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Querfeld im Interview

Über die Reichweite eines Social Startups und wie Differenzen bezüglich der wirtschaftlichen oder sozial-ökologischen Ausrichtung im Team austariert wurden.

Startup BildungErnährungGesellschaftUmwelt BerlinMünchen

Fast die Hälfte des Ernteertrags eines Bauern bleibt auf dem Feld liegen. Warum? Weil es nicht der gewünschten Handelsnorm der Supermarktketten entspricht. Krummgewachsene Früchte findet man selbst in biologischen Läden selten. Das Sozialunternehmen Querfeld möchte diese Tatsache so nicht hinnehmen. Wir haben uns mit Stefan Kukla von Querfeld getroffen und ihn unter anderem gefragt, ob er meint, dass sein kleines Social Startup Lebensmittelrettung zum großen Thema machen kann.

Welches Ziel verfolgt ihr mit eurem Sozialunternehmen Querfeld?

Wir möchten, dass die Selektion von Lebensmitteln ein Ende findet und der Einkauf von Obst und Gemüse nicht mehr allein von ästhetischen Merkmalen abhängig ist. Vor allem aber möchten wir verhindern, dass so viele Früchte in der Tonne landen. Um über Kampagnen die Menschen auf das Thema aufmerksam zu machen, haben wir Kommunikationsdesigner im Team. Wir arbeiten aber nicht nur über den Kanal der Aufklärungsarbeit, sondern auch über ein tatsächliches Vertriebskonzept, um die Früchte an eine aufgeschlossene Zielgruppe zu tragen.

Also seht ihr euch eher als Informationslückenschließer, als das ihr mit einem Lieferwagen krumme Früchte verteilt?  

Wie gesagt, sowohl als auch. Pilotprojekte haben gezeigt, dass es nicht reicht, die Produkte einfach in Regale zu packen – auch nicht zu einem reduzierten Preis. Es geht darum, eine Geschichte rund um das Produkt zu erzählen. Um die Idee erfolgreich implementieren zu können, braucht es effiziente Konzepte.

Stefan Kukla im Hub München

Habt ihr hierfür ein effizientes Konzept parat?

Wir sind gerade dabei uns im Großhandelbereich komplett digital zu vernetzten. Bisher haben wir viel mit den Erzeugern telefoniert und nachgefragt, was an Obst und Gemüse gerade übrig ist. Auch die Kundenakquise hat überwiegend telefonisch stattgefunden. In Zukunft möchten wir dieses Zusammenkommen von Erzeugern und Verbrauchern über eine Online-Plattform regeln. Die Erzeuger können auf der Plattform ihre überschüssigen, krummen Gemüse- und Obstarten inserieren und auch die Preise selber festlegen. Daraufhin können die Kunden dann auf der Seite ihr Obst und Gemüse direkt einkaufen – ohne zwischengeschaltete Handelsbetriebe. Wir als "Querfeld" kommen dann mit dem Produkt selber nicht mehr in Berührung. Unser Plan ist es, so die Reichweite zu erhöhen, um mehr krummes Gemüse vor der Tonne zu retten. Im Bestfall soll sich das dann EU-weit durchsetzen, indem sich europaweit Erzeuger auf der Plattform anmelden. Würde sich so eine Eigendynamik auf unserem Online-Marktplatz entwickeln, wäre das für uns ein großer Erfolg.

Ihr habt euch kürzlich erst von Ugly Fruits in Querfeld umbenannt. Wieso nennt sich euer Sozialunternehmen heute nicht mehr Ugly Fruits? 

Das ist eine lange Geschichte, aber kurz: es gab einen markenrechtlichen Streit. Das war eine schwierige Situation, kurz bevor wir unseren Namen „Ugly fruits“ angemeldet haben, ist uns eine Münchner Boutique Besitzerin zuvorgekommen. Uns lag sehr viel an dem Namen, weil wir schon seit Monaten an dem Thema dran waren und sich auch die Marke um den Namen schon rumgesprochen hat. Deshalb haben wir der Ladenbesitzerin ein Kaufangebot gemacht, um eine gewisse Fairness für alle zu erreichen. Schlussendlich ist das Ganze umgeschwenkt und so haben sich die Verhandlungen trotz eingeschalteter Anwälte zerschlagen.

Wie seid ihr dann auf den Namen Querfeld gekommen?

Wir haben uns ganz bewusst für einen deutschen Namen entschieden. Ich könnte mir vorstellen, dass das in der Biobranche auch anschlussfähiger sein könnte. Der neue Name birgt auch Vorteile im Vergleich zu Ugly Fruits. Mit dem Wort „ugly“ verbindet man doch immer eher etwas Unschönes, Hässliches. Da klingt Querfeld auf jeden Fall neutraler und positiver.

Habt ihr mit dem Namen auch die Zielgruppe geändert?

Wir haben nach wie vor einen Business-to-Business-Fokus. Das bedeutet, dass wir auf Geschäftskunden abzielen, die größere Mengen abnehmen. Einfach weil es für den Erzeuger praktischer ist, wenn er das Gemüse in größeren Chargen verpacken kann. Mit der Zeit haben wir gemerkt, dass vor allem seitens Bildungseinrichtungen, wie etwa Kindergärten und Schulmensen, großes Interesse besteht. Durch das krumme, unästhetische Gemüse können wir bio zum günstigen Preis anbieten.

Krummes Obst und Gemüse möchte das Sozialunternehmen vor der Tonne retten.

Viele Leute sind ja das schöne, gerade Gemüse und Obst gewöhnt. Meinst du, dass bei der Mainstream-Zielgruppe überhaupt Interesse besteht?

Die Konsumenten wurden ja seit den 80er Jahren regelrecht dazu konditioniert, ausschließlich perfektes Obst und Gemüse nachzufragen. Um dieses Konsummuster aufzubrechen, müssen kreative Konzepte entwickelt werden. Also aus den vermeintlichen Nachteilen, dieses Obst und Gemüses, Vorteile produzieren. Es gibt beispielsweise etliche Untergrößen, die auf Höfen anfallen, wie etwa zu kleine Zwiebeln, zu kleine Kartoffeln, aber auch Mini-Äpfel. Diese werden eben einfach tonnenweise auf den Müll geschmissen, da auch die weiterverarbeitende Industrie kein Interesse hat. Eine riesen Karotte hat eben einen geringeren Schälaufwand. Wir sehen aber gerade in so kleinem Gemüse Potenzial. Wir würden diese in kompostierbare Beutel für Singlehaushalte abpacken. Wer kennt das nicht, dass die andere Hälfte der Zwiebel im Kühlschrank kaputt geht. Die kleinen Größen erfüllen dann so perfekt ihren Zweck! So etwas  planen wir dann eben explizit als Produkt.

Wie schätzt du die Reichweite eines so kleinen Startups wie Querfeld ein?  

Über dieses Thema schreibe ich gerade meine Bachelorarbeit. Welches Potenzial schlummert denn wirklich in unternehmerischen Initiativen? Im Moment handelt es sich eben noch um einen Nischenmarkt. Es entstehen zwar punktuelle Vorstöße, die gute Arbeit leisten, aber die breite Wirkung zur Veränderung des Ernährungssystems steht noch aus. Ich denke hierfür braucht es skalierbare Lösungen. Diese skalierbare Lösung finden wir, steckt in der Online-Plattform.

Das Querfeld-Team arbeitet zum einen Teil in München und zum anderen in Berlin. Siehst du zwischen den Städten Unterschiede im Umgang mit Lebensmittelverschwendung?

An beiden Standorten, sowohl in Berlin als auch in München, ist das Thema in den letzten Monaten und Jahren ziemlich präsent geworden. Rund um München gibt es mehr landwirtschaftliche Betriebe, die schneller zu erreichen sind als in Berlin. In Brandenburg und Berlin sind die Distanzen enorm. Logistisch macht es das im Münchner Raum auf jeden Fall leichter. An beiden Standorten sind die Anforderungen unterschiedlich, aber es gibt sowohl in München als auch in Berlin viele Initiativen und NGOs die sich mit dem Thema Lebensmittelverschwendung beschäftigen.    

Stefan Kukla, Teil des Münchner Querfeld-Teams

Nebenher betreibt ihr auch noch eine Suppenküche?  

Die Suppenküche ist ein Nebenprojekt, das wir seit Anfang des Jahres betreiben. Ich stehe allerdings nicht selber hinter dem Herd und koche Suppen. In WG-Küchen habe ich zwar schon einiges eingekocht und ausprobiert, aber das waren ganz andere Größenordnungen. Den Herstellungsprozess der Suppen haben wir an eine professionelle Suppenmanufaktur abgegeben. Wir sind für die die Organisation des Ablaufprozesses zuständig.

Was ist aus Pop-Up-Stores und Schnibbelpartys geworden?

Alles eingestampft. Wir haben ganz zu Beginn viel rumgeblödelt und alles, was sich so angeboten hat mitgenommen. Aber inzwischen sind wir an einem Punkt, an dem wir eine klare Linie fahren müssen. Das Potenzial der Idee muss irgendwann konsequent verfolgt werden, wenn man andauernd nach links und rechts ausschweift, kommt man nicht weiter. Wir wollen das Problem wirklich groß angehen.

Gibt es bei euch im Team Differenzen bezüglich der wirtschaftlichen oder sozial-ökologischen Ausrichtung?

Uneinigkeiten gab es in letzter Zeit tatsächlich in der Frage, ob wir uns mehr wirtschaftlich oder eher sozial-ökologisch mit der Online-Plattform ausrichten möchten. Im Fokus stand die Frage: Wollen wir ausschließlich biologische oder auch konventionelle Landwirte auf unserer Plattform aufnehmen? Grundsätzlich geht es ja darum, Lebensmittelverschwendung auf allen Ebenen zu bekämpfen. Da entstehen interne Aushandlungsprozesse, die wir sachlich besprochen haben.

Würdest du "krumme Geschäfte" in Kauf nehmen, um Querfeld zu pushen?  

Anfangs erschien eine Kooperation mit dem Einzelhandel schon sehr verlockend. Der Einzelhandel stellt im Thema Lebensmittelverschwendung einfach einen großen Player dar. Wäre eine Kooperation zustande gekommen, wäre auf einen Schlag viel Gemüse wegzuschaffen gewesen. Inzwischen sind wir aber davon abgerückt, weil sich der Handel in einer ganz anderen Interessenslage befindet. Für den Handel steht die Profitmaximierung durch eine punktuelle Marketingmaßnahme im Vordergrund. So sehen wir das eben nicht, weil es uns eben darum geht, das Problem ganzheitlich anzugehen und langfristig zu lösen. Im Einzelhandel fehlen uns an diesen Stellen nachhaltige Anknüpfungspunkte.

Meinst du, dass Querfeld negative Außenwirkungen verursachen könnte? 

Darüber haben wir erst kürzlich bei einem Teammeeting in Berlin ausführlich diskutiert. Es macht Sinn, sich über negative externe Effekte frühzeitig Gedanken zu machen, um diese so gut es geht auszuschließen. Beispielsweise ist es uns besonders wichtig, mit der Seite maximale Transparenz zu garantieren. Aber: Umso mehr Transparenz, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Preisdruck unter den Erzeugern entwickelt. Im Preiswettbewerb würden die Bioerzeuger höchstwahrscheinlich den Kürzeren ziehen. Strukturelle Regelungen, wie Mindestpreise für das Gemüse und Obst könnten hier die Situation entspannen. Das ist auch der Grund, warum wir es derzeit nicht in Betracht ziehen, konventionelle Erzeuger auf der Plattform zu integrieren.

Das Sozialunternehmen „Querfeld“ möchte krumme Früchte vor der Tonne retten.

An dieser Stelle lohnt es zu fragen, wie ihr euch überhaupt finanziert? 

Bisher haben wir ein Stipendium vom Hub München. Dieses beinhaltet auch einen kostenlosen Arbeitsplatz. Außerdem zehren wir noch von einer kleinen Funding-Aktion. Das Budget nutzen wir hauptsächlich, um den Prototypen, in Form der Online-Plattform, zu entwickeln. Um die Seite großflächig realisieren zu können, brauchen wir trotz alledem Investoren.

Ist die Plattform erfolgreich umgesetzt, verdient ihr an einer fairen Gewinnverteilung zwischen Erzeugern und Verbrauchern? 

An jeder Transaktion, also an jeder Buchung werden wir dann etwa fünf bis zehn Prozent einnehmen. Durch diese Transaktionen wollen wir uns im Prinzip auch unabhängig machen. Wir müssen natürlich auch unsere Kosten decken, sonst kann man das Projekt auch gleich wieder einstampfen. Unsere Idee ist es, das Ganze so transparent wie möglich zu gestalten, indem wir angeben wie viel wir brauchen, um die Plattform am laufen zu halten. Wem es das wert ist, sollte über die Plattform das Gemüse bestellen. Ich wage zu bezweifeln, dass wir mit dieser Idee reich werden, aber wir würden gerne unseren Lebensunterhalt damit verdienen. Ein Traum wäre es, wenn die Plattform vier Arbeitsplätze schaffen würde.

Aber es scheint nicht mehr wie eine Utopie, das ganze krumme Gemüse und Obst vor der Tonne zu retten? 

Schön wäre es trotzdem, wenn irgendwann im Supermarktregal eine krumme Karotte neben einer Geraden liegt. Das wäre eben das Idealste, wenn gar nicht erst der Aufwand entsteht, aussortieren zu müssen, sondern eben diese Normen an Relevanz verlieren. Rechtlich ist es sowieso legal, Gemüse und Obst, das nicht der Norm entspricht zu vertreiben. Im Rahmen des Entbürokratisierungsprozesses wurden 2009 die Vermarktungsnormen auf EU-Ebene eigentlich abgeschafft. In Konsequenz hat der Handel eigene Normen etabliert. Hierbei handelt es sich um die bekannten Handelsklassen, die eigentlich noch viel strenger sind als die Normen, die es zuvor gab. Es liegt also eigentlich am Handel, weshalb ein Dilemma entsteht: Der Handel meint, der Kunde kaufe kein krummes Obst und Gemüse, weswegen er es nicht anbietet. Hingegen sagt der Kunde: Er könne die Ware ja nicht kaufen, weil sie nicht angeboten werde. Das ist eben ein Teufelskreislauf, den wir durchbrechen möchten.

Zum Schluss noch eine Frage: Meinst du nicht, dass ihr in eurem Nischenmarkt auf einer "rosa Wolke" schwebt, indem ihr als eine kleine Gruppe von Leuten in Kreisen verkehrt, die auch wieder eure Zielgruppe darstellt?  Besteht nicht die Gefahr, doch wieder die breite Masse außen vor zu lassen?

Nein, das denke ich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass die Idee realisiert und der Schönheitswahn wirklich eingedämmt werden kann. Inzwischen steckt einfach auch viel politischer Aktionismus hinter dem Projekt. Wir haben ja auch den Bundespreis für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung verliehen bekommen. Sogar auf Ministerebene ist inzwischen ein Stück Bewusstsein in dieser Richtung vorhanden. Ich bin mir sicher, dass sich da was tun wird. Selbst der Handel, der große Akteur in diesem Bereich, sieht das Potenzial. Es entsteht ja tatsächlich eine Win-win-Situation auf allen Seiten, sogar der Konsument profitiert. 

Mehr Informationen über Querfeld könnt ihr auch im Profil nachlesen.

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