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Restlos Glücklich im Interview

Das Restaurant "Restlos Glücklich" möchte seinen Gästen Alternativen aufzeigen, wie aus übrigem Obst und Gemüse leckere Gerichte gekocht werden können.

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Schmeißt Du deinen seit gestern abgelaufenen Joghurt weg oder isst du ihn noch? Nach wie vor sind viele Verbraucher und Verbraucherinnen der Meinung, Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, wären nicht mehr genießbar. Dabei ist das Mindesthaltbarkeitsdatum eigentlich nur eine Garantie des Herstellers, dass sich bis dahin weder Farbe, noch Konsistenz oder Geschmack verändern. Das heißt aber nicht, dass der Joghurt nach Ablauf dieses Datum verdorben ist oder schlechter schmeckt. Im Restaurant „Restlos Glücklich“ gibt es frische, selbstgemachte Gerichte aus Lebensmitteln, die im Laden nicht mehr verkauft werden können. Wir haben Vorstandsmitglied Wiebke Hampel im „Restlos Glücklich“ zu einem Interview besucht.

Du bist eine von fünf Vorstandsmitgliedern des Vereins Restlos Glücklich. Wie habt ihr euch zusammengefunden?

Wiebke: Ich hab damals etwas auf Facebook über das „Restlos Glücklich“ gelesen. Die Idee hat mir sofort gefallen. So ist das Team dann auch zusammengekommen. Das Kernteam des Vereins „Restlos Glücklich“ ist ein ganz bunter Haufen, aus ganz verschiedenen Bereichen. Wir waren auch vorher nicht befreundet.

Wie oft bist du hier im Restlos Glücklich, wenn du nebenbei noch zwei Halbzeitstellen hast?

Die Arbeit als Vorstandsmitglied im Restlos Glücklich mache ich ehrenamtlich. Eigentlich habe ich zwei Teilzeitjobs. Das erfordert einiges an Koordination. Ich hadere auch immer noch mit einer Promotion. Es wäre bestimmt auch spannend in die Richtung Lebensmittelverschwendung zu promovieren – in dem Themenbereich gibt es noch nicht viel.

Wiebke Hampel, eine der fünf Vorstandsmitglieder des Reslos Glücklich

Die fünf Vorstandsmitglieder arbeiten ehrenamtlich. Wird das Restaurant ausschließlich durch Ehrenamtliche organisiert?

Nein, wir haben auch Angestellte auf Minijobbasis. Das ist eine große Erleichterung. Seither wird uns abends die Barleitung abgenommen - anfangs war das die Aufgabe des Vorstandsteams. Das wäre langfristig nicht möglich gewesen, da ich nie vor Mitternacht ins Bett gekommen bin und früh morgens schon wieder in meine anderen Jobs musste.

Was reizt dich so sehr daran, dass du neben deinen zwei Teilzeitjobs ehrenamtlich im „Restlos Glücklich“ arbeitest?

Das Restaurant ist ja eigentlich nur Mittel zum Zweck – genau das finde ich so spannend. Der Kern des Projektes ist die Bildungsarbeit. Wir möchten mit unserer Arbeit das Thema Lebensmittelverschwendung in unserer Gesellschaft thematisieren und die Wertschätzung gegenüber Lebensmittel erhöhen. Das Restaurant soll ein Ort sein, an dem man sich mit der Thematik beschäftigen kann. Der Gewinn des Lokals wird mittelfristig in unsere Bildungsprojekte investiert. Die Finanzierung von Bildungs-Workshops war gleich nach der Restauranteröffnung im Frühsommer 2016 noch nicht machbar – aber diese Arbeit liegt uns ganz besonders am Herzen. 

Ist euer Gast eher der hippe Berliner Youngster oder eher der gutbürgerliche Berliner?

Besonders zu Beginn kamen die meisten Gäste aus der alternativeren Szene und haben sich bereits mit Lebensmittelverschwendung beschäftigt. Inzwischen mischt sich das Publikum aber immer mehr und es kommen viele Gäste aus ganz Deutschland zu Besuch in unser „Restlos Glücklich“. Die meisten sind neugierig, nachdem sie über uns gelesen haben. Es kommen aber auch immer mehr Menschen aus der Nachbarschaft zum Essen vorbei. Um die breite Masse zu erreichen braucht es einfach etwas Zeit. 

Wie ist es euch gelungen, das Restaurant mit wenig Budget einzurichten?

Wir haben beinahe alle Möbel von dem Vorgänger übernommen und nur ein paar Sachen dazu besorgt – und das, was wir zugekauft haben nicht neu, sondern gebraucht. Auch die Wandgestaltung haben wir nur etwas verändert. Christine, unsere Designerin, hat noch Zeichnungen ergänzt. Wir bekommen viel Unterstützung von tollen Leuten. Eine befreundete Food-Bloggerin hat beispielsweise kostenlos Fotos gemacht.

Im Angebot habt ihr auch gute Weine. Wie schafft ihr es, mit der Weinauswahl auch gleichzeitig eurem Motto treu zu bleiben?

Wir hatten eine Zeit lang Restewein und ab und zu bekommen wir auch wieder welchen. Resteweine bleiben bei Verkostungen übrig oder werden abgegeben, wenn die Flaschen falsch etikettiert wurden. Wir möchten unseren Gästen allerdings gewährleisten, dass sie ein abgerundetes Essen mit passendem Wein bekommen. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, Wein zu kaufen, der unser Angebot vervollständigt.

Was abends auf der Karte steht, kann erst mittags entschieden werden, wenn das gerettete Gemüse im Restaurant ankommt. 

Prinzipiell wird in Restaurants viel weggeschmissen. Schafft ihr es dann tatsächlich alles zu verwenden?

Wir fragen unsere Gäste wie groß ihr Hunger ist und entscheiden entsprechend über die Größe der Portion. Wenn die Gäste etwas liegen lassen, dann müssen wir es wegschmeißen. Wir schaffen es auch nicht immer alles zu verarbeiten – wenn man beispielsweise Unmengen Salat rettet. Unsere Köche geben sich die größte Mühe, die Lebensmittel entweder gleich für das Menü zu verarbeiten oder haltbar zu machen.  

Was würde mit dem Obst und Gemüse passieren, wenn ihr es nicht abholen würdet? Würden eure Partner es dann entsorgen?

Unsere Lebensmittelpartner schmeißen nichts weg – zumindest, wenn es irgendwie zu vermeiden ist. Sie suchen immer nach Alternativen – würde es uns nicht geben, würden sie die übrig gebliebenen Lebensmittel an Foodsharing, die Tafel, große WGs oder als Tierfutter weitergeben.

Hand aufs Herz – es kann ja nicht sein, dass all eure Gerichte im „Restlos Glücklich“ ausschließlich aus übrigem Obst, Gemüse und Brot gekocht werden. Kauft ihr nicht auch was hinzu, wie zum Beispiel Gewürze?

Natürlich kaufen wir schon auch Kleinigkeiten hinzu wie Öl, Salz und Zucker. Erst vor kurzem haben wir eine große Auswahl an Gewürzen von Herbaria gespendet bekommen. Manchmal müssen wir auch Sättigungsbeilagen wie etwa Bulgur besorgen, sonst gäbe es nur Gemüse. Da wird ja sonst keiner satt. So kreieren wir aus den gegebenen Zutaten täglich gesunde, abwechslungsreiche Gerichte, wie etwa Gemüseaufläufe mit Salat oder Sandwiches mit gegrilltem Gemüse.

Könntet ihr euch auch vorstellen zum Beispiel eine Imbissbude am Kottbusser Tor zu eröffnen, um die breite Masse zu erreichen?

Mit unseren Workshops wollen wir unter anderem genau diese Milieus erreichen. Kinder, die nicht leicht zu erreichen sind, weil sie am Stadtrand wohnen oder deren Eltern nur wenig Zeit fürs Kochen und Geld für Lebensmittel haben. Dafür brauchen wir keine Imbissbude am Kottbusser Tor, sondern unsere Bildungsworkshops. Wir wollen aber nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Erwachsenen oder Schwangeren arbeiten. Ein generelles Bewusstsein in der Bevölkerung soll gestärkt werden.

Welches Ziel haben eure Bildungsworkshops?

Wir bekommen auch Workshop-Anfragen von Schulen und Kitas. Die möchten wir sehr gerne bedienen, wobei die Organisation gar nicht so leicht ist. Erst einmal wird einer von uns in die Schule gehen und mit den Schülern über Lebensmittelverschwendung sprechen. Das ist zwar ein guter Start, reicht aber nicht aus – uns ist es wichtig, dass man anschließend auch gemeinsam kocht. Im besten Fall sollen die Kinder nach Hause gehen und sagen können: „Mama, wir haben voll lecker gekocht, das müssen wir auch mal machen.“ Unsere Idealvorstellung ist es, besonders diejenigen zu erreichen, deren Zugang zu Bildung sonst eingeschränkt ist.

Wieso ist es gerade das Thema Lebensmittelverschwendung, das dich so sehr interessiert?

Durch meine Forschungsarbeit habe ich viel Kontakt mit Landwirten und sehe, wie viel Arbeit in dem Anbau von Lebensmitteln steckt. Mir tut das in der Seele weh, wenn ich sehe, wie viel Obst und Gemüse weggeschmissen wird. Die Gründe, warum weggeschmissen wird, sind einfach sinnlos. Nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, sind Lebensmittel nicht gleich ungenießbar.

Die Gestaltung des Restaurants hat das Team gemeinsam mit befreundeten Künstlern und Fotografen selbstgemacht. 

Wie glaubst du, kann das Thema Lebensmittelverschwendung am sinnvollsten sozialwirtschaftlich angegangen werden?

Weg von dem Aufklärerischen, denn das Aufklärerische hat meist etwas Besserwisserisches. Wir erheben nicht den Zeigefinger und sagen: „Ey, ihr schmeißt daheim zu viele Lebensmittel weg, wie furchtbar!“ Unsere Idee ist es, zu zeigen, was man daraus noch Leckeres kochen kann. Manche werden es aufnehmen und unsere Ideen zu Hause nachkochen, andere vielleicht nicht – das ist auch in Ordnung.

Worin siehst du gerade im Sozialunternehmertum den Mehrwert?

Das Spannende am Sozialunternehmertum ist, zu versuchen eine in der Gesellschaft aufkommende Thematik, worüber divers diskutiert wird, aufzugreifen und durch sozialwirtschaftliches Handeln Lösungsansätze zu finden. Und das nicht mit dem Ziel, sich selbst zu bereichern, sondern das Geld zu reinvestieren, um einen Wandel anzustoßen.

Habt ihr Angst, dass der Hype um euer „Restlos Glücklich“ irgendwann vorbei ist?

Ja schon. Den Medien verdanken wir momentan unsere ganze Aufmerksamkeit, sie übernehmen für uns das Marketing. Aber wir hoffen, dass sich das Restaurant nach dem Hype soweit etabliert hat, dass es sich weiter trägt. Wir sind da guter Dinge. Unser Team zeichnet sich auch dadurch aus, dass wir uns nicht so viel den Kopf zerbrechen, sondern einfach machen und dann weitersehen. Das ist sehr erfrischend und schön, weil es zeigt, dass es irgendwie immer geht. In den letzten zwei Jahren sind wir die größten Improvisationskünstler geworden.

Indirekt profitiert ihr ja von der Überflussgesellschaft, obwohl ihr eigentlich ein Not-for-Profit Restaurant seid. Wie schätzt du das ein? 

Unser Ziel ist es, uns abzuschaffen. Es wäre doch das Tollste, wenn es uns irgendwann nicht mehr gibt, weil kein Essen mehr verschwendet wird. 

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