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überkochen im Interview

Der mobile Kochwagen von überkochen bringt Neues in die Schule: praxisorientiertes Unterrichtsmaterial, das Integration und soziale Kompetenzen fördert.

Caroline Deidenbach Christoph Eipert

Startup BildungErnährungIntegration München

Die ersten Kochwagen sind ausgeliefert und somit beginnt die erste richtige Testphase von überkochen im Unterricht. Die Gründer Marco Kellhammer, Constanze Buckenlei und Vasiliki Mitropoulou haben mit uns über scharfe Messer, motivierte Lehrer und ihre Ideen für die Zukunft gesprochen. 

Was war die Grundidee von überkochen?

Marco: Über das gemeinsame Kochen und Essen sollen Grenzen im Klassenzimmer und Unsicherheiten im Miteinander mit anderen Kulturen überwunden werden. Während ich dem einen zeige, wie Semmelknödel gemacht werden und die anderen erfahren können, wie Tabouleh-Salat gemacht wird, schaffe ich ganz nebenbei Akzeptanz und Respekt. Der Zugang ist bewusst sehr niedrigschwellig gewählt. Doch neben der praktischen Tätigkeit des Kochens, über die man sich kennen lernen kann und somit auch die Sprache lernt, ist es ein Anknüpfungspunkt für klassische Unterrichtsinhalte. Man kann verschiedene Mengen wiegen, oder den prozentualen Verschnitt beim Schälen von Gemüse bestimmen und so Mathematik spielerisch vermitteln.

Wie war eure erste Erfahrung bei der praktischen Umsetzung eurer Idee, also dem Kochen mit Kindern?

Marco: Bevor wir den Wagen prototypisch gebaut haben, haben wir bereits einzelne Schritte umgesetzt. Wir sind mit Kochwerkzeugen und zwei Einkaufstaschen voller Obst in eine Willkommensklasse gegangen und haben Obstsalat gemacht. Wir haben uns angeschaut, wie das Aufteilen in Gruppen und die Verteilung der Aufgaben funktioniert. Wir haben zwar nicht die Infrastruktur wie in einer Küche, trotzdem müssen die Lebensmittel wenigstens über dem Waschbecken abgewaschen werden. Ein Schüler hat sich dabei beispielsweise geweigert, weil er es nicht gewohnt war, dass er mithelfen muss. Doch am Ende hat er gemerkt, dass das alle machen und es doof ist, wenn er sein Schneidebrett nicht sauber macht. Schon hier hat man eine Wirkung erfahren können.

Constanze: Was man auf jeden Fall braucht sind motivierte Lehrer, die bereit sind sich auf etwas neues einzulassen. Was wir auch bei den ersten Workshops gemerkt haben, war, dass Teamfähigkeit und gegenseitige Unterstützung der Schüler plötzlich auf einer anderen Ebene stattgefunden hat. Es wird sichtbar, dass sich ein Schüler zurückhält, weil er sich nicht traut mitzuhelfen oder sich nicht traut das Messer in die Hand zu nehmen, obwohl er eigentlich an der Reihe wäre. 

Mitgründerin Constanze (li) und der mobile Kochwagen (re).  Fotocredit: Chris Eipert (li)/ überkochen (re)

Werdet ihr auch in Zukunft dabei sein oder sollen die Lehrer es alleine machen?

Constanze: Wir machen einen initialen Workshop an jeder Schule, um auch die Lehrer von Beginn an abzuholen und zu zeigen, welche Möglichkeiten es mit dem Kochwagen gibt. Zudem gibt es ein Kartenset, das Informationen zu den Zutaten, Rezeptkarten aber auch konkrete Handlungsanweisungen beinhaltet, wie der Kochwagen im Klassenzimmer eingesetzt werden kann. Alle Kartentypen sind miteinander verlinkt, sodass die Informationen ein Wissensnetz spannen. 

Das Projekt überkochen richtet sich nun also nicht mehr überwiegend an Willkommens- und Integrationsklassen?  

Vasiliki: Der Gedanke des Kochwagens hat sich in der Hinsicht weiterentwickelt, dass man von dem Bereich Integration und Inklusion gestartet ist und mittlerweile über das Thema Ernährungsbildung und nachhaltige Ernährung die Inhalte und Kompetenzen vermittelt.  Die Schüler erlernen Fähigkeiten, die sie befähigen reflektierter durch ihr Leben zu gehen. Was bedeutet es zum Beispiel ein Ei aus Bodenhaltung zu kaufen? Haben Tomaten auch im Februar Saison? Soziale Kompetenzen wie Gleichberechtigung, Integration, Toleranz fließen unterschwellig mit ein und werden nicht als Worthülsen betrachtet.  

Wie soll mit dem Kochwagen umgegangen werden? 

Marco: Für uns ist es wichtig, dass der Kochwagen ein fester Bestandteil des Unterrichts wird, mit dem wir versuchen an das Curriculum anzuschließen um praxis- und problemorientierte Unterrichtsformate zu liefern. Lehrkräfte können über das Kochen beispielsweise auch in Biologie etwas über Enzyme vermitteln.  Der Lehrer muss also nicht zusätzlich eine Stunde aufwenden, sondern kann das, was er sowieso machen würde, auch mit dem Kochwagen machen.  Jeder Lehrer wird den Kochwagen auf seine eigene Art und Weise im Unterricht einbeziehen, da auch jeder Unterrichtsstil anders ist. Das können und wollen wir gar nicht beeinflussen. Schließlich soll der Kochwagen Möglichkeiten aufzeigen und zur eigenen Verwendung inspirieren. Prinzipiell gibt es zwei Herangehensweisen, wie man ihn nutzen kann. Die eine ist, dass man sich ein Rezept aussucht, nach dem gekocht wird, die andere funktioniert über die Aktionskarten. Beispielsweise zieht man das Thema „internationales Frühstück“ und jeder bringt von zu Hause mit, was er zuhause isst. In der Schule kann man dann besipielsweise noch einen bayrischen Cous-Cous-Salat machen.  Man bricht somit die gewohnten Grenzen und fördert die eigene Kreativität. 

Passt so ein Kochwagen in den klassischen Unterricht? 

Marco: Der Lehrplan richtet sich nicht mehr ausschließlich nach der Vermittlung fachlichen Wissens, sondern wird ergänzt um Kompetenzen, wie Teamfähigkeit oder Selbstwirksamkeit. Lehrbücher sind bereits danach aufgebaut, aber es fehlt oft noch an den aktiven Unterrichtsformaten. Daher passt ein Unterrichtsmedium wie der Kochwagen ganz gut.

Vasiliki von überkochen.

Glaubt ihr, dass die Lehrer sich auch trauen die Kinder mit scharfen Messern arbeiten zu lassen?  

Vasiliki: Zu Beginn werden eher die motivierten Lehrer mitmachen. Ich persönlich hoffe, dass es einen Welleneffekt gibt, wenn die motivierten Lehrer berichten, dass es toll war und es der Klasse  Spaß gemacht hat, sie etwas dabei lernen. Dieses Phänomen sehe ich häufig, dass es die gibt, die motiviert sind und alles ausprobieren und die, die ihr altes Schema durchziehen und die Folien von vor 20 Jahren rausziehen. Ich hoffe, dass die Motivierten die anderen ein wenig anstecken.  

Constanze: Durch die Karten wird zudem ein Leitfaden geschaffen, sodass die Lehrer an das Thema herangeführt werden und Antworten finden. Wir erklären zum Beispiel welche scharfen Messer es gibt und für was sie eingesetzt werden sollen. Genau da möchten wir die Lehrer nicht alleine zu lassen.  

Marco: Wir haben versucht das Risiko so gering wie möglich zu halten. Es gibt große Messer, die sollen in einer abschließbaren Schublade verstaut werden. In den Rezepten weisen wir daraufhin, dass beispielsweise die Lehrperson den Kürbis teilt. Das in Stücke schneiden übernehmen die Schüler mit kleinen Gemüsemessern. Aber wir möchten, dass zu einem gewissen Teil Schülerinnen und Schülern diese Verantwortung auch übernehmen. 

Wie finanziert ihr euch? 

Marco: Die Hans Sauer Stiftung unterstützt das Projekt und wir dürfen die Infrastruktur der Stiftung nutzen um an dem Projekt zu arbeiten. Das ist für uns ein großer Vorteil, gerade weil es das ganze Prototyping und den mehrstufigen Entwicklungsprozess gemeinsam mit allen Beteiligten ohne diese Unterstützung nicht gäbe. Der Kauf von ersten Wagen durch die Stadt erfreut uns natürlich und ermöglicht uns auch die Anwendung noch aktiver mitzuerleben. Wir arbeiten gerade an alternativen Finanzierungsmöglichkeiten, damit sich das Projekt irgendwann einmal selbst tragen kann. 

Welches Material verwendet ihr?  

Constanze: Die verwendeten Materialien sind ökologisch nachhaltig im Sinne von langlebigen und wiederverwertbaren Materialien. Generell haben wir darauf geachtet, dass wir den Wagen so herstellen und bestücken, dass er möglichst variabel einsetzbar und modular gestaltet ist. Theoretisch kann man sich dann selber Ersatzteile bestellen, wenn etwas kaputt gehen sollte.

Marco: Außerdem sind die Materialien soweit es geht regional und recyclebar; auch die Produktion findet regional statt. Wir arbeiten mit den Werkstätten der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld zusammen und haben mit dem Schreinermeister das Produkt so hingehend konstruiert, dass sie es auch dort fertigen können. Wir haben von Anfang an gesagt, dass es in einer sozialen Einrichtung erstellt werden soll und sehen auch, dass es gut funktioniert. Auch wenn es mal kleine Verzögerung gab, war die Zusammenarbeit insgesamt sehr positiv, weil wir sehr viel Unterstützung und Expertise erfahren haben.  

Wer hat noch an dem Projekt mitgearbeitet?

Marco: Es gibt eine Kooperation mit der Hochschule Albstadt-Sigmaringen und dem Studiengang Lebensmittel, Ernährung und Hygiene. Nach der Projektvorstellung haben die  Studierenden bereits im zweiten Semester Rezepte entwickelt, die innerhalb von ein bis zwei Unterrichtsstunden realisierbar sind und gleichzeitig die Informationen zu den Zutaten und die Nährwertangaben ermittelt.  

Constanze: Diese Kooperation war für uns sehr wertvoll, da wir keine Ernährungsexperten sind. Die Expertise von unterschiedlichen Seiten zu bekommen hat dem Projekt sehr weitergeholfen.  

Der Kochwagen, der in der Südschule in Bad Tölz steht (li) und Mitgründer Marco (re).   Fotocredit: überkochen (li)/ Chris Eipert (re)

Welche Wirkung erhofft ihr euch durch den Einsatz des Kochwagens? 

Marco: Wir wollen einen Beitrag zur Ernährungsbildung leisten. Ernährung ist ein wesentlicher Faktor im Bereich der Umweltauswirkungen – Lebensmittelabfälle, Transportwege, Pestizide. Viele von uns haben die Wertschätzung zu Lebensmitteln und deren Zubereitung verloren. Gerade in der nachkommenden Generation sehe ich ein großes Defizit und das ist einer der Gründe, warum wir Ernährungsbildung für so wichtig halten. Wir werden genau beobachten, wie die Wirkung in der Relation zum Produkt und den Aktivitäten steht. Die positive Veränderung des Schulalltags liegt uns ebenfalls sehr am Herzen. 

Wie schaut die Zukunft des Projekts aus?  

Constanze: Erstmal hoffen wir, dass die Testphase gute Ergebnisse erzielt, dass wir viel daraus lernen können und, dass das Projekt weiter wächst und vielleicht auch über München hinaus Anklang findet. 

Marco: Bisher hat sich vieles fast wie von selbst entwickelt und in einem Rahmen, den wir gut überschauen können und die Möglichkeit haben selbst mitzuwirken. Ziel ist es auch an weitere Schulen zu kommen und deswegen denken wir über andere Finanzierungsmöglichkeiten nach. Eine Option könnte sein, dass eine Schule den Kochwagen für einen Monat mietet und dann geht er an die nächste Schule. Der nächste Punkt wäre auch, dass wir an einem Wirkungsbericht arbeiten, wir gemeinsam mit Soziologen beobachten wie sich das Projekt auf die Schul- und Unterrichtskultur auswirkt, welche Erfahrungen mit nach Hause genommen werden. Dann können wir sagen überkochen fördert das Erreichen der Ziele zur Bildung für nachhaltige Entwicklung der UNESCO und ist ein Beitrag Bildung zukünftig zu entwickeln.  Wenn dann auch im Pausenverkauf Alternativen zur Leberkässemmel angeboten werden oder zur Fast Food Kette um die Ecke, dann ist das ein großer Erfolg oder wenn die SchülerInnen ihre Eltern dazu animieren zuhause zu kochen, es nicht immer Fleisch sein muss und wieder eine Brotzeit mitnehmen dann haben wir eine große Wirkung erzielt mit der wir vielleicht alle besser leben.

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