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Editorial: Innovation macht Schule!

Der relaio-Schwerpunkt über Menschen, die Schule verändern

Markus Hensel Aaron Burden

BildungInnovationSchwerpunktSchule

In der siebten Klasse bekamen wir einen neuen Kunstlehrer. Das heißt, eigentlich war Herr B. kein Unbekannter. In der ganzen Schule war er für seine Wutausbrüche berüchtigt, schon in der fünften Klasse hatten wir Schauergeschichten von älteren Schülern gehört. Die behaupteten, Herr B. habe durch sein Geschrei schon unzählige Kinder zum Weinen gebracht, sogar von Schulwechseln war die Rede.

Zur ersten Stunde begrüßte Herr B. uns mit versteinerter Miene, dann legte er sofort los: „Guten Tag! Ich hoffe, ihr habt mehr Potenzial als eure Vorgänger. In den kommenden Wochen werden wir eine Fluchtpunkt-Zeichnung anfertigten, kann mir jemand erklären, was das ist?“

Stille.

 „Was? Niemand von euch weiß, was eine Fluchtpunktzeichnung ist? Hat man euch denn nichts beigebracht?“

Statt einer Erklärung erhielten wir einen komplizierten Text aus einem Lehrbuch. Das musste reichen. Keine weiteren Fragen erlaubt. Martin, eigentlich kein besonders mutiger Schüler, traute sich trotzdem, seinen Finger zu heben: „Dürfen wir zum Zeichnen einen Fineliner benutzen?“, fragte er. Was Martin nicht wusste: Herr B. hasste Anglizismen. Nein, er mochte Anglizismen nicht nur ‚nicht besonders gern‘. Er hasste sie.

„Das heißt Faserschreiber! Hat man euch denn nichts beigebracht? Natürlich dürft ihr keinen Faserschreiber benutzen!“

Die lautstarke Moralpredigt dauerte noch zehn weitere Minuten, in denen uns Herr B. den Satz: „Hat man euch denn nichts beigebracht?“, noch mindestens 20 Mal entgegen schmetterte.  Schon nach zwei Minuten hatte Martin angefangen zu weinen. Schließlich lief er schluchzend aus dem Zimmer, was Herrn B. nur ein: „Und Memmen seid ihr auch!“, entlockte.

Ein Schulanfang ist einschneidendes Erlebnis

Gerade hat das neue Schuljahr begonnen. Mittlerweile ist das für mich persönlich kein wichtiges Datum mehr. Die Erlebnisse mit Herrn B. sind längst Vergangenheit, ich bin weder Lehrer noch Vater. Nur wenn ich Anfang September mal wieder mit dem Fernbus auf der Autobahn feststecke, werde ich unangenehm an das nahende Ende der Sommerferien erinnert.

Doch auch wenn für uns alle in der relaio-Redaktion diese Zeit schon lange vorbei ist, möchten wir uns trotzdem intensiv mit dem Thema Schulbildung auseinandersetzen. Schließlich ist so ein Schulanfang für viele Menschen ein einschneidendes Erlebnis. Für Schüler, weil für sie gerade wieder ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Für Eltern, weil sie noch aufgeregter über den Neuanfang ihrer Töchter und Söhne sind als die Kinder selbst. Und für Lehrer, weil sie in jeder Stunde aufs Neue mindestens 30 unbekannte Gesichter vor sich haben.

Doch auch wer schon längst nicht mehr die Schulbank drückt, denkt sicherlich noch oft an diese Zeit zurück. Und wahrscheinlich hat fast jeder sein eigenes Albtraum-Schulerlebnis durchgemacht, seinen persönlichen Herr-B.-Moment. Im Nachhinein sind solche Geschichten oft die spannendsten, denn sie lassen sich am besten erzählen. Dann wenn alles überstanden ist und uns wohlig kalter Schauer den Rücken herunterläuft, während wir in alten Erinnerungen schwelgen. Dann wenn wir längst über diese Erlebnisse lachen können, die früher so schlimm für uns gewesen sind.

Schulen sind Räume, in denen Schlüsselmomente passieren

Doch hoffentlich sind diese Schauergeschichten nicht das einzige, was von unserer Schulzeit bleibt — Schulen sind schließlich die Orte, an denen wir einen Großteil unserer Kindheit und Jugend verbringen. Dort zeigt sich, wo unsere Stärken liegen und wo unsere Schwächen. Schulen sind Orte, die uns prägen. Im besten Fall sind sie Räume, in denen Schlüsselmomente passieren, die uns helfen, im Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen — um der Mensch zu werden, der wir gerne sein möchten. 

Genau von solchen Schlüsselmomenten möchten wir in diesem Schwerpunkt erzählen. Wir möchten zeigen, wo Schule Menschen verändert und wo Menschen Schule verändern. Wir schauen aber auch nicht dort weg, wo es noch im Getriebe knirscht und zeigen, welche bisher ungenutzten Potenziale es im Bildungssystem gibt.

Doch statt zu lamentieren, stellen wir Menschen vor, die diese Potenziale nutzen und zeigen, wo Innovation Schule macht. Wir haben mit Gründern von Bildungs-Startups gesprochen, die mit Methoden partizipativer Schulentwicklung arbeiten, stellen eine Initiative vor, die für mehr Chancengleichheit von Arbeiterkindern kämpft, haben Interviews mit Experten geführt und uns mit innovativen Unterrichtsmethoden auseinandergesetzt.

Wir zeigen, wie eine Schule aussehen kann, in die jeder gerne geht — ohne Angst vor schlimmen Lehrern oder schlechten Noten. 

Und jetzt: Viel Spaß beim Lesen!

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