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"Frau Ramelow, was läuft schief im deutschen Schulsystem?"

Über den PISA-Schock, nachhaltige Bildung und die Schule der Zukunft.

Förderer BildungSchwerpunktSchuleGesellschaftPerson Berlin

Silke Ramelow macht sich nicht viel aus Strategien. Statt lange zu planen, reagiert sie schnell auf das, was gerade in der Welt passiert – auch wenn das bedeutet, dass sie manchmal Umwege gehen muss. Auch zur Bildungsexpertin wurde sie eher zufällig. Schule hatte ihr nie Spaß gemacht und nach dem Abitur war sie froh, dass diese Zeit endlich vorbei war. Erst als sie Kunst- und Literaturwissenschaft studierte, merkte sie zum ersten Mal, dass Lernen auch Spaß machen kann.

Nach ihrem Uni-Abschluss wechselte sie in die freie Wirtschaft und arbeitete 2000 beim Schreibwarenhersteller Herlitz in der Marketing-Abteilung. 2000, das war auch das Jahr des PISA-Schocks. Plötzlich war klar, dass deutsche SchülerInnen im internationalen Vergleich nicht Spitze, sondern nur Mittelmaß sind.

Zusammen mit einem Kollegen startete Silke Ramelow deshalb bei Herlitz eine Spendenaktion. Für jedes verkaufte Produkt ging ein kleiner Betrag – ein „Bildungscent“ – an ein Schulprojekt. Doch bei dieser Marketing-Aktion blieb es nicht: 2003 gründete Silke Ramelow den Bildungscent e.V., ein Verein, der eine innovative Lehr- und Lernkultur fördert.

Heute arbeitet der Bildungscent e.V. mit insgesamt 4.400 Schulen zusammen und wird dabei von Partnern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft unterstützt. Mit seinen Programmen begeistert er SchülerInnen für Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Dabei geht es nicht um Wissensvermittlung im Frontalunterricht. Schule wird zum Lebensraum, der über den Klassenraum hinausgeht. Statt etwa bloß über verschiedene Baumarten zu reden, gehen die SchülerInnen nach draußen, entdecken den Wald und übernehmen in Projekten Verantwortung für diesen Lebensraum.  

Im Interview erzählt Silke Ramelow, wie SchülerInnen von passiven Konsumenten von Lernstoff zu aktiven GestalterInnen ihrer Umgebung werden, auf welche Anforderungen Schule heute vorbereiten muss und wie sie es schafft trotz der vielen Ungewissheiten der Gegenwart zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.

 Frau Ramelow, was läuft schief im deutschen Schulsystem?

Das System Schule betrachtet Schülerinnen und Schüler viel zu häufig als Mangelwesen und reduziert sie auf eine Note von 1 bis 6. Wer eine 1 hat, hat die Anforderungen des Systems erfüllt. Wer nicht, hat noch Mängel, die es aufzuholen gilt.

Ich glaube, dass wir heute stattdessen viel mehr Bildungsangebote brauchen, die die Schülerinnen und Schüler stärken und sie in der Entwicklung ihrer Potenziale begleiten. Lernen zu lernen ist wichtig ebenso wie handlungsfähig zu sein, um gemeinsam mit anderen die Welt zu gestalten. Wir brauchen Lernanlässe, die zeigen, wie sie auch im Kleinen etwas an ihrer Umwelt verändern können und ihnen helfen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren. 

Spätestens seit der ersten PISA-Studie ist klar, dass es in Deutschland noch viele Defizite im Bildungssektor gibt. Dass das, was unser Bildungssystem gerade anbietet, nicht auf die Anforderungen der Zukunft ausgerichtet ist. Nach dem „PISA-Schock“, war die Gesellschaft alarmiert, trotzdem hat sich bis heute nur wenig verändert. Es gibt noch immer keine Anreize für das Schulsystem, sich zu verändern, weil gesellschaftlich zu wenig Druck ausgeübt wird.

Silke Ramelow, Vorstandsvorsitzende des Bildungscent e.V.

Auf welche Anforderungen der Zukunft muss die Schule von heute denn vorbereiten?

Sie muss Schülerinnen und Schülern helfen, zuversichtlich und möglichst angstfrei durch die Welt zu gehen. Angst ist eine schlechte Beraterin. Es ist viel einfacher mit Angst und Ablehnung auf Dinge zu reagieren als mit Gelassenheit und Zuversicht. Gelassenheit kann ich nur dann haben, wenn ich Vertrauen in mich und mein Umfeld habe.

Schule muss deshalb Kompetenzen vermitteln, die für ein zuversichtliches Leben notwendig sind: Dazu gehören natürlich auch die klassischen Schulfächer, die unverzichtbares Wissen vermitteln wie Sprachen, Geografie, Physik oder Mathematik. Mindestens genauso wichtig ist es aber, dass die Schülerinnen und Schüler Mut und Selbstbewusstsein aufbauen. Das gelingt über Angebote, die weit über die Schulfächer hinausgehen. Zum Beispiel der Aufbau eigener Projekte, die aktive Mitgestaltung des Schulalltags, die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern, das Engagement für andere Menschen und für die Umwelt.

Außerdem müssen wir begreifen, dass Schulen entscheidende Orte gesellschaftlicher Wandlungsprozesse sind. Sie können wesentlich zur Entwicklung einer Stadt, einer Region oder eines ganzes Landes beitragen.

Heute steht der ganze Berufsstand der Lehrerinnen und Lehrer stark in der Kritik. Auch hier müssen wir dringend etwas ändern und neue Rollenmodelle für sie finden. Denn um die Schülerinnen und Schüler gut auf die Zukunft vorzubereiten, müssen sich auch die Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Rolle wohlfühlen. 

Trauen wir unseren Schülerinnen und Schülern zu wenig zu? 

Absolut! Das sind absolute Potenzialträger.

Soziologen gehen davon aus, dass sich alle 15 Jahre eine Generationenlage verändert. Gerade unterrichten noch die Babyboomer die Millennials. Das sind zwei ganz unterschiedliche Lagen, zwischen denen aber leider im Schulalltag kaum Dialog stattfindet.  

Doch dieser Dialog wäre unbedingt nötig, denn es gibt viele Themen, die für die  Lehrerinnen und Lehrer keine Bedeutung haben: etwa Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Datenschutz oder Entrepreneurship. Weil die Lehrerinnen und Lehrer aus der Babyboomer-Generation aber noch die Deutungsmacht besitzen, bestimmen sie die Gestaltung des Unterrichts. Viele Themen, die die Schüler wirklich interessieren, bleiben so auf der Strecke.

Wir sollten Wege finden, über die sich die unterschiedlichen Generationen besser verstehen. Denn eigentlich wollen die das ja!

Die Klientel an deutschen Schulen ist meistens weitgehend homogen. Wie kann man das ändern?

Na, indem man mischt. Ich glaube, das ist sehr wichtig, denn in Deutschland erleben wir gerade einen Wandel: Vorteilskonstellationen verschieben sich und in Zukunft werden heterogene Gruppen einen größeren Vorteil haben als homogene.

Schulen sind aber bis heute auf gleichartige Klassengemeinschaften eingestellt aus homogenen gesellschaftlichen und sozioökonomischen Milieus. In diese Blase dringt nur wenig Einfluss von außen.

Dadurch machen wir uns als Gesellschaft extrem angreifbar: Denn so wie Ökosysteme in der Biologie sind Gruppen dann besonders anpassungsfähig an Veränderungsprozesse, wenn sie vielfältig sind. In Monokulturen hingegen braucht es nur einen Virus, dann ist alles tot.

Wie kann man das Schulsystem dazu bringen, sich zu verändern?

Ich glaube nicht, dass das auf der Ebene des Systems geht. Schulen sind wie Menschen – genauso individuell. Jede Schule ist total einzigartig, ihr Wesen ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig: etwa von der geografischen Lage, der Schülerschaft, den Eltern, dem Bundesland oder der Schulart. Ich bin deshalb immer für Ansätze, die an die Bedingungen, Möglichkeiten und Erfahrungen der einzelnen Schule anpassbar sind.

Wir müssen also an vielen kleinen Rädchen gleichzeitig drehen. Das System als Ganzes können wir nicht so einfach umbauen, denn Systeme haben kein Interesse daran, sich zu verändern. Deshalb können wir nur immer und immer wieder anklopfen, uns bemerkbar machen und neue Impulse geben.

Wer kann solche Impulse setzen?

Wir brauchen auf jeden Fall mehr Zusammenarbeit zwischen den Sektoren, denn nur so können wir neue Wege beschreiten. Die Bildungsverwaltung kriegt es allein nicht hin, innovativ zu sein. Und das ist auch nicht ihre Aufgabe: Verwaltung bewahrt und sorgt dafür, dass Institutionen, so wie sie sind, gut funktionieren. Deshalb brauchen wir Impulse aus anderen Sektoren. Dafür müssen wir jedoch einen Weg finden, dass Verwaltung, Politik, Wirtschaft und ganz besonders die Zivilgesellschaft sinnvoll zusammenarbeiten.

Können auch Sozialunternehmen Impulsgeber sein?

Das kommt natürlich immer auf das einzelne Unternehmen an. Generell stehe ich der Idee des Social Entrepreneurship jedoch skeptisch gegenüber. Ich kann den Drang zur Hybridisierung zwischen unternehmerischem und gemeinnützigem Denken nicht nachvollziehen.

Sozialunternehmerinnen und -unternehmer sind überzeugt, dass sie jedes soziale Problem lösen können, wenn sie es unter der Maßgabe unternehmerischer Vernunft angehen. Und das stimmt nicht. Als gemeinnützige Organisationen beschäftigen wir uns oft mit Dingen, die eben gerade nicht unter unternehmerischen Aspekten wie Effizienz, Effektivität und Profit gefasst werden können.

Die Frage ist doch vielmehr, was sollte allen Menschen als Gemeinschaftsgut zur Verfügung stehen? Was muss eine Gesellschaft bereitstellen, damit sie wachsen und gedeihen kann und gut mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen vermag? Sozialunternehmen können da sicherlich etwas beitragen. „Normale“ Unternehmen, Vereine, Stiftungen, Verwaltungen aber auch.

Das wird auch im Pflegebereich deutlich: Dort ökonomisieren wir alles dumm und dusselig – ich glaube, das ist ein großer Fehler. Wir müssen uns wieder klarmachen, dass es Bereiche gibt, die nicht in diese Ökonomisierungslogik eingefügt werden dürfen. Das gilt auch für die Schule und das Lernen.

Mit dem BildungsCent e.V. wollen Sie die sogenannten Global Goals in die Welt tragen, also die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Was bedeutet für Sie nachhaltige Bildung?

Nachhaltiges Denken und Handeln heißt für mich, von der Zukunft her zu denken. Das heißt, ich überlege mir: Wohin, glaube ich, wird sich die Welt entwickeln? Was wäre ein positives Bild von der Zukunft und was muss ich heute dafür tun, um dieses Bild in die Wirklichkeit zu übertragen? Unsere wichtigste Aufgabe ist es gerade, Nachhaltigkeit aus der Ökologie-Nische zu holen und zu zeigen, dass dieses Thema ganz viele verschiedene Lebensbereiche betrifft. Vor allem geht es um die Frage, wie wir eigentlich heute und morgen in dieser Welt zusammenleben wollen.

Die Global Goals sind dabei eine riesige Chance, die Nachhaltigkeitsziele als Zukunftsbild zu den Menschen und in die Schulen zu bringen. Die 17 Ziele sind so vielfältig, dass sich jede und jeder darin wiederfinden kann. Deshalb können sie für jeden Menschen ein Impuls sein, im Kleinen wie im Großen etwas zu verändern.

Wie stellen Sie persönlich sich die Zukunft vor?

Ich komme aus einer Generation, wo die meisten eine klare Vorstellung von dem hatten, was sie werden wollten. Sie haben dann einen entsprechenden Beruf gelernt, den sie bis heute ausüben, um schließlich einmal in Rente zu gehen. Dabei haben wir bisher vor allem auf Werte wie Besitz oder Eigentum gesetzt, sie waren die stärksten Treiber unseres Handelns. Mein Haus, mein Auto, mein Carport.

Ich passe da irgendwie nicht so ganz rein, da ich bereits viele verschiedene Wege gegangen bin und heute nicht weiß, was ein nächster Schritt sein könnte. Meistens bin ich froh darüber und sehe auch ganz zuversichtlich in die Zukunft. Aber natürlich nicht immer. Insbesondere die aktuellen Entwicklungen, wie der zunehmende Verlust demokratischer Strukturen, die Ausbreitung von Krieg und Hass oder die drohende Zerstörung unseres Planeten machen mir wirklich große Sorgen. Und mit dem kleinen BildungsCent e.V. können wir da allein auch nicht viel ausrichten. Dazu müssen sich viele partnerschaftlich zusammentun und das ist nicht einfach. 

Auf alle Fälle wird die Zukunft unvorhersehbarer und unplanbarer. Niemand hat den Brexit oder die Wahl von Donald Trump für möglich gehalten. Das sollte uns allen sehr zu denken geben!

Deshalb müssen sich junge Menschen heute viel stärker als früher etwas aufbauen, auf das sie auch in Zeiten von Krisen und Unsicherheit zurückgreifen können. Noten, Zertifikate und Qualifikationen sind wichtig. Freundschaften, Beziehungen und Netzwerke sind aber vielleicht noch viel wichtiger. Um sie zu pflegen und zu halten, muss das „Wir“ weit mehr in den Vordergrund rücken und nicht das „Ich“. Empathie, Respekt, Toleranz und Rücksicht sind elementar und eben nicht in einem Schulfach mit einer Note erlernbar.  

Vielen Dank für das Interview!

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