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TABLE FOR TWO im Interview

Durch Kalorientransfer gegen Übergewicht und Hunger

Caroline Deidenbach TABLE FOR TWO

Initiative ErnährungGesellschaft München

Schon seit 2007 gibt es TABLE FOR TWO in Japan – und mittlerweile auch in vielen anderen Ländern. 2017 will die Initiative in Deutschland starten. Das Prinzip ist relativ einfach: für ein gesundes Essen in einer Mensa oder Kantine spendet der Mitarbeiter 20 Cent und finanziert so eine Mahlzeit für eine Person in einem Entwicklungsland. In München arbeitet Tomoko  Kobayashi daran, dass es auch in deutschen Kantinen bald die Möglichkeit gibt, die Initiative zu unterstützen.

Du bist schon seit über zwei Jahren in München. Bist du seitdem auch dabei die Initiative in Deutschland auszubauen?

Tomoko: Ich war die letzten eineinhalb Jahre für das Management der Hilfs Projekte von TABLE FOR TWO in Ostafrika zuständig und daher war es egal, ob ich in Japan oder in Deutschland war. Nebenher habe ich Deutsch gelernt und dieses Jahr haben wir dann beschlossen die Initiative auch in Deutschland zu implementieren. Die letzten Monate war ich damit beschäftigt herauszufinden, welche Gesellschaftsform für uns am besten ist. Für eine Gründung braucht es auch ein gewisses Startkapital und auch wenn wir uns mittlerweile finanzieren können, haben wir nicht so viel Budget. Trotzdem konnten wir 25.000 Euro für die Gründung einer gGmbH in Deutschland sichern. Ab September werden wir dann anfangen mit unserem Konzept auf Unternehmen zuzugehen und ihnen erklären, wie TABLE FOR TWO funktioniert.

Wieso habt ihr Deutschland als neuen Standpunkt ausgewählt?

Tomoko: Wir haben zunächst ausgiebig recherchiert, in welchem europäischen Land ein Standort passend wäre und uns angeschaut, wie die Leute zum Thema Essen stehen. Zuerst hatten wir auch an Italien oder Frankreich gedacht, dann aber festgestellt, dass sie deutlich mehr Zeit beim Mittagessen verbringen, etwa eineinhalb Stunden und oft nicht in der Kantine gehen, sondern auswärts essen. In Deutschland wiederum essen viele Mitarbeiter in der Firmenkantine und verbringen dort nur etwa 30 Minuten. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Menschen in Italien, viel Wert auf hohe Qualität ihres Essens legen, Slow Food und gehobener Küche spielen für sie dabei eine übergeordnete Rolle. Die Deutschen legen mehr Wert auf die Funktion des Essens und zum Beispiel darauf, ob es biologisch ist. Daher war Deutschland als Kandidat für TABLE FOR TWO geeigneter.

Tomoko hat früher bei McKinsey gearbeitet.  Fotocredit: Christoph Eipert

Wie wird eure Initiative bei den Firmen aufgenommen? Gibt es Unterschiede bei den Ländern?

Tomoko: Als wir 2011 mit unserer Initiative in Nordamerika angefangen haben, bekamen wir oft das Feedback, dass die Unternehmen zwar die Notwendigkeit solcher Programme in Ostafrika sehen, aber gerne, auch aus CSR-Gründen, Projekte in Nordamerika selbst unterstützen wollen. Daher haben wir beschlossen, die Hälfte der Spenden für amerikanische Programme auszugeben, zum Beispiel gesündere Mittagessen in Grundschulen. Denn dort gibt es oft nur Pizza oder Hamburger, ohne irgendwelches Gemüse oder Obst. Die andere Hälfte der Spenden geht wiederum an die Projekte in Ostafrika. Ein weiterer erschwerender Faktor war, dass es in Nordamerika viel mehr Konkurrenz zwischen den Non-Profit-Unternehmen gibt, als in Japan. Wir mussten TABLE FOR TWO also noch einzigartiger machen, und mehr von den anderen Projekten abgrenzen. Japanisches Essen hat das Image gesund zu sein, also haben wir uns mit japanischen Produktherstellern zusammen getan, die unsere Initiative mit ihren Produkten in amerikanischen Supermärkten bewerben, zum Beispiel mit Sushi. Wie wir das in Deutschland angehen werden, wird sich erst noch zeigen. Da wir aber die zwei großen Themenfelder Hunger und Übergewicht ansprechen, sind wir recht flexibel und können uns auf die verschiedenen Situationen einstellen. Was wir gar nicht machen sind Spenden von All-You-Can-Eat Buffets anzunehmen, das widerspricht einfach unserem Konzept.

Wie wurde eure Idee ganz zu Beginn in Japan von den Kantinen und Mensen aufgenommen?

Tomoko: Mit jedem neuen Produkt ist der Anfang schwer und die ersten Firmen zu finden, die mitmachen, ist wirklich hart.  Wir haben zuerst nur Firmenkantinen und Cafeterien angesprochen, da die am effizientesten sind. Denn normalerweise essen mehrere hundert, manchmal tausende Mitarbeiter in der Kantine Mittag. Das bedeutet für uns, wenn wir eine Firmenzusage bekommen, dass wir auf diese einfache Art und Weise viele Angestellte mit unserem Programm erreichen. Damals kamen bei etwa 100 Anfragen oft nur eine einzige Antwort zurück.

Welche Kriterien gelten für ein gesundes TABLE FOR TWO Essen?

Tomoko: Also wir wollen ein gesundes Mittagessen fördern, aber unsere Leitlinien sind nicht so strickt – wir verlangen weder, dass es vegetarisch noch, dass es vegan sein muss. Unsere Kriterien sind eigentlich sehr einfach zu erfüllen: Die Mahlzeit sollte weniger als 730 Kilokalorien und mehr Gemüse als die durchschnittliche Menge der anderen Angebote enthalten. Es kommt ja auch darauf an, in welcher Kantine das Essen serviert wird. Der Unterschied zwischen der Kantine einer Bank und einer Autofabrik kann zum Beispiel sehr groß sein, weil das Durchschnittsalter und die Geschlechterverteilung eine ganz andere ist. Daher sind wir recht flexibel und das macht es den Unternehmen auch einfach bei uns mitzumachen. Wichtig ist daher einfach, dass es die gesündere Variante des Angebots ist, für die man dann 20 Cent automatisch spendet.

Tomoko versucht TABLE FOR TWO auch in Deutschland zu etablieren.  Fotocredit: Christoph Eipert
Welthungerindex
Der Welthungerindex (WHI) umfasst mehrere Faktoren von Hunger und Unterernährung. Die drei Hauptindikatoren sind: 1. Der Anteil von Unterernährten in der Bevölkerung in Prozent 2. Der Anteil von Kindern unter fünf Jahren mit Untergewicht 3. Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren. Dadurch soll ein schneller Überblick über komplexe Probleme gegeben werden, da es unterschiedliche Ursachen von Hunger gibt z.B. akuter Hunger durch Naturkatastrophen oder chronischer Hunger durch Armut.

Welche Projekte unterstützt ihr mit den Spenden?

Tomoko: Also das kommt auf verschiedene Faktoren an, wie das Wachstum der Region und den Welthungerindex im Vergleich zu anderen Ländern. In vielen Fällen unterstützen wir Schule in ländlichen Regionen, die weder Zugang zu Wasser noch zu Elektrizität haben. Es ist aber so, dass wir selber keine Mitarbeiter in den Ländern haben, in denen wir das Versorgungsprogramm machen. Daher haben wir Partner vor Ort, lokale  oder internationale Organisationen, die ihre Zentralen in Europa oder Nordamerika und ihre Projekte in Ostafrika haben.  Wir überlegen uns sehr gut, wenn wir unterstützen, da wir in Amerika, in Asien und Europa insgesamt etwa 1,5 Millionen Euro im Jahr an Spenden bekommen und damit natürlich nicht unglaublich viele verschiedene Projekte unterstützen können. Nachdem wir also einige Kandidaten gefunden hatten, haben wir recherchiert, wie diese Projekte arbeiten, wie ihre finanzielle Lage ist, wie sie ihre Arbeit umsetzen und wie sehr so ein Versorgungsprogramm in der Gegend wirklich gebraucht wird. Der Vertrag, den wir dann abschließen, wird jedes Jahr erneuert. So evaluieren wir auch jedes Jahr, ob die Spenden auch in unserem Sinne genutzt werden.

Wie viele Projekte unterstützt ihr denn bisher?

Tomoko: Momentan arbeiten wir mit sechs Projekten in Ostafrika zusammen, einem Projekt auf den Philippinen und einem Projekt in Jordanien. Jordanien ist sozusagen ein Sonderfall für uns, da wir einige Firmen aus dem mittleren Osten haben, wie Saudi-Arabien, und für sie ist die Unterstützung syrischer Flüchtlinge sehr wichtig. Sie wollten daher, dass wir mit ihren Spenden das Flüchtlingsprogramm in Jordanien unterstützen. Aber die Spenden aus Japan und den anderen asiatischen Ländern, Europa und Nordamerika gehen entweder nach Ostafrika oder an die Philippinen.

Momentan ist Tomokos Arbeitsort das Impact HUB in München. Fotocredit: Christoph Eipert

Und die Spenden werden nur für das Essen genutzt?

Tomoko: Anfangs wussten wir nicht, wie viel Geld wir sammeln können, daher haben wir uns auf Schulessen konzentriert. Aber nach einigen Jahren hatten wir mehr Geld und haben auch mehr über die Situation in Ostafrika gelernt. Daher haben wir beschlossen unsere Aktivitäten etwas auszuweiten und beispielsweise auch Gärtnern in der Schule oder die lokale Landwirtschaft zu unterstützen, indem wir regionale Produkte von den Menschen vor Ort kaufen.

Wie viel wird pro Essen gespendet?

Tomoko: Wenn der Originalpreis bei fünf Euro liegt, dann bitten wir um 20 Cent mehr pro Mahlzeit als Spende. In diesem Fall spenden sozusagen die einzelnen Leute an uns. Bei den Supermärkten, beispielsweise bei abgepacktem Sushi, ist das natürlich schwieriger, da sie den Preis nicht einfach erhöhen können, weil sie sonst nicht mehr wettbewerbsfähig sind.  In dem Fall spendet normalerweise der Supermarkt einige Cents pro beworbene Mahlzeit. Das ist dann aber auch gute Werbung für sie.

Gibt es denn Kritiker, die meinen, dass das nur eine Art Green-Washing für die Unternehmen ist?

Tomoko: Ja manchmal. Aber wir können auch nicht alles auf einmal ändern. Für uns ist es wichtig ihnen das Konzept von gesundem Essen näher zu bringen oder ihnen die Möglichkeit zu geben, über ihr Essen nachzudenken und zu entscheiden, was gesünder ist und, dass sie mit dieser Entscheidung auch etwas Gutes tun können.

Vielen Dank für das Interview!

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