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Nachhaltig gebildet.

Mit den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung will die UN unsere Welt gerechter machen. Bildung ist der Schlüssel, damit aus der Vision Wirklichkeit wird.

Markus Hensel Peter Hershey

BildungInnovationSchwerpunktSchule

Unsere Welt ist ungerecht!

Gut, diese Erkenntnis ist vielleicht nicht neu, doch heute ist das Phänomen Ungerechtigkeit komplexer denn je. Wir leben nicht mehr in einer Sklavenhaltergesellschaft wie im alten Rom, es gibt keinen Klassenkampf mehr zwischen Großverdienern und Proletariat. Selbst die Zweitteilung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Südkorea ist mittlerweile höher als in Griechenland oder Portugal, wer in Uruguay lebt, verdient dort im Durchschnitt mehr als in Polen.

Um Ungerechtigkeit zu erkennen, reicht also nicht mehr der bloße Blick auf die politische Weltkarte — die Trennlinien zwischen Arm und Reich, zwischen Diskriminiert und Bevorzugt, zwischen Gerecht und Ungerecht durchziehen jede Gesellschaft auf jeder Ebene. Der Kampf für Gerechtigkeit ist so komplex geworden, dass er nur dann zu gewinnen ist, wenn sich alle Staaten der Welt gemeinsam dafür einsetzen.

Die Global Goals: Die Welt gemeinsam gerechter machen

Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2015 haben sich deshalb 193 Staaten zu einer gemeinsamen Agenda bekannt, mit der sie bis 2030 der Vision einer gerechteren Welt ein Stück näher kommen möchten.

In den 17 „Global Goals for Sustainable Development“ (Globale Ziele für nachhaltige Entwicklung) der Vereinten Nationen verständigten sich die Staats- und Regierungschefs unter anderem darauf, Armut und Hunger zu bekämpfen, sich für Geschlechtergleichheit einzusetzen und die Welt zu einem friedlicheren und gerechteren Ort zu machen.

Nachhaltigkeit ist dabei das Grundprinzip der Global Goals. Dabei geht es aber nicht nur um Umweltschutz, denn nachhaltige Entwicklung ist ein umfassenderes Konzept. Sie zielt zwar auch auf den technologischen Fortschritt, aber eben nicht um jeden Preis. Denn wer Gerechtigkeit nachhaltig denkt, muss das über die heute auf der Erde lebenden Generationen hinaus tun.

Die Global Goals der Vereinten Nationen.

2030. Das klingt vielleicht nach Zukunftsmusik, doch tatsächlich ist der Zeitplan ziemlich straff — in weniger als 15 Jahren sollen weltweit Hunger und Elend von unserer Erde verschwunden sein — heute leben aber mehr als eine Milliarde Menschen in absoluter Armut.

Und wie kann man diese Ziele erreichen?

Einer der wichtigsten Schlüssel zum Erreichen der Global Goals ist Bildung. Und zwar auf allen Ebenen und in allen Ländern. Denn — so die Botschaft der Vereinten Nationen — die globalen Ziele gehen uns alle etwas an. Den mehrfach privilegierten, weißen Mann in der New Yorker Oberschicht genauso wie die systematisch benachteiligte, dunkelhäutige Frau in den Slums von Delhi.

Für ein Mädchen, das in einem Land auf die Welt kommt, in dem es extreme Ungleichheit gibt, wo viele Menschen nicht genug verdienen, um sich und ihre Familie zu ernähren und Frauen systematisch diskriminiert werden, ist Bildung oft der einzige Weg, um sich aus ihrer eigenen unverschuldeten Sprachlosigkeit zu befreien und selbstbewusst ihre Stimme zu erheben.

Eine junge Frau, die genau das geschafft hat, ist die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai. Die Kinderrechtsaktivistin stammt aus einer Region in Pakistan, wo die radikalislamische Taliban-Miliz viele Mädchen mit Gewalt daran hindert, eine Schule zu besuchen. Malala bloggte bereits als junge Schülerin für die BBC unter einem Pseudonym über den Alltag in ihrer Heimat. Nachdem ihr tatsächlicher Name bekannt wurde, geriet sie in das Visier der Taliban, überlebte einen Mordanschlag nur knapp und lebt seitdem mit ihren Eltern im Londoner Exil. Doch auch von dort aus setzt sie sich bis heute für ihr Ziel ein: allen Mädchen auf dieser Welt einen Zugang zu guter Bildung zu ermöglichen.

 

Education is not a privilege. Education is a right. Education is peace.

Malala Yousafzai beim Weltgipfel der UN
 

Doch es reicht nicht, wenn die Armen, Benachteiligten und Diskriminierten ihre Stimme erheben, um für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen. Der Rest der Welt muss zuhören. Auch das gehört zur nachhaltigen Bildung: lernen empathisch zu fühlen und danach zu handeln.

Warum Bildung?

Nachhaltige Bildung ist mehr als das bloße Anhäufen von Wissen.  Im Gegensatz zur Ausbildung ist sie, so beschreibt es der Philosoph Peter Bieri, ein Wert an sich. Sie verfolgt zunächst keinen eindeutigen Zweck — das Ziel ist nicht, etwas Spezielles zu können; Bildung heißt zulassen, dass das, was ich weiß, etwas was mit mir macht und mich nachhaltig verändert.

Ein gebildeter Mensch, der vom Schicksal von Mädchen wie Malala Yousafzai erfährt, kann davon nicht unberührt bleiben, genauso wie von Nachrichten über die Zerstörung des Regenwaldes im Amazonas oder vom Krieg in Syrien. Er wird sein Wissen nutzen, um zu handeln und gegen die Ungerechtigkeit aktiv zu werden.

Diese nachhaltige Bildung beginnt mit der Neugierde, die in allen Menschen steckt. Jedes Kind trägt in sich den Wunsch, die Welt zu erfahren und zu entdecken, was es alles zu entdecken gibt. Diese Neugierde ist nicht zielgerichtet, sondern geht in die unterschiedlichsten Richtungen. Sie reicht von der Entstehung des Universums bis zur Zusammensetzung von Atomen.

Das sollte die Aufgabe von Schule sein: Diese Neugier gleichzeitig zu nähren und zu stillen. Antworten auf die Fragen zu geben, die den Schülern unter den Nägeln brennen und gleichzeitig neue Frage aufzuwerfen, verschiedene Perspektiven aufzuzeigen und zu demonstrieren, dass es nicht nur die eine wahre Antwort auf eine Frage gibt, sondern immer verschiedene, wertvolle Sichtweisen.

Und was hat das mit Deutschland zu tun?

Vergleicht man unser Bildungssystem mit denen im Rest der Welt, scheint erstmal alles in Ordnung zu sein. In Deutschland gibt es eine allgemeine Schulpflicht, Jungen und Mädchen lernen an den allermeisten Schulen gemeinsam, mehr als die Hälfte aller Schüler und Schülerinnen eines Jahrgangs macht Abitur. Doch auch in Deutschland knirscht es noch an einigen Stellen gewaltig im Bildungsgetriebe. In der Schule geht es viel zu oft um das Auswendiglernen von Unterrichtsinhalten. Statt den Schülern zu zeigen, warum Bildung wertvoll ist, arbeitet das Schulsystem meist mit Zwang. Bildung als Wert an sich rückt in den Hintergrund, Schule ist oft nur Ausbildung.

Global Goals Curriculum – gemeinsam nachhaltig bilden

Eine Frau, die das ändern möchte, ist Margret Rasfeld. Die Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum geht schon seit Langem andere Wege als die meisten Lehrer. Normale Schule findet sie träge, denn viele Menschen – Lehrer, Eltern genauso wie Schüler – haben Angst vor Veränderung. Deshalb setzt Margret Rasfeld in ihrer pädagogischen Arbeit auf Musterbrüche, die Situationen schaffen, in denen man sein altes Verhalten einfach nicht mehr leben kann.

Die Evangelische Schule arbeitet deshalb in Jahrgangsmischung – Schüler aus drei verschiedenen Jahrgangstufen finden sich zusammen und arbeiten in gemischten Gruppen. 

Die Schüler sind dabei nicht bloß passive Lernstoff-Konsumenten, sondern aktive Lernexperten: Sie leiten Fortbildungen für Studenten und Lehrer — schließlich wissen sie am besten, wie Unterricht aussieht, der ihnen Spaß macht und sie gleichzeitig fordert.  

Außerdem setzt sich Margret Rasfeld für eine Schule ein, in der wirklich fürs Leben gelernt wird. Neben Physik, Mathe oder Deutsch gibt es deshalb auch das Fach Herausforderung. Statt die Schulbank zu drücken, werden Schüler mit 150 Euro in die Welt geschickt und müssen damit eine Herausforderung meistern. Dabei lernen sie mit Unsicherheit umzugehen und erfahren, dass sie, mit dem was sie tun, etwas bewegen können. „Selbstwirksamkeitserfahrung“, nennt Margret Rasfeld dieses Prinzip.

Ihre eigene Selbstwirksamkeit entfaltet die Schulleiterin, indem sie ihre Ideen in die Welt trägt. Sie ist eine Initiatorin des Global Goals Curriculum, das im Mai 2016 in Berlin stattfand. Gemeinsam mit anderen Bildungsinnovatoren ist sie dort angetreten, um Schule im Großen zu verändern. Das Ziel ist ein Curriculum, das Menschen dazu befähigt, die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. In Schule, Zivilgesellschaft und Wirtschaft.

 

Wie wird aus innovativen Ideen eine Bewegung?

Ideen, wie nachhaltige Bildung fördern könnte, um wirklich etwas zu bewegen, gibt es also bereits. Um die Global Goals noch bekannter zu machen, hat die UN außerdem die sogenannte World’s Largest Lesson ins Leben gerufen, die seit 2015 jährlich stattfindet. Auf der Website von Unicef gibt es Unterrichtsmaterialien zum Download, die Lehrer nutzen können, um ihren Schülern die Global Goals näherzubringen und zu erklären, was nachhaltige Entwicklung überhaupt ist.

Was nun folgen muss, ist ein zweiter Schritt: All die guten Ideen müssen umgesetzt werden. Um tatsächlich etwas zu verändern, müssen dabei alle anpacken und sich gemeinsam in eine Richtung bewegen.

Was wir brauchen ist eine Reform des Bildungssystems, die eine Schule hervorbringt, in der nicht nur Auswendiglernen gefördert wird, sondern ganzheitliche Bildung im Vordergrund steht. Was wir brauchen sind Lehrer, die bereit sind, neue Wege zu gehen und Schulleiter, die sie dabei nicht blockieren, sondern unterstützen.  Was wir brauchen, sind Experten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die genau diese Innovationen entwickeln.

Damit aus der Vision einer gerechteren Welt Wirklichkeit werden kann.

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