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Die Genossenschaft als soziales Geschäftsmodell

Wie man die soziale Wirkkraft durch ein gemeinschaftlich geführtes Unternehmen erhöhen kann.

Philip Hector

RechtNetzwerk

Soziales Unternehmertum will langfristig unabhängig sein. Eine stabile Finanzierung sowie ein selbsttragendes Geschäftsmodell sind hierfür essentiell. Sozialunternehmer stehen dabei vor vielfältigen und oftmals anderen Herausforderungen als konventionelle Unternehmen. Denn ihre Geschäftsmodelle sind häufig von einer deutlich höheren Komplexität gekennzeichnet, da sie - wie z.B. Non-Profit-Organisationen (NPO) - sowohl ihr Einkommen (“revenue stream”) als auch ihre soziale Wirkkraft (“social impact”) aufrecht erhalten müssen.

Je nach Ausgangslage und Ziel gibt es für Sozialunternehmer verschiedene mögliche Rechtsformen, wie zum Beispiel den eingetragenen Verein (e.V.), die gemeinnützige gGmbH oder die GbR. In diesem Artikel geht es nun um ein weiteres soziales Geschäftsmodell, mit dem soziales Wirtschaften in die Realität umgesetzt werden kann: die Genossenschaft. Diese stellt einen Klassiker der sozialen Geschäftsmodelle mit langer Tradition dar und kann auch als sozial-politisches Instrument verstanden werden.

Was ist ein Geschäftsmodell?

"Das Geschäftsmodell klärt, wie Sie Ihren Wirkkreislauf starten und ihn fortwährend finanzieren”, erklärt Ehrenfried Conta Gromberg vom Beratungshaus Spendwerk. Die Frage ist also: für was erhält die Organisation von wem, auf welche Weise Geld.

Im Gegensatz zu dem etwas statischen Businessplans, der die erwarteten Ausgaben den erhofften Einnahmen gegenüberstellt, folgt das Geschäftsmodell einem dynamischen Ansatz. Er beschreibt, wie eine Organisation Werte schafft, diese dem Kunden vermittelt und dadurch Einnahmen generiert. Denn, gleichermaßen wie konventionelle Unternehmen, müssen soziale Unternehmen Ihren Kunden den Nutzen ihrer Angebote vermitteln und deutlich machen, aus welchen Gründen diese für ihre Angebote zahlen sollen. Wenn ihr mehr über die Erstellung eines Businessplans oder Businessmodels erfahren wollt, gibt es hierzu den passenden Artikel.

Was versteht man unter einer eingetragenen Genossenschaft (e.G.)?

Unter einer Genossenschaft ist der freiwillige Zusammenschluss von Personen zu verstehen, die das Ziel verfolgen, die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sichern. Dies geschieht anhand eines gemeinschaftlichen und demokratisch geführten Betriebs. Zweck einer Genossenschaft ist es also, die sozialen oder kulturellen Belange durch einen gemeinsamen Geschäftsbetrieb zu fördern.

Den meisten ist das Modell der Genossenschaft vor allem aus dem Wohnungsbau oder dem Bankwesen bekannt. Im Laufe ihrer Geschichte hat sich die Genossenschaft aber in den verschiedensten Märkten etabliert und in Größe und Struktur unterschiedlich ausgebildet. Die Mitglieder einer Genossenschaft sind hier immer zugleich Eigentümer und Kunde. Von der rechtlichen Seiten aus betrachtet kombiniert die Genossenschaft somit Elemente einer Aktiengesellschaft mit Elementen eines Vereins: die Eigentümer haben Anteile am Eigenkapital (wie in einer Aktiengesellschaft) und gleichzeitig eine Stimme, unabhängig von der Höhe der Anteile (wie bei einem Verein).

Nach Schätzungen gab es 2015 in Deutschland etwa 8000 Genossenschaften mit insgesamt über 20 Millionen Mitgliedern. Die weltweit größte Genossenschaft kommt jedoch aus Spanien: das Unternehmen Mondragon (MCC). Die Geschäftsbereiche von MCC reichen von Maschinenbau über Einzelhandel bis hin zum Banken- und Versicherungswesen. Als größter Arbeitgeber des Landes erwirtschaftet MCC jährlich einen Umsatz von 14 Milliarden Euro - ein eindrucksvoller Beleg für die Skalierbarkeit und das Potential dieses Geschäftsmodells. Es gibt allerdings auch Zusammenschlüsse kleinerer Art wie zum Beispiel die Lotsen des Nord-Ostsee-Kanals, eine der bedeutendsten Schifffahrtsstraßen des weltweiten Handels. Und auch für Startups oder kleinere Unternehmen bietet sich ein genossenschaftliches Geschäftsmodell an, wie das erfolgreiche Beispiel Kartoffelkombinat aus München zeigt.

Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über den Anteil von Genossenschaften sowohl nach Ländern als auch nach Sektoren:

WCM Report 2014: World Co-operative Monitor - Exploring the co-operative economy

Parallelen zwischen damals und heute

Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog sich der Durchbruch der Industrialisierung im Gebiet des heutigen Deutschlands. Der Gründungsvater der genossenschaftlichen Raiffeisenorganisation Friedrich Wilhelm Raiffeisen unterstützte die zunehmend verarmte Landbevölkerung seiner Region durch Brotspenden und gründete einen karitativen Verein frei nach dem Motto “Was dem einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele". Zeitgleich versuchte der Patrimonialrichter und Politiker Hermann Schulze-Delitzsch anhand regionaler Zusammenschlüsse den Mittelstand zu stützen und schuf mit seiner Schuhmachervereinigung die Rechtsform der Genossenschaft. Nicht zuletzt durch eine Auseinandersetzung mit Delitzsch gelangte schließlich auch Raiffeisen zu der Überzeugung, dass dauerhaft erfolgreiche Arbeit nur durch gemeinschaftliche Selbsthilfe anstelle von karikativer Arbeit funktionieren könne.

Zwar hat sich die gegenwärtige politische Lage zu damals sehr verändert, es lassen sich dennoch einige Parallelen aufzeigen. So scheint der Staat heute in vielen Belangen nicht in der Lage zu sein, die notwendige Unterstützung zu leisten. Zudem nimmt die ungleiche Verteilung von Vermögen und Sicherheiten stetig zu. Vor dem Hintergrund von Rohstoffknappheit und Umweltzerstörung einerseits sowie zunehmender Vernetzung und Flexibilität andererseits, könnte ein ähnlicher Umbruch wie damals stattfinden. An mancher Stelle wird diese Transformation der Industrie bereits als industrielle Revolution 4.0 beschrieben, die weitreichende Konsequenzen für das Leben vieler Menschen mit sich bringt. Genossenschaftlich organisierte Geschäftsmodelle können hier dazu beitragen, diese Konsequenzen ab- bzw. aufzufangen.

Welche Vorteile bietet die eingetragene Genossenschaft (e.G.)? 

  • Der Zusammenschluss von Personen mit ähnlichen Interessen kann dabei helfen, Aufgaben zu bewältigen, die der Einzelne alleine nicht erfüllen kann.
  • Den Herausforderungen von Wettbewerb, monopolistischen Strukturen und Abhängigkeit steht hier ein Modell von Kooperation, regionaler Kompetenz und Selbständigkeit gegenüber.

Laut Genossenschaftsverband ist eine e.G.:

  • demokratisch (jedes Mitglied hat eine Stimme)
  • flexibel (Mitglieder können unkompliziert ein- und austreten)
  • sicher (die Haftung ist auf die Anteile begrenzt)
  • verantwortungsvoll (als ethische Geldanlage)
  • ausbaufähig (auf viele unterschiedliche Projekte)
  • wirtschaftlich (durch Ausschüttungen auf den Gewinn)
  • zukunftsweisend (z.B. für eine nachhaltige Energiewirtschaft in Bürgerhand)
  • kostengünstig

Die Genossenschaft stellt allerdings keine alternative Haltung zum wirtschaftlichen Wettbewerb dar. Es geht schlicht um das Erreichen einer gemeinsamen Größe, die Vorteile für die Einzelnen mit sich bringt. Dabei gilt es einen internen Wettbewerb zu vermeiden, um im Wettbewerb mit anderen Unternehmen bestehen zu können.

Quellen
 

 

Jede Genossenschaft muss einem Verband angehören, dem zuvor das Prüfungsrecht verliehen wurde. Dieser Verband prüft sowohl das Gründungsvorhaben im Interesse der Mitglieder und Gläubiger als auch die wirtschaftliche Entwicklung in regelmäßigen Zeitabständen. Darüber hinaus berät er seine Mitgliedsgenossenschaften umfassend in betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und steuerlichen Fragen.

Für die Gründung einer eingetragenen Genossenschaft bedarf es mindestens drei Personen. Ein Mindestkapital ist nicht vorgeschrieben, der Genossenschaftsverband prüft aber, ob die Eigenkapitalausstattung angemessen ist. Wie das Wort „eingetragen“ bereits suggeriert, muss eine Genossenschaft in das Genossenschaftsregister des zuständigen Amtsgerichts (Registergericht) eingetragen werden. Sie ist somit eine juristische Person und damit Träger von Rechten und Pflichten. Zudem setzt die Gründung eine Konzeption, einen rechtlichen Rahmen (sogenannte Satzung) und ein Geschäftsmodell voraus.

Die Satzung der Genossenschaft ist ihre innere Verfassung und bildet den rechtlichen Rahmen indem sie die Struktur, die Kompetenzen und die Ziele der Genossenschaft festsetzt. In ihr werden in schriftlicher Form Angaben zu Firma, Sitz, Gegenstand des Unternehmens, Nachschusspflicht in der Insolvenz, Formvorschriften für die Generalversammlung, Form der Bekanntmachung und Höhe des Geschäftsanteils zur Bildung der gesetzlichen Rücklage festgehalten.

In der Regel hat eine Genossenschaft einen Vorstand, einen Aufsichtsrat und eine Generalversammlung. Der Jahresabschluss muss sowohl vom Genossenschaftsverband überprüft, als auch beim Genossenschaftsregister vorgelegt werden.

Auf der Seite des Genossenschaftsverbands findet man weitere Details zur eG als Rechtsform.

Der Prüfungsverband der kleinen und mittelständischen Genossenschaft e.V. hat einen nützlichen Gründungsleitfaden für Genossenschaften erstellt.

Quellen
 

 

Das Kartoffelkombinat wurde 2012 von Simon Scholl und Daniel Überall ins Leben gerufen. Auf ihrem Blog beschreiben die Gründer ihre Motivation und die Funktionsweise des Startups:

 

Unser Ziel ist der Aufbau einer gemeinwohlorientierten Struktur für die regionale, saisonale Lebensmittelversorgung.

 
 

Dafür haben sie eine sogenannte Solidarische Landwirtschaft (Community Supported Agriculture, CSA) gegründet. Dies ist eine Produktionsgemeinschaft von Münchner Haushalten und regionalen Erzeugern für saisonales Bio-Gemüse, Brot und Honig. Diese Lebensmittel werden alle in einem Naturland-Betrieb im Münchner Umland unter fairen Arbeitsbedingungen angebaut. Darüber hinaus veranstaltet die Genossenschaft Veranstaltungen und Seminare zur Lebensmittelverarbeitung und –lagerung sowie anderer Do-it-yourself Tricks.

Bei einer Vorauszahlung von monatlich 68€ sowie einer einmaligen Beteiligung von 150€ erhält man als Mitglied im Jahr 46 Kisten mit saisonalem Gemüse. Ein optionales Zusatz-Abo für Brot steht auch zur Verfügung.

 

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