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Leonhard im Interview

Wie eine Bildungsinitiative zur Vermittlung von unternehmerischen Know-how sogar Gefängnismauern überwindet

Christoph Eipert & Melina Gentner

BildungGesellschaftCoaching

Vor wenigen Jahren hat Bernward Jopen in einem Zeitungsartikel gelesen, wie ein US-amerikanisches Programm Gefängnisinsassen zu Unternehmern ausbildet. Dieser Zeitungsartikel gab ihm den Anstoß auch in Deutschland unternehmerisches Wissen in Haftanstalten zu vermitteln. Daraus entstanden ist Leonhard: Ein Programm das zusammen mit Strafgefangen neue berufliche Perspektiven entwickelt. Um mehr über die Umsetzung und Entwicklung des Projektes zu erfahren, hat relaio mit Maren Jopen gesprochen – Mitbegründerin von Leonhard und Tochter von Bernward Jopen.

relaio: Wenn Sie zurückblicken: Was bleibt von dieser Anfangszeit besonders in Erinnerung?

Maren Jopen: Wir mussten damals vor allem viele Erfahrungen sammeln. Wir haben unser Programm mit neun Inhaftierten begonnen und ein paar Wochen später waren es nur noch drei. Die anderen haben aufgehört, weil sie doch nichts damit anfangen konnten. Dazu kam, dass es in der Justizvollzugsanstalt Landsberg das Gerücht gab, wir seien von Scientology. Das heißt, wir hatten wirklich eine schwierige Zeit und hatten auch nicht die „richtigen" Teilnehmer rekrutiert. Mit den Richtigen meine ich die, die bereit sind, selber Verantwortung zu übernehmen, die nicht allen anderen – ob Staat, Gesellschaft, Gefängnis oder Eltern – die komplette Schuld und Verantwortung ihrer Situation geben. Das ist eigentlich der wichtigste Punkt, doch das wussten wir damals noch nicht. Die übrig gebliebenen Teilnehmer wollten den Kurs natürlich fertigmachen. Daraufhin sind sie selber losgezogen und haben die Werbetrommel gerührt. Dadurch wurde eine kleine Gruppe von sieben Leuten zusammengestellt, die unseren Kurs erfolgreich absolviert haben. Zu dieser Gruppe haben wir bis heute Kontakt und sehen, was aus ihnen geworden ist. Wir haben damals im wesentlichen Unternehmertum und Wirtschaft unterrichtet, aber auch sehr viel weniger detailliert als heute.

Maren Jopen im Gespräch über Hürden und Erfahrungen des Bildungsprojekts (Foto: Melina Gentner) 

relaio: Wie läuft euer Kurs heute ab?

Maren Jopen: Es gibt zwei große Blöcke. Der eine besteht aus den Grundlagen zu Unternehmertum und Wirtschaft, also ein mini-betriebswirtschaftliches Studium. Es sind die Grundlagen, die man braucht, um ein kleines Geschäft zu führen.

 
Die gewaltfreie Kommunikation wurde von Marshall B. Rosenberg entwickelt. Anhand seines Konzepts soll kommunizierenden Personen die Möglichkeit geboten werden, mehr Vertrauen und Freude am Leben zu entwickeln. Die gewaltfreie Kommunikation kann bei der Kommunikation im Alltag als auch bei der friedlichen Konfliktlösung im persönlichen, beruflichen oder politischen Bereich hilfreich sein

Der zweite große Block ist das Persönlichkeitstraining. Das basiert auf dem Konzept der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Teilnehmern herauszufinden, wofür ihr Herz wirklich schlägt und was sie in Zukunft machen wollen. Die Wenigsten wollen ein kriminelles Leben weiterführen.

relaio: Wie lässt sich herausfinden, wer die richtigen Kursteilnehmer sind?

Maren Jopen: Unser Programm wurde von Anfang an durch WissenschaftlerInnen der Technischen Universität München begleitet. Dadurch konnten wir sehr gut einige Eignungskriterien ableiten. Mittlerweile führt ein Persönlichkeitscoach die Bewerbungsgespräche und der hat ein gutes Gefühl für die passenden Kursteilnehmer – auch für diejenigen, die auf den ersten Blick gar nicht als geeignet erscheinen. Wie die, die beispielsweise emotional unreif wirken, aber eine Bereitschaft zur Veränderung erkennen lassen.

relaio: Welche Insassen nehmen an eurem Programm teil?

Maren Jopen: Ob jung oder alt, vom Schulabbrecher bis zum Diplom-Kaufmann – die Teilnehmer sind sehr verschieden. Das ist im Unterricht nicht einfach, sorgt aber wiederrum für eine sehr gute Kurskultur. Da die Teilnehmer sich gegenseitig helfen. Sie bilden Lerngruppen und wer bereits Erfahrung hat, weil er vielleicht auch schon mal ein Unternehmen geführt hat, kann dann dem anderem, der wesentlich schwächer ist, viel beibringen. Dass hier unterschiedlichste Lebensentwürfe zusammentreffen, ist auch für die zwischenmenschlichen Beziehungen gut. Das sorgt für mehr Toleranz anderen gegenüber.

relaio: Ist Aufgrund der Heterogenität der Teilnehmer die Nachfrage entsprechend hoch?

Maren Jopen: Leider ist sie geringer, als wie wir es gerne hätten und uns wünschen würden. Es ist nach wie vor ein Problem, dass wir im Gefängnis noch nicht so bekannt sind. Zwar hängen wir zwei Mal pro Jahr Plakate in den Gefängnissen aus – die werden jedoch von vielen übersehen.

Bernward Jopen während des Unterrichts in der Justizvollzugsanstalt München (Foto: Leonhard)

relaio: Was bewegt Gefängnisinsassen zur Teilnahme an eurem Programm?

Maren Jopen: Gerade die älteren Teilnehmer sagen sich: "Ich habe gar keine andere Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen". Die einzige Alternative wäre dann, sich weiterhin kriminell mit Geld zu versorgen oder Hartz IV zu beziehen, da mit der bisherigen Vita keine Arbeit mehr gefunden wird. Das gibt es gar nicht so selten. Dann gibt es andere, die wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, können sich nicht sehr gut unterordnen und wollen ihre Arbeit selber gestalten. Manche sagen auch, dass sie auf gar keinen Fall gründen möchten, wollen aber im Kurs lernen einen vernünftigen Job zu finden.

relaio: Können auch Frauen am Leonhard Programm teilnehmen?

Maren Jopen: Die Gefängnisse sind nach Geschlechtern getrennt. Das heißt, wir können entweder einen Kurs für Frauen oder einen Kurs für Männer anbieten. Wir dachten ursprünglich, dass wir das Programm in erster Linie Frauen anbieten. Aber dann haben wir festgestellt, dass 92 Prozent der Gefängnispopulation in Bayern männlich ist und haben uns dann entschieden, uns auf die größere Zielgruppe zu konzentrieren.

relaio: Was gründen ehemalige Teilnehmer nach ihrer Entlassung?

Maren Jopen: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt beispielweise eine Agentur zur Suchmaschinenoptimierung, einen Reinigungsdienst und eine Unternehmensberatung. Ebenso betreibt ein ehemaliger Teilnehmer ein mobiles Tattoo-Studio – es ist wirklich die ganze Bandbreite dabei. Aber es sind im Wesentlichen keine kapitalintensiven Gründungen. Das liegt vor allem daran, dass es für Ex-Gefängnisinsassen schwierig ist, an Startkapital heranzukommen. Meistens finden daher Gründungen im Dienstleistungsbereich statt, wo weniger Startkapital benötigt wird.

relaio: Einmal abgesehen von den Absolventen: Wie finanziert sich Leonhard?

Maren Jopen: Wir wurden die ersten dreieinhalb Jahre vom europäischen Sozialfonds finanziert. Dann mussten wir ein Jahr nur auf Spendenbasis „überleben“. Seit Mai 2016 sind wir Bildungsträger der Agentur für Arbeit und können darüber etwa 80 Prozent unserer Kosten decken – die restlichen 20 Prozent kommen über Spenden rein. Das funktioniert ausgesprochen gut.

relaio: Wie holt man solche Spenden ein?

Maren Jopen: Wir haben einen guten Spenderkreis, der sich ständig erweitert. Wir konzentrieren uns auf drei Zielgruppen. Die erste sind Unternehmer, die verstehen, was wir machen. Die können sich anschauen, was wir tun, mit uns ins Gefängnis kommen und mit unseren Leuten in Kontakt treten. Das heißt, das Ganze ist sehr nah. Die zweite Zielgruppe ist unser bestehendes Netzwerk. Das beinhaltet ungefähr 1.200 Personen. Hier gibt es einmal im Jahr eine Spendenaktion, bei der auch diejenigen spenden, die sich auch ehrenamtlich engagieren. Der dritte große Baustein sind Stiftungen. Da wir oftmals in den Stiftungszweck auf den ersten Blick nicht reinpassen, war es für uns anfangs schwierig, hier Spenden zu generieren. Aber dann ist der Knoten geplatzt: Leonhard ist ein Bildungsthema und das macht uns für einige Stiftungen durchaus relevant.

realio: Sie sprachen von ehrenamtlichen Helfern: Ist es schwer solche Unterstützer zu finden?

Maren Jopen: Ich war total überrascht und hätte auch nicht gedacht, wie einfach es ist, Menschen ins Gefängnis zu locken. Ich glaube, da geht jeder mit einer komplett anderen Motivation rein. Viele kommen mit der Bitte auf mich zu, sich das Projekt anschauen zu dürfen, um hautnah erleben zu können, wie das Programm funktioniert. Das hilft vor allem bei der Entscheidung, ob ein ehrenamtliches Engagement für einen selbst in Frage kommt. Wenn man den Menschen da draußen erklärt, warum wir es machen, wie wir es machen und mit wem wir das machen, dann gibt es ganz viele die sagen: "Cool! Das schau ich mir mal an."

realio: Welchen Beitrag für die Gesellschaft sehen Sie in Leonhard?

Maren Jopen: Neben dem, was wir unseren Teilnehmern beibringen, ist es schön den Menschen außerhalb der Gefängnisse ein breiteres Bild von den Geschichten hinter Gittern zu zeigen. Für viele ist es ein Augenöffnen, wenn sie bei uns mitmachen.

Zudem hat eine wissenschaftliche Untersuchung ergeben, dass jeder Euro, der in Leonhard investiert wird, innerhalb der ersten drei Jahre mit 1,70 Euro an die Gesellschaft zurückfließt. Das ergibt sich vor allem durch die Einsparung von Kosten auf Seiten der Justiz sowie bei Transferzahlungen wie z.B. Hartz IV, aber auch dadurch, dass unsere Teilnehmer durch ihre neue berufliche Laufbahn Sozialabgaben bezahlen und Arbeitsplätze bieten. Dabei ist Leonhard ein Programm der kleinen Schritte. Wir sind überzeugt, dass in jedem einzelnen, auch in den Wenigen, die noch einmal rückfällig werden, ein Samen gepflanzt wurde und der Keim aufgehen wird. Auf kurz oder lang und dafür lohnt es sich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr über Leonhard könnt ihr im relaio-Profil nachlesen! 

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