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Fazit

Schwerpunkt Spuren der Automatisierung

Severin Engelmann Annie Spratt

SchwerpunktMenschMaschine

Was hat uns die Reise in die digitale Automatisierung nun für Erkenntnisse erbracht? Das ausgerufene Ziel des redaktionellen Schwerpunktes war es, etwas mehr Klarheit in die ethischen und sozialen Implikationen der digitalen Automatisierungsinnovationen zu bringen. Der Fokus lag dabei auf Technologien, die in unserer Umgebung entwickelt werden.

Gehen wir die Beiträge mal der Reihe nach durch:

Aus unserem Interview mit dem Wiener Start-Up Robo Wunderkind lässt sich ableiten, welchen Stellenwert die digitale Technologie in unserer Gesellschaft scheinbar bereits erreicht hat. Das mehrfach ausgezeichnete Start-Up hat den Anspruch, das Lego der Spielzeugrobotik zu werden. Dabei sind es nicht mehr die analogen Legoklötzchen, die jungen Kindern erste didaktisch- und pädagogisch-wertvolle Erfahrungen bieten sollen, sondern vernetzte und programmierbare Module, die sie dazu befähigen, in der digitalen Realität zurechtzukommen.

Auf der anderen Seite ist das Interessante an Robo Wunderkind, dass die Spielzeugroboter „in der freien Wildbahn“ zum Zuge kommen. Wie der Robotikforscher Sylvester Tremmel von der Technischen Universität München in seinem Beitrag hervorhebt, besteht ein großer Teil des Verwirrungs- und Skandalisierungspotential um die digitalen Automatisierungstechnologien darin, dass es bisher überhaupt keine Berührungspunkte zwischen einer kritischen Masse der Gesellschaft und der Technologien gibt. In dieses Vakuum lassen sich dann leicht Utopie- und Dystopievorstellungen hineinprojizieren. Unsere Wahrnehmung von der Robotik, so Tremmel, ist vielmehr von fiktiven Erzählungen aus Büchern und Filmen geprägt und wenig in der Wirklichkeit verankert. Der Robo Wunderkind könnte im besten Fall zu einem neuen kulturellen Verständnis von Robotern führen und so irrationale Ängste, die es laut Tremmel ja vor allem in Deutschland gibt, vertreiben. Dank des traditionellen Shintō-Glaubens ist die Wahrnehmung der Robotik in der japanischen Gesellschaft deutlich positiver.

Die Interviews mit ProGlove und FRANKA EMIKA geben Einblicke in jenen Bereich, in dem die digitale Automatisierung in Deutschland am weitesten vorangeschritten ist: In Industrieprozessen.

Der Industriehandschuh ProGlove aus München, der Automobilherstellern mehrere zigtausend Sekunden an Arbeitszeit pro Tag spart, ist als klassisches Human Enhancement zu verstehen: nicht der Mensch soll hier ersetzt werden, sondern in der Synthese mit digitaler Technologie noch effizienter gemacht werden. Die Vision des Industrierobotikherstellers FRANKA EMIKA ist genau die Antithese dazu: dabei liegt der Fokus darauf, vermeintlich menschenunwürdige Tätigkeiten, wie das Befolgen von monotonen Arbeitsschritten in Fabrikhallen, gänzlich den Maschinen zu überlassen. Hier geht es also ganz konkret darum, zwei unterschiedliche ethische Szenarios zu betrachten und zu bewerten: Den Menschen selbst technologisieren oder durch Technologie ersetzen. Und wer genau bewertet diese zwei moralischen Dilemmata jetzt?

 

„Niemand!“, sagt der Ethikforscher Dr. Mukerij von der Ludwigs-Maximilians-Universität München im Interview mit relaio. Und genau das ist das Problem: das Rumtüfteln und Knobeln an technischen Entwicklungen konzentriert sich auf technische Machbarkeit. Im Falle des Erfolgs werden – sozusagen im Rausch des Enthusiasmus – wertsuchende Reflexionen, beispielsweise im Rahmen von Technikfolgenabschätzungen, übergangen. Bei Start-Ups sei dieses Phänomen weniger vorhanden als bei großen Industriegiganten, so Dr. Mukerij. Einzelne GründerInnen schuften jahrelang Tag und Nacht für die Realisierung ihrer Ideen und sehen sich dadurch mehr in der Verantwortung für ihre Automatisierungsprojekte als große Unternehmen.

 

Abschließend zeigt der Schwerpunkt, wie weit entfernt wir von einer Art „Superintelligenz“ sind, die den Menschen in den nächsten Jahrzehnten in allen Tätigkeitsfeldern überbieten wird. Vielleicht sind Maschinen heute besser in bestimmten intellektuellen Herausforderungen, wie zum Beispiel Schach. Aber wenn der Feueralarm losgeht und alle Menschen aus dem Gebäude rennen, planen diese Maschinen rigoros ihren nächsten Schritt auf dem Schachbrett. Dr. Haddadin, CEO von FRANKA EMIKA, sagte nach dem Interview zu uns, dass es nach heutigem Stand der Technologie unmöglich ist, eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, die ein allgemeines Modell der realen Welt besitzt, um so mit der Wirklichkeit in verschiedenen Kontexten interagieren zu können. Die Start-Ups des Schwerpunkts automatisieren alle einen spezifischen Handlungskontext.

Das macht die digitale Automatisierung sehr vielseitig –  und genau deshalb lautet unser Fazit auch, dass jede Automatisierungsinnovation einzeln ethisch betrachtet werden muss, um die direkten und indirekten sozialen Konsequenzen präventiv steuern zu können.

 

 

 

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