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Leonhard – Coachen für die zweite Chance

Eine Initiative verhilft Häftlingen zu neuen Zukunftsperspektiven – und das mit Persönlichkeit und Businessplan

Christoph Eipert Melina Gentner

Leonhard gemeinnützige GmbH | Unternehmertum für Gefangene Logo

Mit einem Bildungsprogramm hat es sich Leonhard zur Aufgabe gemacht, Gefängnisinsassen zu Unternehmern auszubilden und somit neue Zukunftsperspektiven aufzuzeigen.

Leonhard gemeinnützige GmbH | Unternehmertum für Gefangene

Maren & Dr. Bernward Jopen

Tel: 0 89 / 85 67 03 64

gemeinnützige GmbH

2010

Bussardstraße 5
82166 Gräfelfing

info@leonhard.eu

Es ist kein leichter Gang: Die Personalien sind abgeglichen, Jeans und Hemd sind gegen Einheitskleidung ausgetauscht, jeder Schritt auf dem Weg durch Sicherheitsschleusen und Gittertüren steht unter Beobachtung. Gleichermaßen schwingt die Gewissheit mit, dass es ab jetzt kein Weg mehr zurückgibt – zu dem was einmal war, zu einem Leben in Freiheit. Insgesamt saßen zum Ende des Jahres 2016 über 62.000 Frauen und Männer in einer deutschen Justizvollzugsanstalt und haben somit bereits den Gang des Haftantritts hinter sich gebracht. Die vorläufige Endstation ist dabei meistens eine, nur wenige Quadratmeter große, Gefängniszelle.

Die Gründe und Dauer eines Haftaufenthaltes könnten kaum unterschiedlicher sein. Aber ob Kleinkrimineller oder Schwerstverbrecher – eines haben alle Häftlinge gemeinsam: Zeit zum Nachdenken. Vor allem für diejenigen die auf eine Zukunft nach der Haftzeit hoffen können, tauchen immer wieder Fragen dazu auf, wie ein Neustart fernab ihrer kriminellen Vergangenheit aussehen und funktionieren kann – beruflich wie privat. Für solch einen Neubeginn könnte man einen Unterstützer, einen Beschützer wie etwa den Heiligen Leonhard – Schutzpatron der Gefangenen – gut gebrauchen. In Bayern, genauer gesagt in München, gibt es solch einen Patron und zwar in Form des von Maren Jopen und ihrem Vater Bernward Jopen ins Leben gerufenen Projekts „Leonhard“. Die Idee hinter dem gemeinnützigen Unternehmen ist es, zusammen mit Inhaftierten, berufliche Zukunftsperspektiven für die Zeit nach der Haft zu entwickeln, ihnen eine zweite Chance zu geben. Mit Leonhard ist so ein Programm entstanden, welches sich besonders an Häftlinge mit dem Wunsch zur Selbstständigkeit richtet. Als Vorbild für das Projekt dient das texanische „Prison Entrepreneurship Program“.

Die Initiatoren des Programms Maren Jopen mit ihrem Vater Bernward Jopen (Foto: Leonhard)
 
UnternehmerTUM, Zentrum für Innovation und Gründung an der TU München, begleitet Start-ups und etablierte Unternehmen bei der Unternehmensgründung

Es war Bernward Jopen, der durch einen Zeitungsartikel auf das, in den USA beheimatete, Programm aufmerksam wurde. Daraufhin zögerte er nicht lange, setze sich ins Flugzeug nach Texas, um selbst einen Eindruck von dem Projekt vor Ort zu gewinnen. Für den Mitbegründer der UnternehmerTUM GmbH der Technischen Universität München sind Begriffe wie Innovation und Gründung nicht unbekannt, aber ein Wechsel der Zielgruppe – vom Student zum Strafgefangenen – war zunächst vor allem neu und daher besonders spannend. War Maren Jopen zu Beginn noch distanziert, wuchs, durch die geschilderten Erlebnisse ihres Vaters, auch bei ihr die Begeisterung für solch ein Programm was zu einem erneuten und gemeinsamen Flug nach Texas führte. Bereits auf dem Rückflug stand fest, so ein Projekt soll es auch in Deutschland geben.

Der Start von Leonhard, war kein leichter. Viele Justizvollzugsanstalten wollten von einem derartigen Vorhaben zunächst nichts wissen. Die Vorstellung des Konzepts im bayerischen Justizministerium hat aber dazu geführt, dass einige Monate später die Erlaubnis erteilte wurde, ein Pilotversuch in einer bayerischen Justizvollzugsanstalt durchzuführen. Zunächst noch mit einer kleinen Gruppe und einem sehr eingeschränkten Programm – doch der Grundstein war gelegt. Inzwischen ist aus dem Pilotprojekt in der JVA Landsberg am Lech ein intensives Berufsqualifizierungsprogramm mit einem Umfang von 27 Wochenstunden entstanden. Als Bildungsträger der Agentur für Arbeit können 80 Prozent der entstehenden Kosten über die öffentliche Hand abgewickelt werden, der Rest wird aus Spenden finanziert. Für das mittlerweile in München beheimatete Programm haben Häftlinge aus allen 36 bayerischen Justizvollzuganstalten die Möglichkeit, sich für einen Zeitraum von 20 Wochen für die Kursteilnahme dorthin verlegen zu lassen.

Stellt sich in einem persönlichen Einzelgespräch heraus, dass sich ein Häftling für das Projekt eignet, durchläuft er im Anschluss für die Dauer des Kurses zwei große Blöcke. Im ersten Block werden vor allem allgemeine wirtschaftliche Grundlagen in einer Art „Mini BWL-Studium“ vermittelt. Hierbei sollen unter anderem Antworten dafür gefunden werden, was ein gutes Geschäftsmodell ist oder wer eigentlich ein potentieller Kunde für die eigene Geschäftsidee sein kann. Der zweite große Block besteht dann aus einem umfangreichen Persönlichkeitstraining, basierend nach einem Prinzip der gewaltfreien Kommunikation. Das Augenmerk und zugleich die Schwierigkeit liegen hierbei darin, den Kursteilnehmer zunächst eine Zukunftsperspektive aufzuzeigen, in der Gewalt keine Rolle mehr spielt. Genau das ist oftmals gar nicht so leicht, wenn jemand vorher durch Drogenkriminalität viel Geld verdiente. Aber für Maren Jopen ist klar, dass die wenigsten ein kriminelles Leben führen wollen und eigentlich andere Pläne und Visionen haben: die gilt es zu herauszufinden. Am Ende entwickelt jeder Kursteilnehmer seinen eigenen Businessplan und muss sich zudem einigen Prüfungen stellen. Besteht er diese, bekommt er ein zusammen mit der Steinbeis School of Management + Innovation ausgestelltes Zertifikat zum „Innvotation und Business Creation Specialist“.

Seit der Gründung 2010 findet das Programm nun bereits zum elften Mal statt.

Um diese und andere Aufgaben zu bewältigen, beschäftigt Leonhard, zusammen mit Maren und Bernward Jopen, ein fünfköpfiges Team, dass sich ehrenamtlich von der Rekrutierung bis zur Verwaltung um alle wichtigen Belange kümmert. Zusätzlich wird die Arbeit von Leonhard durch eine große Anzahl ehrenamtlicher Helfern unterstützt, die Aufgaben als Referenten und Mentoren übernehmen. Egal ob haupt- oder ehrenamtlich – die Betreuung der Inhaftierten geht weit über die Kursdauer hinaus und findet auch noch bis zu einem Jahr nach der Haftentlassung statt. Ein Drittel der Kursteilnehmer gründet nach der Haftentlassung ein eigenes Unternehmen und weit über die Hälfte findet nach dem ersten Monat in Freiheit eine neue Beschäftigung. Auch die Rückfallquote der Kursteilnehmer ist mit elf Prozent deutlich geringer als im Durchschnittsvergleich: Dort liegt sie bei etwa 46 Prozent. Damit sich der Erfolg des Programms in Zukunft nicht nur auf Bayern beschränkt, hat das Team um Leonhard bereits neue Pläne. So ist es ihr Ziel, künftig auch in anderen Bundesländern Häftlinge zu Unternehmern auszubilden. Auf den Weg dahin gibt es noch einiges zu klären, doch eines ist bereits sicher: gebraucht wird sie auch dort, die zweite Chance.

Mehr zu Leonhard könnt ihr demnächst im Interview auf relaio nachlesen.

 

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