Menü

Soziale Probleme - der Grund, warum es Sozialunternehmer gibt

Wie kommen soziale Probleme in die Welt?

InnovationGesellschaftVerantwortung

Soziale Probleme sind für uns alltäglich – wir haben gelernt mit ihnen umzugehen oder zu leben, sie zu lösen oder einfach nur zu ignorieren. Über das, was schiefläuft, reden wir viel zu selten. Gesellschaftliche Defizite und Störungen belasten uns zwar unterbewusst, doch um wirklich etwas zu ändern, fehlen uns oft der Wille und die Kraft. Offensichtlich gibt es eine Kluft zwischen scheinbar unrealistischen Idealen und der Wirklichkeit in einer Gesellschaft.

Wie eine ideale Welt aussieht, davon hat jeder seine eigenen Vorstellungen. Für die einen sind es sozialer Frieden, Gleichheit und Demokratie, für die anderen schichtenübergreifender Wohlstand. Die Vorstellung einer idealen Welt Superreicher wird vermutlich anders aussehen, als derer, die am Existenzminimus leben. In einer Gesellschaft leben unterschiedlichste Menschen mit verschiedensten Interessen – was den Luxus des einen sichert, gefährdet die Existenz des anderen. In Industrienationen wie Deutschland wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. So verfügten im Jahr 2013 laut der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) zehn Prozent der Haushalte über 51,9 Prozent des Nettovermögens. Im Vergleich: Im Jahr 1998 waren es lediglich 45,1 Prozent.

Doch warum ist es notwendig, sich mit sozialen Defiziten, wie der Schere zwischen Arm und Reich zu beschäftigen oder auch deren Ablauf genauer zu verfolgen? Je größer die sozialen Probleme, umso vielfältiger das Betätigungsfeld des Sozialunternehmers. Denn gäbe es keine sozialen Probleme, gäbe es auch keine Sozialunternehmen, die versuchen, sie zu lösen. Deshalb ist es interessant zu wissen, wie soziale Probleme aufkommen und wie man sie überhaupt erkennt. Denn erst wenn man weiß, was in einer Gesellschaft schiefläuft, kann man kreative Lösungsansätze finden. Zu den bekannten Problemen gibt es Sozialunternehmen in vielfacher Ausführung. Besonders beliebt sind seit einiger Zeit Projekte, die helfen sollen, in der Flüchtlingskrise Hilfe anzubieten. Doch obwohl dieses Thema überaus wichtig ist, besteht die Herausforderung auch darin, noch weitestgehend unbekannte Probelme zu reflektieren und ernst zu nehmen.

Probleme werden erst dann zu sozialen Problemen, wenn sie in der Gesellschaft als solche wahrgenommen werden. Also stellt sich die Frage, ob dann nicht viele gesellschaftliche Probleme unter den Tisch fallen. Häufig macht es den Eindruck, als würden Spezialisten einzelner Fachbereiche zwar über aufkommende Schwierigkeiten und Fragen diskutieren, doch in den meisten Fällen dringen diese Diskussionsfragen nicht bis zur Öffentlichkeit vor. Bis es solch ein Thema ins Blickfeld der öffentlichen Betrachtung schafft, durchläuft es verschiedene Etappen — man kann sich das so vorstellen: als würde die Frage eine steile Treppe bis ins Dachgeschoss eines Hochhauses laufen. Wobei viele Fragen im unteren Stockwerk hängen bleiben und nie das Dachgeschoss erreichen, welches einen weiten Überblick verschafft.

Herbert Blumer, ein amerikanischer Soziologe, hat sich schon in den 1930er Jahren mit der Entwicklung sozialer Probleme auseinandergesetzt. Auch wenn seine Erkenntnisse bereits viele Jahrzehnte zurückliegen und sich die Gesellschaft als auch deren Ansichten in dieser Zeit enorm entwickelt und verändert haben, lassen sich aus seinen Thesen bis heute interessante Schlüsse ziehen. Den Entstehungsprozess beschreibt er in einem Fünf-Phasen-Plan:

  1. Auftauchen eines sozialen Problems

Fakt ist: Viele soziale Probleme ringen um gesellschaftliche Anerkennung, aber nur wenige erreichen das Ende des Trichters. Solange die Gesellschaft ein Problem nicht bewusst wahrnimmt, können keine Lösungsansätze gefunden werden. Selbst wenn es ein paar Menschen gibt, die das Problem als solches erkennen, fehlt ihnen oft der nötige Einfluss, um ihre Mitmenschen von der Relevanz dieses Problems zu überzeugen. Diese Prozedur zieht sich so lange hin, bis der gesellschaftliche Leidensdruck groß genug ist, doch bis es so weit ist, wird ihre Stimme überhört und die Missstände ignoriert. Wird das Problem dann doch wahrgenommen und tritt ins Blickfeld der breiten Öffentlichkeit, kann das einen großen Schock auslösen. Oftmals kann sich die Gesellschaft dann der Thematik nicht mehr entziehen, da diese zu mächtig im Raum steht.  

Um gesellschaftliche Anerkennung ringt gerade die Frage, warum die  Gesellschaft an der Wachstumsideologie festhält und die Auswirkungen ausblendet. Allerdings gerät dieses Problem allmählich immer mehr ins Zentrum öffentlicher Diskussionen, weshalb sich ein Übergang zur nächsten Phase, der Legitimation von gesellschaftlichen Problemen, ausmachen lässt. Die Meinungen zum Thema Wirtschaftswachstum gehen in der breiten Bevölkerung stark auseinander. Einige sind nach wie vor der Ansicht, Wirtschaftswachstum sei die einzig erfolgreiche Methode, um der Gesellschaft Wohlstand zu sichern. Andere sind hingegen der Überzeugung, dass ein stetiges Wachstum nicht möglich sei, weil natürliche Ressourcen nicht unbegrenzt vorhanden seien. Denkt man noch einen Schritt weiter, stellt sich auch die Frage, was der stetige Wachstum aus Menschen macht, die unter einem dauerhaften gesellschaftlichen Druck stehen. Was würde passieren, wenn ein Bevölkerungsteil aus der Wachstumsideologie einfach ausbrechen würde, indem er sich selbstorganisiert und selbstversorgt? Wäre so etwas heute überhaupt möglich? Weder die öffentliche Berichterstattung beschäftigt sich mit diesem Thema, noch ist sich die Bevölkerung in dieser Entwicklungsfrage einig.

  1. Die Legitimation sozialer Probleme

Auch nach einem kurzen Schreckensmoment kann das Problem schnell wieder verschwinden, wenn es sich mit der öffentlichen Meinung nicht deckt. Um diese Legitimität zu erreichen, ist es für das soziale Problem unumgänglich, im Zentrum der öffentlichen Betrachtung zu stehen. Das bedeutet, dass in sämtlichen öffentlichen Diskussionen unter anderem dieses soziale Problem besprochen wird. Dadurch wird die Bedeutung im Bewusstsein der Zuhörer manifestiert. Dies geschieht unter anderem durch Presse- und Kommunikationsmedien, religiöse Einrichtungen, Schulen und Versammlungen. Während dieser Zeit durchläuft ein gesellschaftliches Problem einen selektiven Prozess. Gesellschaftliche Eliten, die über viel politischen und wirtschaftlichen Einfluss verfügen, verhindern, dass das eigentliche Problem Teil öffentlicher Diskussionen wird. Probleme werden abgewürgt, ignoriert, gemieden.

Mit der Legitimation, also der Aufmerksamkeit in der breiten Masse, hat aktuell das Ressourcenproblem um den Rohstoff Sand zu kämpfen. Eine Vielzahl wirtschaftlicher Akteure hat kein Interesse daran, dass dieses Problem in der Gesellschaft wahrgenommen wird. So kommt es auch, dass ein Großteil der Bevölkerung gar nicht wirklich weiß, dass die Basis zur Produktion von Beton zum Bau von Gebäuden und Glas, aus dem Meer kommt und immer knapper wird. Durch menschliche Eingriffe, wie Stauseen, wird verhindert, dass neuer Sand in die Meere gelangt. Strände verlieren ihren Sand, das Ökosystem sein Gleichgewicht. Klar ist, dass insbesondere die Bauindustrie in Industrienationen von diesem Rohstoff abhängig ist, weshalb die dramatischen Auswirkungen der Öffentlichkeit so gut wie möglich vorenthalten werden. Erst, wenn im Sommerurlaub mit erstaunen festgestellt werden wird, dass der Strand abhanden gekommen ist, wird es schwer, die Problematik zu verbergen. Und erst dann, wenn der Sandverlust für viele sichtbar wird, werden öffentliche Diskussionen aufkommen. 

  1. Mobilisierung des Handelns

Die Gesellschaft wird zum Handeln mobilisiert, wenn das Problem zum Gegenstand von Kontroversen unterschiedlicher Darstellungen, Diskussionen und Forderungen wird. Während diesem Ablauf werden strategische Interessen erstmals vertreten, indem politische und wirtschaftliche Akteure mit hoher Handlungsmacht zusammenkommen. In dieser Phase befindet sich die Kritik am Bildungssystem. Immer wieder wird die richtige Förderung für Kinder und Jugendliche debattiert. Auch zahlreiche Sozialunternehmer wie etwa RockYourLife! beschäftigen sich mit Förderungsoptionen benachteiligter oder falsch geförderter Schülerinnen und Schüler, indem sie diesen Mentoren zur Seite stellen, die individuell auf Fragen eingehen.  

 

  1. Ausarbeitung eines offiziellen Handlungsplans

Hat man die breite Öffentlichkeit zum Handeln mobilisiert, wird in Ausschüssen, gesetzgebenden Versammlungen, im Parlament oder im Management von Unternehmen dann ein offizieller Handlungsplan ausgearbeitet, um auf das soziale Problem zu reagieren.  Der Handlungsplan ist letzten Endes das Ergebnis von Verhandlungen verschiedenster Akteure, die ihre Interessen durchsetzen möchten. Dabei spielt die jeweilige Machtposition der einzelnen Akteure aus Politik, Wirtschaft und den jeweiligen Fachbereichen bei der endgültigen Formulierung des Handlungsplans eine große Rolle. Ziel ist es, eine gemeinsame Basis zu finden, einen Art Kompromiss, der der Überzeugung der breiten Bevölkerung entspricht.

 

  1. Ausführung des offiziellen Handlungsplans

Der Handlungsplan ist der erste Schritt zur Lösung eines sozialen Problems. Doch in der Realität führt die tatsächliche Ausführung meist vom festgelegten, ursprünglichen Gedanken ab. Hierfür sind soziale Probleme zu komplex und von zu vielen Einflüssen und Interessen umgeben, als dass der Handlungsplan ohne Komplikationen durchgesetzt werden kann. Sinn und Zweck des offiziellen Handlungsplans ist es, richtungsführend das Handeln zur Lösung des Problems zu erleichtern. Erschwert wird der Ablauf, wie es etwa bei ökologischen Krisen häufig der Fall ist, durch widersprüchliche wirtschaftliche und politische Interessen. So wird ein Ölkonzern mit Sicherheit alles Machbare unternehmen, um zu verhindern, dass striktere ökologische Richtlinien in einem Gebiet veranlasst werden, in dem sich eine ihrer Ölplattformen befindet. Während Non-Profitorganisationen wie Greenpeace jede Möglichkeit nutzen werden, um ihre politisch-ökologischen Ideale zu vertreten.

Die genaue Betrachtung dieser Phasen, wie sie Blumer beschrieb, zeigt die Komplexität und Vielschichtigkeit des Themas, aber vor allem, welches Gewicht eine flächendeckende Einigkeit durch mediale Präsenz in einer Gesellschaft haben kann. Individuen mit ihren einzigartigen Ansichten haben lediglich geringe Handlungsmöglichkeiten im Vergleich zur breiten Masse. Bei der Lösung von gesellschaftlichen Missständen spielen Soziale Innovationen eine große Rolle. Grundlage der meisten Sozialunternehmen ist eine innovative Idee, die ein Problem eindämmen soll. Auch Sozialunternehmen, die relaio.de in den letzten Monaten interviewt hat, haben ein soziales Problem erkannt und auf Grundlage dessen eine Geschäftsidee ausgearbeitet und umgesetzt, wie etwa Cucula e.V. und Kuchentratsch.  

Die „Schlesische 27“ in Berlin hat im Winter 2013 einigen schutzsuchenden Flüchtlingen aus Westafrika Unterschlupf geboten. Die Gründer des Vereins Cucula, Sebastian Däschle und Corinna Sy, waren zu dieser Zeit noch hauptberuflich als Architekten und Produktdesigner beschäftigt. Die Idee zum heutigen, erfolgreichen Sozialunternehmen entstand während einer spontanen Hilfsaktion, als Däschle und Sy begannen, mit den jungen Männern aus Westafrika Möbel zu bauen. Ursprünglich nur als einmalige Aktion, um das Einrichten und die Integration in der neuen Heimat zu erleichtern. Heute baut das Team von Cucula in ihrer Kreuzberger Werkstatt hochwertige Designermöbel. Die Tische und Stühle sind nicht nur individuell, sondern halten durch ihre handwerklich sorgfältige Herstellung einigem Stand. Das Problem lag damals klar auf der Hand, auch wenn es zu dieser Zeit noch nicht in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wurde.  

 

Sebastian Däschle, Gründer des Vereins „Cucula!

 

Das Gründerteam des Sozialunternehmens Kuchentratsch hat vor Jahren auf Familienfeiern festgestellt, dass ihren eigentlich so fitten Großeltern die sinnvollen Aufgaben ausgehen. Nachdem sich Katharina und Katrin intensiv mit dem demographischen Wandel beschäftigt hatten, wurde klar, welches Lebensgefühl das Nicht-mehr-gebraucht-Werden für die Senioren mit sich bringt. Dabei spielen sowohl das Thema Armut im Alter, als auch die Isolation eine große Rolle. Deshalb entschieden sich die jungen Frauen kurzer Hand, eine kleine Backstube zu mieten und dort die Kuchen zu backen, die alle so sehr lieben – Omas Kuchen. Seit mehreren Jahren backen an zwei bis drei Tagen die Woche abwechselnd über 20 Seniorinnen und Senioren gemeinsam Rotweinkuchen, Streuselkuchen und viele weitere Sorten. Dadurch, das Omas Kuchen so gut ankommen, haben die Seniorinnen und Senioren nicht nur Spaß an der Sache, sondern können auch ihre Rente mit etwas Taschengeld aufstocken. So kann aber nicht nur die finanziell schwierige Situation der Senioren verbessert, sondern auch ein neues soziales Umfeld aufgebaut werden. Wie problematisch das Thema Altersarmut tatsächlich ist, wurde den Gründerinnen erst bewusst, als sie durch den engen Kontakt zu den Seniorinnen und Senioren erfahren haben, dass beinahe alle bei ihnen Beschäftigten am Existenzminimum leben.

 

Katharina und Katrin, die Gründerinnen von „Kuchentratsch“

 

Wie wichtig die Identifikation von sozialen Herausforderungen ist, unterstreichen verschiedenste Start- und Entwicklungsprozesse zahlreicher Sozialunternehmen. Langfristig haben nur diejenigen eine Chance, die den Bedarf und die Bedürfnisse der Gesellschaft genau zur richtigen Zeit als solchen benennen können und auf Basis dessen in der Lage sind, die Lösung zu finden, die die Gesellschaft verlangt.

In unserer immer globaler werdenden Welt werden sozialen Probleme heute wie künftig nicht nur lokal, sondern auch immer internationaler stattfinden. In Europa wird die prekäre Lage in Kriegsgebieten wie Syrien seit Monaten durch die hier ankommenden Flüchtlingen sichtbar. Nachdem sich Bedürfnisse und soziale Belange immer schneller ändern und auch der technische Fortschritt unaufhaltsam seinen Lauf nimmt, wird es immer wichtiger, mit einem aufmerksamen und sensiblen Blick Entwicklungen zu beobachten. Um langfristig den sozialen Frieden zu wahren, ist es notwendig, gesellschaftliche Missstände zu identifizieren, ernst zu nehmen und wohlüberlegt auf sie zu reagieren. Nachdem Arbeitsabläufe immer spezialisierter werden und unsere Welt immer komplexer und schwerer zu verstehen ist, werden die Herausforderungen eher zu- als abnehmen. 

Quellen
  • Gesellschaft innovativ – Wer sind die Akteure? Hrsg. Cordula Kropp und Gerald Beck, S. 9, Springer Verlag

  • Herbert Blumer – Symbolischer Interaktionismus – Aufsätze zu einer Wissenschaft der Interpretation – 4. Soziale Probleme als kollektives Verhalten, Hrsg. Heinz Bude, Michael Dellwing, Verlag Suhrkamp 

  • Theorie sozialer Probleme im Widerstreit zwischen „objektivistischen“ und „rekonstruktionistischen“ Ansätzen, Günter Albrecht, Bielefeld

  • Soziologische Konstruktionen sozialer Probleme und gesellschaftliche Herausforderungen - Eine Einführung,  IN: Soziale Probleme Zeitschrift für soziale Probleme und soziale Kontrolle, Axel Groenemeyer

 

 

Dossier als PDF speichern

Dossier teilen