiten dieser Option aufzuzeigen. Also du kannst dir dieses Erlebnis leisten und gleichzeitig die Welt retten. Ein gutes Gefühl, trotz dem Luxusprodukt. Es ist auch eine Möglichkeit für die, die sonst von so einem Erlebnis ausgeschlossen wären. Da spielten uns Krisenzeiten auch ganz gut zu. Jede Krise hat da ihre Chance.

Was nimmst du aus den letzten Monaten mit?

Also ich musste schnell lernen, mit vielen Unsicherheiten umzugehen. Das war für mich eine wichtige Erfahrung. Am Anfang war ich total begeistert und überzeugt, dass es keine andere Option gibt und dass es so cool ist, cooler als alles andere. Und dann gibt es Wochen, wo man so down ist, keiner bestellt etwas und man denkt, dass man jetzt auch woanders arbeiten könnte, so ganz normal. Aber ich glaube, gerade mit dieser Unsicherheit muss man umgehen können. Diese ständige Angst, dass die Leute es nicht annehmen und die Kalkulationen am Ende nicht funktionieren. Das hat man als Angestellter nicht.

Vielen Dank für das Interview!

Interview als PDF speichern

Interview teilen